Mit Werten um die 20 Prozent liegt die Volkspartei deutlich hinter der FPÖ. Stocker räumt ein, dass ihn diese Zahlen nicht zufriedenstellen. Allerdings seien Regierungen weltweit mit einem Vertrauensverlust konfrontiert. Viele Erwartungen der Bevölkerung ließen sich angesichts internationaler Krisen nur schwer erfüllen, erzählt er dem Kurier.

Gleichzeitig sieht der Kanzler ein Kommunikationsproblem: Die Regierung setze zahlreiche Maßnahmen um, schaffe es aber nicht ausreichend, diese den Menschen verständlich zu vermitteln.

„Die Stimmung muss sich ändern“

Für Stocker reicht es deshalb nicht aus, wirtschaftliche Kennzahlen oder die Inflation zu verbessern. Entscheidend sei, dass sich auch die Stimmung im Land wieder aufhelle.

Als Beispiele nennt er den Rückgang der Inflation auf rund zwei Prozent, das Ende der Rezession sowie erste Anzeichen eines Wirtschaftswachstums. Dennoch spiegelten sich diese Entwicklungen bislang kaum in den Umfragen wider. Mit Markus Gstöttner übernimmt ein neuer Generalsekretär das Kommando in der ÖVP. Sein Vorgänger Nico Marchetti scheidet nach eineinhalb Jahren einvernehmlich aus.

Stocker setzt große Hoffnungen auf den Wechsel. Gstöttner soll die Partei organisatorisch neu aufstellen, ihre Kampagnenfähigkeit stärken und moderne Strukturen schaffen. Die Koordinierung der Reformpartnerschaft übernimmt künftig Staatssekretär Alexander Pröll.

Reformen sollen den Staat schlanker machen

Auch bei den Reformen zieht Stocker eine positive Bilanz. Besonders im Gesundheitsbereich seien wichtige Fortschritte gelungen. Neue Steuerungsmechanismen und verbindlichere Regeln sollen das System effizienter machen.

Eine Schließung von Spitälern schließt der Kanzler jedoch aus. Vielmehr gehe es darum, Patienten schneller und zielgerichteter zu versorgen – sei es im Krankenhaus, bei Hausärzten oder über moderne telemedizinische Angebote.

Besonders deutlich wird Stocker beim Thema Sicherheit. Angesichts des Krieges in der Ukraine und der angespannten Lage im Nahen Osten müsse Österreich seine Verteidigungsfähigkeit ausbauen.

Für ihn steht fest: Moderne Luftverteidigung sei unverzichtbar. Mit Blick auf das geplante SkyShield-System sagt der Kanzler unmissverständlich: „Der Krieg beginnt heute aus der Luft.“ Deshalb könne er nicht nachvollziehen, warum Teile der Opposition das Projekt ablehnen.

Auch eine Reform der Wehrpflicht mit verpflichtenden Milizübungen hält Stocker für dringend notwendig. Sollte im Parlament keine Einigung zustande kommen, schließt er auch andere Wege nicht aus.

Lebensmittelpreise und Budget im Fokus

Beim Thema Teuerung verweist der ÖVP-Chef auf Gespräche mit der Europäischen Kommission. Ziel sei es, den sogenannten Österreich-Aufschlag bei Lebensmitteln zu beseitigen. Gleichzeitig verteidigt Stocker die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel.

Neue Vermögens- oder Erbschaftssteuern lehnt er hingegen kategorisch ab. Trotz knapper finanzieller Spielräume verspricht der Kanzler Investitionen in Wirtschaft, Industrie und Arbeitsplätze.

Kurz und Kickl? Stocker bleibt gelassen

Zum viel diskutierten Treffen zwischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz und FPÖ-Chef Herbert Kickl wollte Stocker keine Spekulationen anheizen. Wenn die beiden etwas aus ihrer gemeinsamen politischen Vergangenheit zu besprechen gehabt hätten, dann hätten sie das eben getan, meinte der Kanzler.

Auch über ein mögliches politisches Comeback von Sebastian Kurz machte Stocker keine Andeutungen. Nach seiner Einschätzung wolle der ehemalige Bundeskanzler weiterhin als Unternehmer tätig bleiben.

Für Christian Stocker bleibt die Herausforderung groß: Die Regierung muss nicht nur Reformen liefern, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Ob das gelingt, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen – denn der Druck auf die Volkspartei wächst mit jeder neuen Umfrage.