Der Ukraine-Krieg liefert Europa eine klare Lektion, sagt Emanuele Farruggia im Gespräch mit dem exxpress. Nicht nur Technologie entscheide über den Ausgang moderner Kriege. Entscheidend seien auch Reserven, Durchhaltefähigkeit – und Masse. Westeuropa habe davon zu wenig: „Vielleicht ist die wichtigste Lehre, dass Masse und Zahlen zählen. Die kleinen Berufsarmeen Westeuropas, die gut für Expeditionskriege ausgebildet waren, können einen langen Krieg nicht durchhalten. Genau das ist aber das dominierende Merkmal moderner, hochintensiver Konflikte.“
Der Diplomat und Sicherheitsexperte unterstreicht: Er spricht nicht als offizieller Vertreter der italienischen Regierung, sondern gibt seine persönliche Einschätzung. Farruggia steht weiterhin im italienischen diplomatischen Dienst – als Berater für internationale Angelegenheiten beim Präsidenten und stellvertretender Direktor des Instituts für Höhere Verteidigungsstudien (Center for Higher Defence Studies, CASD) des italienischen Verteidigungsministeriums in Rom. Zuvor war er an der italienischen Botschaft in Tel Aviv sowie bei der OSZE in Wien.
Sicherheitsfragen kennt er aus jahrzehntelanger Erfahrung – und aus eigener Forschung: Farruggia publiziert regelmäßig zu Strategie und europäischer Sicherheitspolitik. Sein Befund: Bürgerarmeen mit starken Reservekomponenten sind entscheidend. Als Beispiele nennt er Israel und die Ukraine. „Die ukrainischen und israelischen Bürgerarmeen und die Verfügbarkeit von Reservekräften sind für ihr Überleben entscheidend.“
Allerdings habe nur ein Teil der europäischen Staaten die Konsequenz gezogen: „In Europa haben nur die nordischen Länder, Polen und die baltischen Staaten die Bedeutung der totalen Verteidigung und eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes für Sicherheit und Verteidigung vollständig erkannt.“

Die Ukraine: Vielleicht Europas beste Kampftruppe
Farruggia unterstreicht: Die Ukraine sei heute nicht nur Kriegsschauplatz, sondern womöglich Europas kampfstärkste Armee. „Sie verfügt über Kampferfahrung. Sie hat die russische Invasion gestoppt. Die Lage am Boden hat sich völlig verändert.“ Und weiter: „Die Ukraine hat in der Zwischenzeit so viel Kampferfahrung gesammelt, dass sie heute vielleicht die beste kämpfende Streitkraft Europas ist.“
Diese Stärke sei nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis dreier Jahre Hochintensitätskrieg – mit allen Innovationen, die ein solcher Krieg erzwingt.
Ein Labor der modernen Kriegsführung
Die Ukraine sei in vielerlei Hinsicht ein Labor, sagt Farruggia. Andere NATO-Staaten könnten vom Drohnenkrieg lernen, vom Cyberkrieg, vom Stellungskrieg und von vielen anderen Aspekten dieses Konflikts. „Der Drohnenkrieg ist eines der wichtigsten Merkmale des Kriegs in der Ukraine. Aber es ist nicht das einzige. Es gibt ballistische Raketen, Raketenabwehr, irreguläre Kräfte und Operationen hinter den Linien. Aus diesem Konflikt lassen sich viele Lehren ziehen.“
Den ersten Drohnenkrieg erlebte die Welt im Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien. In der Ukraine aber habe sich das Innovationstempo noch einmal drastisch beschleunigt.
Die Ukraine wird eigenständiger
Die Ukraine lerne schnell und werde zunehmend unabhängiger. „Die Ukraine hat mehr Handlungsspielraum gewonnen. Sie ist weiterhin von US-Technologie abhängig, aber sie hat eigene Technologien entwickelt, besonders bei Drohnen, Raketen und Cyberfähigkeiten.” Auch bei künstlicher Intelligenz habe sie neben dem US-System Palantir Gotham eigene Lösungen entwickelt.
US-Technologie: Unverzichtbar, aber nicht allmächtig
Die Rolle amerikanischer Waffen sei dennoch nicht kleinzureden, unterstreicht Farruggia. HIMARS-Mehrfachraketenwerfer und Javelin-Panzerabwehrsysteme seien frühe Wendepunkte gewesen, Aufklärung, Starlink und Palantir Gotham spielten weiterhin eine zentrale Rolle. „US-Waffen waren sehr wichtig – und sie sind es weiterhin.“
Die Grenzen westlicher Systeme habe der Krieg freilich ebenfalls offengelegt. Abrams wie Leopard hätten Probleme gezeigt. „Es war ein schwieriges Schlachtfeld für alle westlichen Systeme. Es war ein neuer Krieg.“
Istanbul gehört der Vergangenheit an
Wer auf einen Frieden nach dem Muster der Istanbuler Verhandlungen von 2022 hofft, denke in falschen Kategorien, sagt Farruggia. Damals habe die Ukraine den Blitzangriff auf Kiew zurückgeschlagen, sich aber in einer äußerst schwierigen Gesamtlage befunden. „Es gibt viele Legenden über die Verhandlungen von Istanbul. Damals stand die Ukraine wirklich unter Druck.“
Heute sei die Situation eine fundamental andere: „Istanbul gehört zur Vergangenheit. Dieser Moment ist vorbei. Er lässt sich nicht wiederholen.“ Das Kräfteverhältnis von 2022 lasse sich nicht auf heute übertragen. Die Ukraine sei stärker, die europäische Unterstützung größer.
Weder russischer Zerfall noch ukrainische Niederlage
An Extremszenarien im Ukraine-Krieg, vor denen einige warnen, glaubt Emanuele Farruggia nicht. Russland werde nicht auseinanderbrechen und die Kontrolle über seine Atomwaffen verlieren – das sei selbst beim Zerfall der Sowjetunion nicht geschehen, damals mit aktiver westlicher Unterstützung. Die Kontrolle über Atomwaffen sei in Russland stark zentralisiert.
Andererseits glaube Farruggia nicht, dass die Ukraine jemals vollständig besiegt werde. Sie habe ihren schlimmsten Moment hinter sich. Im vergangenen Jahr habe es noch einen langsamen, aber unerbittlichen russischen Vormarsch gegeben – doch der scheine nun gestoppt, die Frontlinien stabilisiert.
„Das wahrscheinlichere Ergebnis könnte eine Einigung sein, ein Einfrieren des Konflikts nach dem koreanischen Modell, entlang der derzeitigen Frontlinien. Das Problem wäre damit aufgeschoben.“
Europa muss Verantwortung übernehmen
Europa müsse mehr tun – das sei keine neue Erkenntnis. Die USA hätten bereits vor der Trump-Administration begonnen, Ressourcen aus Europa abzuziehen. „Die Zeit ist gekommen, dass Europa mehr Verantwortung übernimmt.“
Dass dieser Wandel längst in Gang sei, zeige ein Vorgang, der fast unbemerkt geblieben sei: Die USA haben angekündigt, den Kommandoposten beim Joint Force Command Naples abzugeben. Ein italienischer Flaggoffizier werde nachfolgen. „Das ist ein Wechsel, der früher oder später kommen musste.“
Europa ist nicht abwesend
Farruggia warnt vor dem Klischee eines handlungsunfähigen Europa. Es gebe eine starke Koordinierung zwischen den E5-Staaten – Italien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Polen –, die mehrfach im Rahmen der Koalition der Willigen getagt hätten.
„Das ist ein harter Kern europäischer Verteidigung, der nicht auf die Europäische Union beschränkt ist, weil die Briten mit an Bord sind.“
Vom Roten Meer bis in den Indo-Pazifik
Dass Europa durchaus in der Lage sei, seine strategischen Interessen im Nahen Osten zu verteidigen, zeige etwa Italiens Präsenz in der Region. Den Golf betrachte Italien als Teil des erweiterten Mittelmeerraums – strategisch wichtig für Energie, Handel und Sicherheit.
Gemeinsam mit Frankreich und Griechenland habe Italien an der Sicherung der Schifffahrt durch die Straße Bab al-Mandab teilgenommen und zwei Minenabwehrschiffe ins Rote Meer entsandt, um bei Bedarf auch in Richtung Straße von Hormus handlungsfähig zu sein.
Auch im Indo-Pazifik ist Italien präsent: „Italien ist eines der wenigen europäischen Länder, das eine Flugzeugträgerkampfgruppe in den Indo-Pazifik entsandt hat.“ Italien sei ein maritimes Land mit einer Marine, die zu den bedeutendsten Seestreitkräften in der Atlantischen Allianz zähle.
Migration: Ein gemeinsames europäisches Problem
Illegale Migration über das Mittelmeer sei keine nationale, sondern eine europäische Sicherheitsfrage. Italien stehe an der Frontlinie, doch das Problem betreffe ebenso Griechenland und Spanien. Die EU habe Abkommen mit Tunesien und Libyen geschlossen – auch unter italienischem Einfluss. „Es ist ein gemeinsames Problem, und es braucht eine gemeinsame Lösung. Ich glaube, wir haben in den vergangenen Jahren viele Schritte hin zu einem besseren Verständnis dieses Problems in Europa gesetzt.“
Die EU als Verteidigungsgemeinschaft?
Die Erzählung, die EU sei nie als Verteidigungsprojekt gedacht gewesen, hält Farruggia für eine Vereinfachung. Schon am Beginn des europäischen Prozesses habe die Westeuropäische Union gestanden, 1948 gegründet, mit einer gegenseitigen Verteidigungsklausel. Italien und Deutschland seien ihr 1954 beigetreten. Diese Klausel lebe heute als Artikel 42 Absatz 7 im EU-Vertrag fort.
„Das ist eine gegenseitige Verteidigungsklausel, und sie ist verbindlicher als Artikel 5 des NATO-Vertrags.“ Es gebe also einen Kern von Verteidigung und Sicherheit innerhalb des europäischen Projekts: „Wir müssen ihn nur wiederbeleben.“
Zukunft von Österreichs Neutralität
Zum Abschluss kommt Farruggia auf Österreich zu sprechen – mit diplomatischer Vorsicht.
Neutralität sei historisch oft keine freie Entscheidung gewesen, sondern ausländischen Mächten zu verdanken – so bei der Schweiz, Finnland und Österreich. Heute aber hätten sich die Bedingungen grundlegend verändert: „Heute hat etwa der Cyberraum keine Grenzen, und er umfasst auch den Weltraum. Ballistische und hypersonische Raketen können Ziele in jedem Land treffen.“ Deshalb könne Neutralität in der heutigen Welt unzureichend sein, um Sicherheit und Unabhängigkeit zu bewahren.
Finnland und Schweden hätten nach dem russischen Einmarsch den Schritt zur NATO vollzogen. Für Österreich sei das schwieriger – eine Verfassungsänderung wäre nötig. Aber ausgeschlossen sei es nicht. Österreich sei rundum von NATO-Staaten umgeben und profitiere von deren Schutz, ohne selbst beizutragen. Länder wie Italien, Tschechien, Ungarn und Slowenien federten es gleichsam ab.
Eine solche Entscheidung könnte in naher Zukunft fallen – möglicherweise im Rahmen einer neuen, stärker europäisierten NATO. „Nichts ist unmöglich.“

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