Die Terrorbedrohung in Österreich hat nach Einschätzung des Extremismus- und Terrorismusforschers Nikolaus Stockhammer ein Ausmaß erreicht, das viele unterschätzen. Im Videopodcast von „krone.tv“ mit PR-Experte Gerald Fleischmann zeichnet er ein düsteres Bild: Österreich sei längst kein Randthema mehr auf der Landkarte internationaler Extremisten, Jugendliche würden immer früher radikalisiert, und moderne Technologien eröffneten Terroristen völlig neue Möglichkeiten.

Besonders aufhorchen ließ eine Aussage des Experten zur Rolle Österreichs.

„Österreich ist in den letzten Jahren sicherlich zu einem primären Terrorziel avanciert“, sagte Stockhammer.

Auf die überraschte Nachfrage, ob Österreich tatsächlich bereits ein „primäres“ Ziel sei, legte er nach:

„Wir sind in der ersten Reihe.“

Zwar seien Metropolen wie Paris, London oder Berlin für manche Terrororganisationen noch attraktiver. Dennoch habe Österreich aufgrund seiner geografischen Lage, seiner internationalen Institutionen und seiner Rolle als Drehscheibe in Europa erheblich an Bedeutung gewonnen.

Gleichzeitig bleibt die Terrorwarnstufe in Österreich auf hohem Niveau. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 befinde sich das Land weiterhin auf Warnstufe vier von fünf.

Zwölfjährige im Visier der Extremisten

Besonders besorgniserregend ist laut Stockhammer die Entwicklung bei Jugendlichen.

„Sie werden immer jünger.“

Während vor einigen Jahren vor allem junge Erwachsene zwischen 19 und 26 Jahren in den Fokus der Sicherheitsbehörden geraten seien, beobachte man heute eine dramatische Verschiebung.

„Teenagerradikalisierung, teilweise Zwölfjährige, sogar bis 19-Jährige.“

Die Ursache sieht der Experte vor allem im Internet. Radikalisierung müsse heute nicht mehr in Moscheen, Vereinen oder abgeschotteten Szenen stattfinden.

„Vom Erstkontakt mit diesen Ideologien über Rekrutierung, Radikalisierung und Mobilisierung bis zur Tatausführung kann alles online passieren.“

Der Islamische Staat habe dafür ein völlig neues Modell entwickelt.

„Der IS hat ein virtuelles Kalifat geschaffen.“

Dadurch könne ein Jugendlicher innerhalb kürzester Zeit in extremistische Netzwerke hineingezogen werden, ohne jemals persönlichen Kontakt zu einem Terroristen gehabt zu haben.

Neue Gefahr: „764“

Noch alarmierender ist für Stockhammer jedoch eine Entwicklung, die bislang kaum öffentlich diskutiert wird.

Der Name: 764.

Als der Moderator nachfragte, worum es sich dabei handle, schilderte der Terrorforscher ein Szenario, das selbst erfahrene Sicherheitsbehörden nervös macht.

„764 ist eine Online-Gruppierung, die ganz bewusst versucht, Jugendliche und Kinder anzusprechen.“

Hinter der Struktur stünden laut Stockhammer pädophile Netzwerke und kriminelle Akteure mit dem Ziel sexueller Ausbeutung.

Besonders erschütternd:

„Sie versuchen, Jugendliche in den Selbstmord zu treiben, Gewaltanwendung zu provozieren und so weiter.“

Die Auswirkungen seien „drastisch“.

Ein hochrangiger FBI-Vertreter habe ihm bei einer Konferenz in New York sogar gesagt, diese Entwicklung bereite ihm mehr Sorgen als der Islamische Staat.

Stockhammer selbst spricht von einer „Riesengefahr für unsere Jugendlichen“.

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Der nächste Quantensprung heißt KI

Auch technologisch sieht der Experte eine neue Ära heraufziehen.

„Der nächste Quantensprung des Terrorismus heißt KI.“

Künstliche Intelligenz könne bereits heute für Planung, Organisation und Vorbereitung von Anschlägen genutzt werden.

Besonders problematisch sei, dass Informationen, die früher nur in den Tiefen des Darknets zu finden gewesen seien, inzwischen wesentlich leichter zugänglich würden.

„Was früher im Darknet gesucht werden musste, ist heute teilweise über KI-Plattformen herauszufinden.“

Stockhammer spricht deshalb von einem möglichen „Game Changer“ für Terrororganisationen. Die Technologie könne Fehler reduzieren, Abläufe beschleunigen und neue Formen der Vernetzung ermöglichen.

Scharia als Zwischenziel

Auch beim Thema politischer Islam fand der Experte deutliche Worte.

Er bezeichnete diesen als

„eine subversive Strömung mit dem Ziel, islamistische Ideen und Normen durchzusetzen“.

Dabei gehe es nicht unmittelbar um Terrorismus, sondern um langfristige gesellschaftliche Veränderungen.

Das zentrale Zwischenziel sei laut Stockhammer klar definiert:

„Das erste Nahziel aus Sicht dieser Islamisten ist die Einführung der Scharia als Norm.“

Auf die Frage, ob letztlich eine Normalisierung islamistischer Vorstellungen angestrebt werde, antwortete er knapp:

„Genau. Eine Normalisierung des Islamismus.“

Vergleich mit den Identitären

Besonders kontrovers dürfte ein weiterer Vergleich des Terrorforschers sein.

Stockhammer zog Parallelen zwischen der islamistischen Muslimbruderschaft und den Identitären.

„Ich vergleiche die Muslimbruderschaft immer mit den Identitären.“

Beide Bewegungen versuchten nach seiner Einschätzung, bestimmte Begriffe und Denkweisen schrittweise im öffentlichen Diskurs zu verankern.

„Man möchte Begriffe in den Diskurs einbringen und sie normalisieren.“

Dadurch würden politische und gesellschaftliche Grenzen langsam verschoben.