Die USA greifen den Iran fast jede Nacht an. Gleichzeitig feuert Teheran Raketen und Drohnen auf amerikanische Stützpunkte und Einrichtungen in mehreren Golfstaaten.
Doch Israel beteiligt sich an dieser jüngsten Runde nicht. Auch Iran vermeidet bislang direkte Angriffe auf Israel. Nach Einschätzung von Tamir Hayman, Leiter des israelischen Instituts INSS und früherer Chef des Militärgeheimdienstes, wollen beide Seiten – Washington und Teheran – Israel aus unterschiedlichen Gründen aus dem Krieg heraushalten.
Donald Trump versucht demnach, den Konflikt auf den Persischen Golf zu begrenzen. Die USA konzentrieren sich auf Hormus, iranische Häfen, Raketenstellungen, Drohnen und Küstenverteidigung. Israel würde dagegen mit einer wesentlich breiteren Zielliste eintreten. Dazu gehören Hayman zufolge Regimeeinrichtungen und nationale Infrastruktur tief im Iran. Dann ginge es nicht mehr nur um Hormus, sondern um Irans Energieversorgung und die Machtbasis des Regimes. Hayman erinnert an den ersten Golfkrieg: Damals hielt Washington Israel selbst nach irakischen Raketenangriffen vom Gegenschlag ab, um die arabische Koalition nicht zu gefährden.
Teheran wiederum will Israel keinen Anlass für einen umfassenden Angriff liefern. Die Generäle Erez Winner und Amir Avivi führen die iranische Zurückhaltung in Podcasts des israelischen Thinktanks IDSF vor allem auf Abschreckung zurück: Das Regime wisse, welchen Schaden Israel bei einem Kriegseintritt anrichten könnte.
So will Trump Iran in die Knie zwingen
Hayman nennt die gegenwärtige Auseinandersetzung einen „Hormus-Krieg“. Die amerikanischen Angriffe richten sich vor allem gegen jene Fähigkeiten, mit denen der Iran die Meerenge kontrolliert und den Schiffsverkehr bedroht. Zugleich blockieren die USA iranische Häfen und greifen Verkehrswege nach Bandar Abbas und zu anderen wichtigen Umschlagplätzen an.
Am Dienstag passierten laut dem Schifffahrtsdienst Kpler nur noch drei Frachtschiffe die Straße von Hormus. Große Öl- und Flüssiggastanker blieben aus.
Brigadegeneral a. D. Erez Winner vom Israel Defense and Security Forum (IDSF) sieht darin Trumps eigentliche Strategie: nicht der eine gewaltige Vernichtungsschlag, sondern eine Kombination aus Bombardements, Blockade, Sanktionen und finanzieller Isolation.
Solange Blockade und Sanktionen bestehen, „blutet Iran jeden Tag“. Trump könne iranische Kraftwerke und Energieanlagen zerstören und das Land wirtschaftlich verwüsten. Winner erwartet aber vorerst keinen solchen flächendeckenden Angriff.
Der Streit um Hormus
Washington verlangt die freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus. Teheran will dagegen eine neue maritime Ordnung durchsetzen. Schiffe sollen eine Route entlang der iranischen Küste benutzen und ihre Durchfahrt mit einer von Iran dominierten Verwaltung abstimmen. Später könnten sogar Gebühren verlangt werden.
Hayman spricht deshalb spöttisch von keinem „Memorandum of Understanding“, sondern von einem „Memorandum of Misunderstanding“. Die USA betrachteten das Rahmenabkommen vom Juni als Weg zur Öffnung der Meerenge und zu neuen Verhandlungen. Die iranische Führung wollte damit nach Haymans Analyse vier Ergebnisse des Krieges absichern: das Überleben des Regimes, die Kontrolle über Hormus, den Erhalt des Atomprogramms und eine Einschränkung israelischer Operationen.
Eine Vereinbarung, die diese Ziele nicht garantiert, gilt den radikalsten Kräften in Teheran nicht als Frieden, sondern als Niederlage.
Die Hardliner waren schon vorher Hardliner
Der Machtkampf in Teheran begann nicht erst mit den jüngsten amerikanischen Angriffen. Iran-Kenner Georges Malbrunot berichtet, dass ultrakonservative Funktionäre bereits das Juni-Abkommen als gefährliche Schwäche bekämpften. Verhandler wurden als Verräter und „hirnlose Idioten“ beschimpft.
Präsident Massoud Pezeshkian, Außenminister Abbas Araghchi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf wollen das Regime nicht abschaffen. Sie vertreten lediglich die pragmatischere Ansicht, dass der Iran seine militärische Stellung durch ein Abkommen absichern sollte. Den radikaleren Kräften geht selbst das zu weit.
Nach Malbrunots Darstellung fürchten Kreise des Sicherheitsapparats, ein Friedenskurs könne politische Reformen auslösen und die Machtordnung nach dem Krieg verändern. Die amerikanischen Angriffe stärken jene Kräfte, die darin eine Bestätigung ihrer Weltanschauung sehen: Verhandlungen seien Täuschung, Zurückhaltung werde als Schwäche verstanden, Sicherheit entstehe nur durch Abschreckung und die Fähigkeit zur Eskalation.
Trump erhöht den Preis
In der Zwischenzeit steigt auch der amerikanische Blutzoll. Trump empfing auf der Luftwaffenbasis Dover die Särge von vier getöteten Soldaten. Nach Angaben der New York Times sind seit Beginn des Krieges mindestens 18 amerikanische Militärangehörige gefallen. Hunderte wurden verwundet.
Der Präsident kündigte harte Vergeltung an. Für jedes Schiff, das Iran in Hormus angreift, soll künftig eine iranische Brücke oder ein Kraftwerk zerstört werden. Damit nähert sich der Krieg einer neuen Schwelle.
Bisher konzentrierten sich die USA vor allem darauf, Irans militärische Kontrolle über Hormus zu brechen. Angriffe auf Kraftwerke, Raffinerien und zentrale Verkehrsadern würden dagegen die Funktionsfähigkeit des iranischen Staates treffen.
Israel als Drohung in Reserve
Winner beschreibt Israels Rolle mit einem drastischen Bild: Trump halte einen „starken Jagdhund an der kurzen Leine“. Die Botschaft an Teheran laute: Überschreitet Iran die amerikanischen roten Linien, könnte Washington Israel eingreifen lassen.
Ein israelischer Kriegseintritt wäre nicht bloß eine Verstärkung der bisherigen US-Operation. Jerusalem könnte Ziele angreifen, die Washington derzeit bewusst ausspart.
Amir Avivi, Gründer des IDSF, behauptet, Israel halte sogar Ziele bereit, mit denen die wirtschaftliche Lebensfähigkeit des iranischen Sicherheitsapparats schwer getroffen werden könnte. Konkrete Anlagen nennt er nicht. .
Während alle auf Hormus schauen
Hayman warnt zugleich, dass die größte Gefahr aus dem Blick geraten könnte: das iranische Atomprogramm. Besonders brisant ist der tief verbunkerte Komplex „Pickaxe Mountain“ nahe Natanz. Experten vermuten dort nuklear relevante Aktivitäten. Die Anlage könnte so tief liegen, dass selbst schwere amerikanische Bunkerbrecher an ihre Grenzen stoßen.
Hayman befürchtet, Iran könne aus dem Krieg dieselbe Lehre ziehen wie Nordkorea: Nur eine eigene Atomwaffe schützt das Regime dauerhaft vor amerikanischen Angriffen. Sollten israelische Geheimdienste dort einen entscheidenden Fortschritt erkennen, empfiehlt der frühere Geheimdienstchef notfalls sogar einen Angriff ohne vorherige Zustimmung Washingtons.
Das wäre jener Moment, in dem Trump seine Kontrolle über den Krieg verlieren könnte.
Die zweite Schlinge um den Ölhandel
Iran erhöht unterdessen den Druck über die Huthi im Jemen. Diese bedrohen nun auch saudische Häfen und Schiffe am Roten Meer. Mehrere Tanker drehten bereits vor Bab al-Mandab um.
Damit gerät neben Hormus auch die wichtigste saudische Ausweichroute für Ölexporte unter Druck. Saudi-Arabien transportiert Öl durch Pipelines zum Hafen Yanbu am Roten Meer, um Hormus zu umgehen.
Werden beide Meerengen gestört, trifft das nicht nur die Golfstaaten, sondern den gesamten Weltmarkt.
Auch der Libanon könnte Iran entgleiten
Parallel dazu läuft im Libanon ein amerikanisch vermitteltes Pilotprojekt. Israel zieht sich aus ausgewählten Gebieten zurück. Die libanesische Armee übernimmt und soll verhindern, dass die schiitische Terrororganisation Hisbollah zurückkehrt. Gelingt das, könnte der Libanon schrittweise von der iranischen Front gelöst werden.
Doch der Prozess bleibt leicht zerstörbar. Schon wenige Hisbollah-Raketen auf Israel könnten einen schweren Gegenschlag auslösen und die Gespräche beenden.
Was jetzt wahrscheinlich folgt
Winner erwartet vorerst keinen umfassenden amerikanischen Vernichtungsschlag. Wahrscheinlicher sind weitere Angriffe auf iranische Raketen, Hafenverbindungen und Hormus-Infrastruktur. Auch eine kurze Waffenruhe bleibt möglich. Blockade und Sanktionen würden jedoch weiterwirken.
Drei Ereignisse könnten die Lage sofort verändern: Ein schwerer iranischer Treffer auf einen US-Stützpunkt. Ein Angriff auf ein amerikanisches Kriegsschiff. Oder ein direkter iranischer Angriff auf Israel. Bis dahin bleibt der begrenzte Abnutzungskrieg das wahrscheinlichste Szenario.
Trump versucht, Iran durch kontrollierten Druck zum Nachgeben zu zwingen. Die Hardliner in Teheran glauben dagegen, nur noch größerer Druck auf Amerika und seine Verbündeten könne Washington zum Einlenken bewegen. Der Krieg folgt deshalb noch Regeln. Aber nur so lange, bis eine Rakete ihr Ziel zu gut trifft.

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