Der brisanteste Satz des Energie-Panels kam von US-Energieminister Chris Wright. Viele europäische Regierungen wüssten längst, dass sie in der Energiepolitik falsch abgebogen seien, sagte er sinngemäß – nun suchten sie nur noch einen Ausweg, ohne sich politisch selbst zu ruinieren.
Der Ort: die ARC-Konferenz in London. Die Alliance for Responsible Citizenship, kurz ARC, ist ein internationaler Treffpunkt für konservative, liberale und reformorientierte Stimmen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Kultur. In Europa ist ARC noch ein Geheimtipp – doch wer verstehen will, wohin sich Teile des Westens politisch und intellektuell bewegen, sollte diese Konferenz im Blick behalten. Das Motto 2026: „The Age of Reconstruction“ – das Zeitalter des Wiederaufbaus.
Eines der stärksten Panels drehte sich um Energie. Und es wurde zur Generalabrechnung mit Europas grünem Klimakurs.
Auf der Bühne: US-Energieminister Chris Wright, der dänische Klima-Ökonom Bjørn Lomborg und die frühere britische Energieministerin Claire Coutinho. Drei sehr unterschiedliche Stimmen – aber eine gemeinsame Botschaft: Energie ist nicht das Problem der modernen Welt. Energie ist ihre Grundlage.
Europas heimlicher Kurswechsel
Der US-Energieminister berichtete von vertraulichen Gesprächen mit europäischen Regierungen. Öffentlich verteidigten viele noch den alten Klimakurs. Hinter den Kulissen, so Wright, sehe es anders aus. „Fast alle großen europäischen Länder wissen sehr genau, welchen energiepolitischen Fehler sie gemacht haben“, sagte Wright sinngemäß. Nun suchten sie einen Weg, „wie sie umschwenken können, ohne sich politisch selbst zu begraben“.
„Sie können nicht immer weiter die Preise hochtreiben“
Wright zeichnete das Bild eines Kontinents, der langsam von der Realität eingeholt wird.
Deutschland spreche bereits wieder über neue Gaskraftwerke. Griechenland bohre erstmals seit Jahrzehnten wieder nach Öl und Gas. Israel sei vom Energieimporteur zum Gas-Exporteur geworden. Auch in Mitteleuropa wachse der Wunsch nach Energiesicherheit.
Der Grund sei einfach: „Sie können nicht ihre ganze Industrie aus dem Land drängen. Sie können nicht immer weiter die Preise hochtreiben. Die Menschen sind verärgert. Die politischen Kosten sind zu hoch geworden.“
Besonders hart ging Wright mit Großbritannien ins Gericht. Das Land von Shakespeare, Newton und James Watt sei „gefährlich nahe an die Klippe“ geraten. Aber auch dort werde der Kurswechsel kommen – wahrscheinlich erst mit neuer politischer Führung.
„Energie ist Leben“
Wrights Grundsatz lautet: „Energie ist Leben.“ Der Aufstieg der modernen Welt, der Anstieg der Lebenserwartung, der Wohlstand der breiten Masse – all das sei ohne massiv mehr verfügbare Energie nicht zu erklären.
Energie sei nicht irgendein Wirtschaftssektor. „Energie ist die Wirtschaft“, sagte Wright. Jede Branche hänge davon ab. Wer sein Energiesystem zerstöre, zerstöre am Ende alles.
Auch nationale Sicherheit hänge daran. Europa habe das nach dem russischen Angriff auf die Ukraine schmerzhaft gespürt. Abhängigkeit von russischem Gas, explodierende Heizkosten, weniger warme Wohnungen: Laut Wright ist das eine Frage von Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit.
Die amerikanische Antwort nennt die Trump-Regierung „Energy Dominance“. Wright betonte: Das bedeute nicht, andere Länder zu beherrschen. Es bedeute: mehr eigene Energie, niedrigere Preise, Reindustrialisierung – und Energieexporte an Verbündete, damit diese weniger abhängig von feindlichen oder unsicheren Lieferanten werden.
Lomborg: Keine reichen Länder ohne Energie
Bjørn Lomborg ergänzte: Fast die ganze Menschheitsgeschichte war Geschichte des Energiemangels. Muskelkraft, Holz, Tiere, Wind und Wasser reichten nicht für Massenwohlstand. Die Folge waren Armut, niedrige Produktivität und kurze Leben.
Erst fossile Energie habe den Durchbruch gebracht. „Es gibt keine reichen Niedrigenergie-Länder“, sagte Lomborg. Je mehr Energie Menschen zur Verfügung stehe, desto größer sei der Wohlstand.
In reichen Ländern verfüge jeder Mensch heute über die Leistung von rund „500 stillen Dienern“. Energie wärme, kühle, ernähre, transportiere und ermögliche modernen Komfort.
Wer Energie verteuert, trifft die Menschen.
„Klimawandel ist ein Problem – nicht das Ende der Welt“
Lomborg bestreitet den Klimawandel nicht. Im Gegenteil: Er sagt ausdrücklich, dass Klimawandel ein Problem sei. Aber er widerspricht der Weltuntergangserzählung.
„Ja, Klimawandel ist ein Problem. Nein, er ist nicht das Ende der Welt“, sagte Lomborg. Die Daten passten nicht zur Panik. Bei Todesfällen durch Überschwemmungen, Dürren, Stürme und Waldbrände sei der langfristige Trend massiv gefallen. Nicht, weil Wetter verschwunden wäre. Sondern weil reiche Gesellschaften widerstandsfähiger sind: bessere Häuser, bessere Warnsysteme, bessere Infrastruktur, bessere Medizin.
Auch die Erzählung von der brennenden Welt griff Lomborg an. Satellitendaten zeigten, dass die weltweit verbrannte Fläche in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen sei. Seine zugespitzte Formel: „Die Welt brennt nicht mehr. Sie brennt weniger.“
Die grüne Heuchelei gegenüber Afrika
Besonders scharf wurde Lomborg beim Blick auf arme Länder. Reiche Staaten verbrauchten weiterhin enorme Mengen fossiler Energie. Gleichzeitig erklärten sie Afrika, es solle auf genau jene Energie verzichten, die den Westen reich gemacht habe.
Lomborg nannte das Heuchelei. Sein Gegenprogramm: nicht Energie-Austerität, sondern Energie-Überfluss. Ja, man müsse Klimaprobleme angehen. Aber durch Innovation, Forschung, Anpassung und Wachstum – nicht durch künstliche Verknappung. „Wir sollten keine Angst vor Energie haben“, sagte Lomborg. „Wir sollten mehr davon haben.“
Coutinho: Britisches Gas schlecht, importiertes Gas gut?
Claire Coutinho beschrieb den politischen Mechanismus. Die frühere britische Energieministerin berichtete von einer „außergewöhnlichen Ideologie“ in Großbritannien: Gas aus der eigenen Nordsee gelte als problematisch. Dasselbe Gas aus Norwegen zu importieren, sei plötzlich in Ordnung.
Noch absurder werde es bei LNG, also Flüssiggas. Es müsse verflüssigt, verschifft und wieder erhitzt werden. Trotzdem werde es importiert – im Namen der „Klima-Führerschaft“.
Coutinhos härtester Vorwurf betrifft die Klima-Buchhaltung. Emissionen aus britischer Produktion würden bestraft. Emissionen, die in importierten Produkten stecken, tauchten in den nationalen Klimazielen aber nicht auf.
Das Ergebnis: Die eigene Industrie werde mit CO₂-Steuern und Regulierung belastet. Dann kaufe man Produkte aus China, Indien oder dem Nahen Osten – aus Ländern mit oft niedrigeren Umweltstandards.
Coutinhos Urteil: „Das ist völliger Wahnsinn.“
„Der Staat hat die Sprache des Aktivismus übernommen“
Coutinho sieht darin kein Einzelversagen, sondern ein institutionelles Problem. Eine große Aktivistenszene treibe Net Zero voran und präsentiere sich als unabhängige Expertise. Zugleich habe der öffentliche Dienst teilweise „die Sprache des Aktivismus“ übernommen – statt die Sprache der Unparteilichkeit.
Jede künftige Regierung müsse den Staatsapparat wieder so ausrichten, dass er „nach Wahrheit“ suche, sagte Coutinho. In der Net-Zero-Welt gebe es zu viele Zahlen, die bei näherem Hinsehen wie ein „Kartenhaus“ wirkten.
Ohne billigen Strom keine KI
Am stärksten wurde Coutinho, als sie Energiepolitik mit Zukunftsindustrien verband.Wer Elektrifizierung wolle, müsse billigen Strom wollen. Wer Wachstum wolle, müsse billigen Strom wollen. Wer Künstliche Intelligenz wolle, müsse billigen Strom wollen.
„Wenn einem Elektrifizierung wichtig ist, sollte man wollen, dass Strom billig wird“, sagte sie. Genau hier wird Energiepolitik zur Standortfrage. KI, Rechenzentren, moderne Fertigung, Forschung – all das braucht nicht nur Strategiepapiere, sondern enorme Mengen verlässlicher Energie.
Wright sagte dasselbe mit Blick auf Großbritannien: Mit Schiefergas hätte das Land heute niedrigere Strompreise, höhere Einkommen, mehr Jobs und bessere Chancen bei Technologie, KI und moderner Fertigung.
Amerika setzt auf Atomkraft
Während Europa streitet, wollen die USA den Gegenweg gehen. Wright sprach von einer neuen nuklearen Renaissance. Die Welt beziehe noch immer mehr als 80 Prozent ihrer Primärenergie aus Öl, Gas und Kohle. Kernenergie sei wichtig, aber nicht mit dem wachsenden Energiebedarf mitgewachsen. Das soll sich ändern.
Die USA wollen große Reaktoren, kleine modulare Reaktoren und eine Regulierung, die sich wieder auf das Wesentliche konzentriert. Wrights Formel: „Sicherheit, Sicherheit und Sicherheit – statt Bürokratie, Sicherheit und Bürokratie.“
Kurzfristig sieht er Gas als wichtigsten Hebel. Der nächste große Hebel könne Kernenergie werden – nicht nur für Strom, sondern auch für industrielle Hochtemperatur-Prozesswärme.
Die Energie-Revolte von London
Alle drei stellten dieselbe Frage: Was nützt Klimapolitik, wenn sie Strom verteuert, Industrie vertreibt, Bürger ärmer macht und Emissionen nur ins Ausland verschiebt?
Wright sieht in Europas Kurs einen sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fehler. Coutinho sieht ein System aus falscher Buchhaltung, Aktivismus und Import-Heuchelei. Lomborg sieht im Energie-Verzicht den alten Irrtum, Wohlstand könne durch Knappheit entstehen.
Die gemeinsame Gegenformel lautet: nicht weniger Energie, sondern mehr.
Bei ARC in London wurde sichtbar: Die Energiefrage kehrt zurück. Nicht als Randthema. Sondern als Kernfrage westlicher Zukunft.

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