Zwei Jahre ist es her. Donbas, nahe Bachmut und Tschassiw Jar. Zehn Drohnen starten, ohne Pilot, ohne Live-Kameraübertragung, nicht einmal mit Funkverbindung im Zielgebiet. Es geht nur um eines: zur Front fliegen – und alles angreifen, was die KI als Ziel erkennt.
So beschreibt Alexander Kokhanovskyy, ukrainischer Drohnenunternehmer, den damaligen Test gegenüber dem Wissenschaftsmagazin New Scientist. Die Drohnen sollen einen sogenannten „Terminator mode“ aktiviert haben. Eine KI habe anschließend selbständig Ziele gesucht und angegriffen.
Anschließend schickten die Ukrainer menschlich gesteuerte Drohnen in das Gebiet – nicht zum Angriff, sondern zur Überprüfung. Das Ergebnis: mehrere tote russische Soldaten, ein zerstörter LKW. Getötet nicht durch einen menschlichen Befehl, sondern durch die KI.
Kokhanovskyy formulierte es drastisch: „Alles, was sie sieht, wird getötet.“ Nicht der Startbefehl war autonom – den gab ein Mensch. Autonom gewesen sei der letzte Schritt: Zielauswahl und Angriff. Kein Mensch bestätigte im entscheidenden Moment das Ziel.
Der Unternehmer war nach eigenen Angaben nicht persönlich vor Ort. Eine Videoaufnahme des autonomen Angriffs existiert nicht. Das ukrainische Verteidigungsministerium bestätigte den Vorgang gegenüber New Scientist nicht.
Sollte der Bericht stimmen, wäre es ein Wendepunkt der Kriegsgeschichte: der wohl erste öffentlich bekannte Fall, in dem KI-Drohnen auf einem Schlachtfeld ohne menschliche Zielbestätigung im letzten Moment getötet haben.

Drohnen statt Raketen
Während dieser Test ein Einzelfall blieb, hat sich eine andere Drohnenrevolution in den Alltag des Krieges gefressen: mittelreichweitige Angriffsdrohnen. Reichweite: 30 bis 300 Kilometer. Ziel: russische Nachschublinien und Treibstoffdepots. Sie ersetzen, was zuvor nur westliche Systeme leisten konnten – allen voran das amerikanische Himars-Raketensystem.
Himars war 2022 kriegsentscheidend. Doch Russland lernte dazu. Elektronisches Jamming störte die GPS-Steuerung. Statt einer Rakete braucht es heute vier oder mehr für denselben Effekt, berichtet ISW-Direktor George Barros, Direktor des renommierten US-Kriegsforschungsinstituts ISW, gegenüber Business Insider.
Die neuen Drohnen umgehen das. Per KI. Verlieren sie im Endanflug den Funkkontakt, identifiziert die Onboard-KI das Ziel optisch und schlägt autonom ein. Das ermöglicht, was Himars typischerweise kaum kann: bewegliche Ziele jagen – Treibstoff-LKWs, Munitionskonvois, Kommandofahrzeuge.
In den vergangenen sechs bis acht Wochen wurden laut Business Insider mindestens 100 russische Logistikziele zerstört – mit Videobelegen dokumentiert. Analysten sprechen von einer möglichen Trendwende in einzelnen Frontabschnitten: Russland verliere dort mehr Terrain als es gewinne.
Dazu kommt die mobile Startlogistik. Bauteile werden mit europäischer Unterstützung geliefert, in der Ukraine zusammengebaut und mit zivilen LKW Richtung Front transportiert. Ladefläche runter – Drohnen starten. Für Russland kaum aufzuklären, berichtet Oberst Markus Reisner, Militärexperte und Leiter der Offiziersausbildung an der Militärakademie Wiener Neustadt, gegenüber den Oberösterreichischen Nachrichten: keine Flugplätze, keine fixen Rampen, keine erkennbaren Ziele.
Faktor 100 günstiger – und Russland zahlt doppelt
Eine Himars-Standardrakete kostet rund 170.000 Euro. Die Langstreckenversion ATACMS knapp eine Million. Eine Mittelstreckendrohne: zwischen 5.000 und 50.000 Euro. Bei vergleichbarer Reichweite.
Das erlaubt eine Skalierung, die mit westlichen Systemen undenkbar war. Ukrainische Hersteller wie FirePoint entwickeln bereits Modelle mit 200-Kilogramm-Sprengkopf – vergleichbar mit ATACMS.
Wenn Hunderte Drohnen anfliegen, wird die Luftabwehr überfordert. Selbst wenn 70 bis 90 Prozent abgeschossen werden, erreichen die übrigen ihre Ziele. Nicht jede Drohne muss durchkommen. Es reicht, wenn genug durchkommen.
Die Drohnenangriffe auf russische Ölinfrastruktur machen Moskaus Kriegsgewinne zusätzlich zunichte. Russland profitiert vom gestiegenen Ölpreis infolge des Iran-Krieges. Ukrainische Drohnen fressen diesen Vorteil Schlag für Schlag auf.
Die Ukraine muss für Drohnenziele keine Freigabe der Geberländer einholen. Das US-Verteidigungsministerium hatte Himars-Munitionstypen wiederholt gesperrt. Diese Abhängigkeit entfällt.
Der Drohnenkrieg wird damit auch zum Industriekrieg – und das betrifft Österreich direkt. Europäische Firmen liefern Bauteile für ukrainische Drohnen. Russland hat deshalb 21 Fabriken in Europa explizit bedroht. Hybride Angriffe und Sabotage werden daher zunehmen, sagt Reisner. Als Beispiel für diese Grauzone nennt der Experte den mutmaßlichen Sabotageversuch an einer Stromzuleitung zur Transalpinen Pipeline in Österreich.
„Drei bis sechs Monate Vorsprung“
Dass dieser Moment kommt, hatte Bundesheer-Experte Oberst Markus Reisner längst beschrieben. Im Standard-Podcast skizzierte er mehrere Evolutionsstufen: von analogen FPV-Drohnen über Glasfasersteuerung bis zur KI-Stufe.
Den ukrainischen Vorsprung bezifferte er gegenüber den Oberösterreichischen Nachrichten drei bis sechs Monate. Bisher hat Russland sechs bis zwölf Monate gebraucht, um ukrainische Vorteile auszugleichen. Die Zeit läuft.
Gelingt Russland der Ausgleich nicht rasch, ist die anstehende Sommeroffensive gefährdet. Das Zeitfenster ist eng – für beide Seiten. „Kommt die Diplomatie nicht voran, droht der Ukraine der nächste harte Winter“, warnt Reisner. Erneute Angriffe auf Energie und Infrastruktur drohen – massiv und flächendeckend.
Verboten – aber Regeln wackeln
Nach Angaben aus der ukrainischen Rüstungsbranche erlaubt die Ukraine derzeit keinen vollautonomen Letztzugriff. Der Mensch soll in der letzten Phase eingebunden bleiben.
Doch die Industrie drängt. Drohnenhersteller Kokhanovskyy: „Ich würde es gerne tun.“ Sein System Alita kommt im Oktober: 64 Drohnen, 16 Abschussrampen, 450 km/h, nur zwei Operatoren. Der letzte Schritt bleibt manuell – vorerst.
Wer ist verantwortlich, wenn eine Drohne selbst entscheidet? Reisner warnt: Vollautomatische Drohnen könnten nicht nur den Gegner, sondern auch eigene Kräfte oder Zivilisten als Ziel erkennen. Es brauche zwingend einen menschlichen „Not-Aus-Drücker“ – die Möglichkeit, dass das Militär den Angriff im letzten Moment stoppen kann.

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