Donnerstagvormittag, Truth Social: Die USA würden „in nicht allzu ferner Zukunft“ die iranische Ölinsel Kharg Island einnehmen – und die „totale Kontrolle“ über Irans Öl- und Gasmärkte übernehmen. „So wie mit Venezuela, was brillant funktioniert.“
Wenig später, live bei Fox News, derselbe Trump: Die Einnahme der Insel sei zwar „immer schon“ seine Präferenz gewesen. Aber: „Ich weiß nicht, ob Amerika den Magen dafür hat.“ Im selben Atemzug: In der Nacht komme eine dritte, „größere und mächtigere“ Angriffswelle – falls Teheran kein Friedensabkommen unterzeichne.
Eroberung, Zweifel, Bomben – an einem Vormittag. Was will dieser Präsident im Iran wirklich?
Das Pentagon sagt es offen
Die Antwort gab sein Verteidigungsminister – mit erstaunlicher Offenheit. „Wenn wir mit Bomben verhandeln müssen, dann verhandeln wir mit Bomben. Und wir sind sehr gut darin“, sagte Pete Hegseth nach einem Briefing im Hauptquartier des US-Zentralkommandos. Teheran spiele auf Zeit: Der Iran werde nicht länger an einem Deal „herumtippen“ – stattdessen würden „Bomben auf Schlüsseleinrichtungen im Iran tippen“.
Tatsächlich beschreibt der Satz präzise, was passiert. Trump beendet die Diplomatie nicht – er militarisiert sie.
Noch mehr als Trumps Worte belegen dies seine Taten: Zwei US-Flugzeugträgerkampfgruppen operieren in der Region. Das US-Zentralkommando bestätigte zudem neue Angriffe auf iranische Überwachungs-, Kommunikations- und Luftabwehrziele. Washington spricht von Selbstverteidigung – Teheran von Eskalation. Der Punkt scheint zu sein: Trump verhandelt nicht trotz der Bomben. Er verhandelt mit ihnen.
Der Ex-Diplomat, der Trumps Zickzack deutet
Unberechenbarkeit als Methode – genau das hatte ein Mann analysiert, der Washington seit Jahrzehnten von innen kennt: Yoram Ettinger, Ex-Diplomat und langjähriger israelischer Gesandter für Kongressangelegenheiten. Am Mittwoch beschreib er in einem Briefing des Sicherheitsforums IDSF das Muster, bevor es der Donnerstag lieferte.
Trumps „Zickzack-Verkehr an Aussagen“ sei keine Unberechenbarkeit, sagt Ettinger. Seine Annahme: „Es ist Taktik – womöglich dazu bestimmt, zu verwirren, die wahren Absichten zu vernebeln.“ Entscheidend sei das Handeln: „Die beispiellose Militärverlegung in den Indischen Ozean, den Persischen Golf und das Mittelmeer spricht viel lauter als jedes Interview bei Fox oder CNN.“
Der Bremser am Tisch
Hinter Trumps Hin und Her ortet Ettinger einen Kampf im Kopf des Präsidenten. Hier der Geschäftsmann, der Konflikte „fälschlicherweise als ein weiteres Geschäft“ sehe. Dort die Lagebilder des für den Nahen Osten zuständigen US-Militärkommandos CENTCOM – „mehr oder weniger eine Kopie dessen, was er von Premierminister Netanjahu hört“.
Dazwischen: Jared Kushner. Doch Trumps Schwiegersohn „versteht den Nahen Osten nicht wirklich. Er betrachtet ihn als Investor“, meint Ettinger – Kushners Einfluss treibe Trump von der militärischen Lageeinschätzung weg.
Pikant: Während Hegseth den militärischen Druck erhöht, arbeiten Trumps Iran-Gesandte Steve Witkoff und Jared Kushner weiter an den technischen Grundlagen eines möglichen Nuklearabkommens. Reuters berichtete, beide hätten im Oak Ridge National Laboratory mit Experten gesprochen, die bei künftigen Iran-Verhandlungen eine Rolle spielen könnten.
Der Öl-Hebel
Trumps Drohung gegen Kharg Island zielt auf das wirtschaftliche Herz des Regimes: Über die Insel laufen rund 90 Prozent des iranischen Ölexports. Wer Kharg kontrolliert, greift Teherans Einnahmequelle an – und trifft zugleich Großabnehmer China. Das ist nicht mehr nur Druck.
Neu ist die Idee nicht: Schon Ende März sinnierte Trump öffentlich – „Vielleicht nehmen wir Kharg Island, vielleicht nicht. Wir haben viele Optionen.“ Neu ist die Tonlage: Aus dem Vielleicht wurde ein Zeitplan.
Blufft er – oder meint er es ernst?
Für einen Bluff spricht Trumps Muster: maximal drohen, dann den Deal als Sieg verkaufen. Der Iran sei „verzweifelt auf einen Deal aus“, sagte er selbst.
Dagegen spricht die Realität: Zwei US-Angriffswellen in dieser Woche, iranischer Beschuss von Golfstaaten und Jordanien, eine Waffenruhe, die Teherans Außenministerium für „praktisch bedeutungslos“ erklärt. Und ein Pentagon, das offen vom Verhandeln mit Bomben spricht.
Trump redet wie ein Dealmaker. Aber er handelt zunehmend wie ein Kriegspräsident.
„Satanisches Raubtier“
Ettinger hält jeden Deal ohnehin für Selbsttäuschung. Seit 47 Jahren werde Washington von Teheran getreten – das Regime sei „kein Maultier, sondern ein satanisches Raubtier“. Wer auf den Regimewechsel verzichte, bekomme „die erste apokalyptische Atommacht der Geschichte“.
Das ist Ettingers Sicht. Sie ist hart, aber sie stützt sich auf Jahrzehnte gescheiterter Verhandlungslösungen mit dem Iran. Das Regime unterstützt bis heute Terrororganisationen, bedroht Israel über Hamas, Hisbollah und die Huthis – und würde mit Atomwaffen ein Erpressungspotenzial gewinnen, das weit über den Nahen Osten hinausreicht. Ettingers Worte erklären auch, warum er Trumps Bomben ernster nimmt als Trumps Deal-Gerede.
Sein Trumpf-Argument zielt auf Trumps Eitelkeit: Der Präsident könne es sich nicht leisten, das Mullah-Regime an der Macht zu hinterlassen – das würde ihn in die Riege gescheiterter Präsidenten von Carter bis Biden einreihen. „Das Letzte, was Trump will, ist, im Umgang mit dem Iran als ein weiterer Obama in Erinnerung zu bleiben.“
Israel braucht mehr als Trumps Deal
Im Übrigen ist die Rechnung für Jerusalem ohnehin eine andere. Trump braucht einen verkaufbaren Erfolg: Abkommen, offene Schifffahrtswege, sinkende Ölpreise. Israel braucht mehr – dauerhafte Sicherheit vor Irans Raketen, Atomprogramm und Milizen. Ein schneller Trump-Deal kann aus US-Sicht ein Sieg sein und aus israelischer Sicht trotzdem gefährlich bleiben.
Drei Wege aus der Krise
Der erste Weg ist der Bomben-Deal: Trump erhöht den Druck, Teheran lenkt ein, beide Seiten verkaufen das Ergebnis als Sieg.
Der zweite Weg ist die Öl-Eskalation: Geraten Kharg Island und andere Energieanlagen ernsthaft ins Visier, wird der Krieg größer, teurer, unberechenbarer – mit China, den Golfstaaten und Europas Wirtschaft im Schlepptau.
Der dritte Weg ist der Druck bis zum Bruchpunkt: Iran schlägt zurück, die USA bombardieren weiter, Israel bleibt militärisch wachsam – und Teheran muss entscheiden, ob es weiter eskaliert oder den Preis eines Deals akzeptiert.
Die offene Rechnung
Die Bilanz mahnt: Nach über drei Monaten Krieg hält der Iran die Straße von Hormus weiter dicht – und hat sein angereichertes Uran behalten. Aus Teheran kam Hohn: Trump sei „enthemmt“, er bilde sich ein, Bomben könnten ihn aus der Krise holen, die er selbst geschaffen habe, sagte Mohsen Rezaei, ein militärischer Berater der iranischen Führung.
Folgt man Ettingers Deutung, geht es Trump nicht nur um einen Deal – sondern um ein Vermächtnis.

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