Noch bevor Greta Thunbergs Freiheitsflottille, die am Sonntag von Barcelona Richtung Gaza aufgebrochen ist, ihr Ziel erreicht, sorgt ein Skandal für Schlagzeilen. Ein ranghohes Mitglied des Lenkungsausschusses soll auf dem Schiff sexuelle Beziehungen zu mehreren Aktivisten gehabt haben – während der laufenden Mission.
„Ein hochrangiger Anführer innerhalb der Flottille hatte sexuelle Beziehungen mit mehreren Aktivisten an Bord“, erklärte die palästinensische Gruppe Heart of Falastin. „Nicht eine Person. Nicht zwei. Drei verschiedene Personen.“
Besonders brisant: Laut den Kritikern soll es sich um Freiwillige gehandelt haben, die dem Funktionär organisatorisch unterstellt waren. „Das mit Freiwilligen, die einem unterstellt sind, ist ein klarer Verstoß gegen Ethik und Machtverhältnisse.“

„Nur vögeln“? Der Verdacht richtet sich gegen Thiago Avila
Eine brasilianische Gruppe machte den Aktivisten Thiago Avila als mutmaßlichen Hauptakteur aus. Die Vorwürfe wurden von der Medienbeobachtungsorganisation Honest Reporting aufgegriffen.
Der Ton in den sozialen Medien ist entsprechend scharf. Eine linksgerichtete Gruppe schrieb: „Auf einem Schiff mit humanitärer Hilfe taucht ein Brasilianer auf und schafft es nur, zu vögeln und verhaftet zu werden.“
Avila ist kein Unbekannter: Bereits im Juni war er auf dem Schiff Madleen unterwegs – gemeinsam mit Greta Thunberg. Fotos zeigen beide in demonstrativ vertrauten Posen, Arm in Arm an Deck.

Chaos, Streit – und ein Rückzug Thunbergs
Auch organisatorisch lief es bei früheren Missionen alles andere als reibungslos. Beim großen Flottillen-Konvoi im September kam es zu massiven internen Konflikten.
Greta Thunberg zog sich damals aus dem Lenkungsgremium zurück und verließ sogar das Hauptschiff. Beobachter berichteten, die Führung habe sich zu sehr mit internen Streitigkeiten beschäftigt – und zu wenig mit Gaza.
Die Reise geriet zur Farce: Der Funk des Schiffs wurde gehackt, über Lautsprecher liefen Songs der schwedischen Popband ABBA – offenbar als gezielte Provokation.

„Das ist eine Lüge“ – Verteidigungslinie steht
Avila weist alle Vorwürfe zurück. „Diese Anschuldigungen sind offensichtlich nicht wahr“, erklärte er. Auch das interne Ethikkomitee habe laut ihm keine Verfehlungen festgestellt. „Wir sind Kameraden, und es ist nie etwas passiert.“
Eine beteiligte Aktivistin, Lisi Proenca, spricht ebenfalls von falschen Darstellungen: „Das ist eine Lüge.“ Ihre Erklärung: kulturelle Unterschiede. Viel Nähe, Umarmungen und gemeinsam genutzte Zimmer seien unter Brasilianern normal.

Peinlich für die ganze Mission
Der Fall ist für die Flottille nicht nur wegen der Vorwürfe selbst heikel. Er fällt auch auf eine Mission zurück, die schon zuvor von Kritikern als Mischung aus Aktivismus, Selbstinszenierung und Spektakel verspottet wurde. Der Sex-Skandal liefert diesem Eindruck nun neue Munition.
Denn während in Gaza von Not die Rede ist, wurde der Auftakt in Barcelona von Beobachtern als fast festivalartig beschrieben — mit Konzerten, Bühne und feierlicher Stimmung. „Wir würden erwarten, dass die Mobilisierung den nötigen Respekt und Ernst widerspiegelt“, erklärte die Gruppe Palestinian Reveals. „Stattdessen sehen wir eine festliche Atmosphäre.“

Geld, Show – und Zweifel an der Ernsthaftigkeit
Auch finanziell bleiben Fragen offen. Rund 3,5 Millionen Dollar will die Flottille sammeln – eine öffentliche Spenderliste gibt es nicht. Kritiker bezweifeln, dass das Geld tatsächlich Gaza erreicht.
Ein palästinensischer Journalist zitierte einen Bewohner vor Ort: „Es wäre besser gewesen, Geld direkt nach Gaza zu spenden, statt es nutzlos ins Meer zu werfen.“
Thunberg im Fokus – und im Schatten
Für Greta Thunberg ist der Skandal besonders unerquicklich. Ihr Name sorgt für maximale Aufmerksamkeit – und zieht die Affäre unweigerlich mit ins Rampenlicht.“ Auf Fragen zu den Vorwürfen reagierte sie bislang nicht.
Während die Flottille offiziell von unbegründeten Anschuldigungen spricht, bleibt der Eindruck eines Projekts, das schon vor dem Ziel mit internen Konflikten, schweren Vorwürfen – und einer gehörigen Portion Selbstinszenierung kämpft.
Zwischen Aktivismus und Erlebnisreise
Dass dieser Eindruck nicht ganz unbegründet ist, zeigen auch Avilas eigene Auftritte. In sozialen Medien präsentiert er die Mission eher wie eine spektakuläre Reise: „Wir sind hier mit 38 Booten. Gestern Delfine, jetzt ein Wal – wunderschön!“, sagt er begeistert – untermalt von Redemption Song von Bob Marley.
Ein Bild, das so gar nicht zu jener Ernsthaftigkeit passt, mit der die Mission nach außen auftritt.

Kommentare
Lädt Kommentare...