Europas Spitzenpolitiker geben sich zunehmend zuversichtlich. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte im Juni: „Ich habe den Eindruck, dass sich das Blatt wendet.“ Die Ukraine halte die Front, gewinne teilweise Gelände zurück und könne strategische Ziele tief in Russland treffen. Der britische Premier Keir Starmer sprach von einem „neuen Momentum“: Kiew dränge Russland zunehmend zurück, während Moskaus Wirtschaft unter Druck gerate.

Der Optimismus stützt sich auf reale Erfolge. Die Ukraine greift russische Raffinerien, Munitionslager, Flugplätze und Nachschubwege immer tiefer im Hinterland an. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington erfasste bereits mehr als 20.000 ukrainische Angriffe auf russische Ziele. Zugleich hat Kiew Russlands Schwarzmeerflotte schwer beschädigt und ihre Bewegungsfreiheit rund um die Krim massiv eingeschränkt.

Russlands Verluste steigen. Seine Truppen kommen trotz gewaltigen Material- und Personaleinsatzes nur langsam voran. Zeitweise verlor Moskau sogar wieder mehr Gelände, als es eroberte.

Die politische Hoffnung lautet: Hält der Westen den Druck aufrecht und liefert noch mehr Drohnen, Raketen und Luftverteidigung, könnte Russland militärisch, wirtschaftlich und innenpolitisch an einen Punkt gelangen, an dem es zurückweichen oder verhandeln muss.

Zusätzlichen Auftrieb erhielt diese Hoffnung beim jüngsten NATO-Gipfel. Die Verbündeten sagten der Ukraine für 2026 70 Milliarden Euro an militärischer Ausrüstung, Hilfe und Ausbildung zu. 2027 soll mindestens dasselbe Niveau gehalten werden. Hinzu kommen weitere Patriot-Raketen und neue gemeinsame Produktionsprojekte.

Die Zusagen sind beträchtlich. Doch sie beantworten nicht die entscheidende Frage: Reichen diese Mittel tatsächlich für die politischen Ziele Europas?

Genau hier setzen die Warnungen der Militärstrategen ein.

Reisner: Die ukrainischen Erfolge sind enorm

Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer bestreitet die ukrainischen Erfolge keineswegs. Im Standard-Podcast würdigte er besonders Kiews Erfolge im Schwarzen Meer.

Obwohl die Ukraine keine bedeutende konventionelle Flotte besitzt, ist es ihr gelungen, russische Kriegsschiffe mit unbemannten See- und Unterwassersystemen weitgehend aus Sewastopol zu verdrängen. Viele Schiffe blieben heute im Hafen, liefen nur kurz zum Abschuss von Raketen aus und kehrten danach sofort zurück.

Auch auf der Krim und den Versorgungswegen dorthin setzt die Ukraine Russland unter Druck. Tanklager, Transporte, Brücken, Bahnanlagen und militärische Stützpunkte werden angegriffen.

Künstliche Intelligenz verschafft Kiew ebenfalls Vorteile. Satellitenbilder werden rasch ausgewertet, Ziele automatisch erkannt, Drohnen teilweise autonom ins Ziel gelenkt.

Das alles ist real. Doch Reisners entscheidende Warnung wird leicht überhört: Daraus folgt kein dauerhafter Vorsprung.

Russland lernt mit

In der westlichen Öffentlichkeit entsteht leicht der Eindruck, nur die Ukraine entwickle sich technologisch weiter. Reisner hält das für eine Folge der eigenen Informationsblase: „Wir werden natürlich auch in unserer eigenen Blase vor allem mit Informationen geflutet, die pro-ukrainisch sind oder von der Ukraine kommen.“ Der Gegner bleibt jedoch nicht stehen: „Beide Seiten lernen voneinander, beide Seiten versuchen sich anzupassen.“

Neue ukrainische Systeme werden von Russland untersucht. Moskau verändert seine Taktik, entwickelt Gegenmaßnahmen und versucht, eigene Lösungen in großer Zahl herzustellen. Im ZDF schätzte Reisner, dass der gegenwärtige ukrainische Vorsprung bei KI-gestützten Systemen nur drei bis sechs Monate halten könnte.

Reisners Befund wird von der militärischen NATO-Spitze bestätigt. Admiral Pierre Vandier, Oberster Alliierter Befehlshaber für Transformation, erklärte: „Russland und seine Verbündeten haben sich angepasst.“ Den Krieg prägen Masse, Geschwindigkeit, Software, Drohnen, elektronische Kampfführung, Weltraumfähigkeiten und Daten. Entscheidend sei nicht allein die beste neue Waffe, sondern die Fähigkeit, sie rasch weiterzuentwickeln und in großer Zahl einzusetzen. „Mehr vom Gleichen“ werde deshalb nicht genügen.

CSIS beschreibt denselben Prozess an der Front. Spezialisierte Rubikon-Einheiten greifen ukrainische Drohnenpiloten und Kommandozentren an. Erkenntnisse werden schneller zwischen den Verbänden weitergegeben.

Die russische Armee bleibt schwerfällig und verlustreich. Aber sie lernt.

Hinter Russland steht Chinas Industrie

Ein entscheidender Grund: Russland kämpft nicht allein. Die NATO bezeichnet Peking offiziell als „entscheidenden Ermöglicher“ des russischen Angriffskrieges. China liefert Werkzeugmaschinen, elektronische Komponenten, Sensoren, Batterien, Chemikalien und andere militärisch nutzbare Güter für Russlands Rüstungsindustrie.

Reisner nennt glasfasergesteuerte Drohnen als Beispiel. Sie bleiben über ein dünnes Kabel mit ihrem Bediener verbunden und sind deshalb kaum durch elektronische Störsender auszuschalten. Hier habe Russland bereits einen Vorsprung. Nach Reisners Angaben gelangen monatlich bis zu 60.000 der benötigten Glasfaserspulen aus China nach Russland – ein Vielfaches der Lieferungen an die Ukraine.

Das verändert die Kräfteverhältnisse grundlegend. Europa sieht eine ukrainische Innovation. Russland sieht dieselbe Innovation – und kann versuchen, sie mit chinesischen Bauteilen in größerer Menge zu kopieren.

Sanktionen bremsen – aber stoppen nicht

Westliche Sanktionen verteuern Bauteile, verzögern Lieferungen und erhöhen Moskaus Abhängigkeit von seinen Partnern. Die russische Kriegsproduktion haben sie jedoch nicht gestoppt.

Das US-Forschungsinstitut CNA nennt drei Ausweichwege: heimischen Ersatz, Parallelimporte über Drittstaaten und direkte Kooperation mit befreundeten Ländern. Bei Präzisionsraketen hätten die Exportkontrollen die Herstellung gebremst, aber nicht beendet. Bei Drohnen konnte Russland die Produktion mithilfe importierter Komponenten und ausländischer Partner sogar erhöhen. Nordkorea liefert Munition und Waffen, iranische Technik half beim Aufbau der russischen Drohnenproduktion, Belarus stellt Infrastruktur bereit.

Reisner fasste es im ZDF so zusammen: „Beide können diesen Krieg eigentlich nur führen, weil sie unterstützt werden.“ Es stehen sich längst zwei internationale Kriegssysteme gegenüber: Russland mit seinen Partnern und die Ukraine mit dem Westen.

Moskau setzt auf Masse

Die Ukraine ist häufig schneller und innovativer. Russland kann mehr Masse aufbieten. Es verfügt über mehr Soldaten, größere industrielle Kapazitäten und eine politische Führung, die bereit ist, enorme Verluste hinzunehmen.

Ein neuer CSIS-Bericht schätzt die russischen militärischen Ausfälle seit Februar 2022 auf rund 1,4 Millionen, darunter bis zu 450.000 Tote. Die monatlichen Verluste könnten mittlerweile sogar über der Zahl neuer Rekruten liegen. Das ist eine katastrophale Bilanz. Aber es ist noch kein Zusammenbruch.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrew Latham formuliert den westlichen Denkfehler im National Security Journal so: „Russland führt diesen Krieg schlecht. Das ist nicht dasselbe, wie ihn zu verlieren.“ Westliche Beobachter messen die russische Effizienz. Putin könnte dagegen die Ausdauer des Westens messen.

Russland muss nicht elegant kämpfen. Es muss lediglich hoffen, Soldaten, Munition und Drohnen länger ersetzen zu können, als die Ukraine ihre Männer, Luftabwehrraketen und westliche Unterstützung.

Der lange Krieg wird in Fabriken entschieden

Das britische Royal United Services Institute (RUSI) bringt die Logik des Abnutzungskrieges auf einen brutalen Nenner: „Langwierige Kriege gewinnt die Seite, die neue Kräfte und ihre Bewaffnung hervorbringen kann.“

Russland verfügte über Pläne zur Mobilisierung seiner Rüstungsindustrie. Es kannte wichtige Lieferketten und lenkte enorme staatliche Mittel in die Produktion. Europa verfügte laut RUSI weder über einen vergleichbaren Mobilisierungsplan noch über ausreichend genaue Kenntnisse seiner eigenen Lieferketten. Der Krieg habe eine „offenkundig unzureichende verteidigungsindustrielle Basis“ Europas sichtbar gemacht.

Fabriken, Sprengstoffe, Elektronik und Fachkräfte lassen sich nicht mit einem Gipfelbeschluss herbeizaubern.

Auch der Ukraine gehen die Kräfte aus

Das Problem ist nicht nur Munition. Das britische International Institute for Strategic Studies (IISS) warnt vor ukrainischen Rekrutierungsproblemen, erschöpften Verbänden und fehlenden Reserven. Die Fähigkeit Kiews, russische Durchbrüche zu verhindern, werde dadurch zunehmend belastet.

Auch bei der Luftverteidigung bleibt die Lage ernst. Russland kann weiterhin große Mengen an Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen einsetzen. Die Ukraine benötigt dagegen teure und knappe Abfangraketen.

Der Abnutzungskrieg wird nicht allein durch spektakuläre Erfolge entschieden. Entscheidend ist, wer seine Verluste länger ersetzen kann.

Drohnen können zerstören – aber nicht erobern

Die Ukraine zeigt eindrucksvoll, was Drohnen leisten können. Sie zerstören Schiffe, Fahrzeuge, Lager und Raffinerien. Sie zwingen Russland, seine Logistik umzubauen und Luftverteidigung aus anderen Regionen abzuziehen.

Doch CSIS warnt: „Drohnen können keinen Soldaten ersetzen, der Gelände hält.“ Eine Drohne kann einen Tankwagen sprengen. Sie kann aber keine Straße kontrollieren. Sie kann eine Brücke beschädigen. Sie kann aber keinen Landkorridor besetzen.

Die Krim zeigt die Grenze

Gerade auf der Krim wird dieser Unterschied sichtbar. Die Ukraine versucht, die Halbinsel von Russlands Nachschub abzuschneiden. Dieses Ziel verfolgte sie bereits bei ihrer gescheiterten Bodenoffensive 2023. Heute greift sie dieselben Verbindungen aus der Ferne an.

Doch Russland passt sich an. Große Tanklastwagen werden durch viele kleinere Fahrzeuge ersetzt. Depots werden verteilt. Transporte nehmen neue Routen.

Reisner spricht von einer „Moskito-Versorgung“. Um diese dauerhaft zu unterbrechen, müsse die Ukraine „wieder praktisch und physisch vor Ort sein“. Sie müsste in Richtung Melitopol und Berdjansk vorstoßen, den Landkorridor durchbrechen und das Gelände halten.

Drohnen können die Krim verwunden. Sie können sie aber nicht besetzen.

Die USA fürchten einen russischen Kollaps

Ist eine Rückeroberung der Krim damit völlig ausgeschlossen? Nicht zwingend. Möglich würde sie etwa, wenn die russische Front zusammenbricht und Moskau die Halbinsel nicht mehr halten kann.

Doch genau ein solcher Kollaps gilt in Washington seit Beginn des Krieges als hochgefährlich. Die USA wollten nicht nur einen Zerfall Russlands als Staat verhindern. Sie fürchteten auch eine plötzliche Vernichtung großer russischer Verbände in der Ukraine – weil der Kreml darauf mit Atomwaffen reagieren könnte.

Wie ernst diese Sorge war, zeigte sich im Herbst 2022 bei Cherson. Nach Recherchen des US-Journalisten Bob Woodward ging der amerikanische Geheimdienst damals davon aus, dass Putin mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 50 Prozent taktische Atomwaffen einsetzen könnte, falls rund 30.000 russische Soldaten eingekesselt und vernichtet würden.

Die Biden-Regierung warnte Moskau mit Nachdruck vor den Folgen eines Atomwaffeneinsatzes. Zugleich fürchtete Washington, eine Einkesselung und katastrophale Niederlage von rund 30.000 russischen Soldaten könne die nukleare Schwelle senken.

Die russischen Truppen konnten schließlich weitgehend geordnet über den Dnipro abziehen. Woodward zufolge atmete die US-Regierung danach auf. Spätere Recherchen von Foreign Policy zeigten, dass die Ukraine die verwundbaren Flussübergänge während des Rückzugs kaum noch beschoss. Ob Washington Kiew dazu ausdrücklich drängte, ist nicht zweifelsfrei belegt. Vieles spricht dafür, dass die amerikanische Eskalationsangst den ukrainischen Handlungsspielraum begrenzte.

Das unlösbare Dilemma des Westens

Genau dieses Dilemma beschreibt auch die einflussreiche US-Denkfabrik RAND. Ein plötzlicher Zusammenbruch der russischen Front oder eine ernste Bedrohung des Regimes könnte besonders gefährliche Eskalationsschritte wahrscheinlicher machen – bis hin zum Einsatz von Atomwaffen.

Das bedeutet nicht, dass Putin bei jeder Niederlage zur Atombombe greift. Es bedeutet aber, dass die vernichtende Niederlage einer Atommacht nicht wie der Zusammenbruch eines gewöhnlichen Gegners behandelt werden kann.

Reisner bekräftigte das zuletzt im ZDF: „Aufgrund des nuklearen Drohpotenzials sind die USA nicht bereit, all in zu gehen.“

Der Westen steckt damit in einem kaum auflösbaren Dilemma: Zu wenig Hilfe könnte Russland den Abnutzungskrieg gewinnen lassen. Zu viel Druck in zu kurzer Zeit könnte eine unkontrollierte Eskalation auslösen.

Gerade genug zum Überleben

Genau zwischen diesen beiden Gefahren bleibt die westliche Unterstützung stecken. Reisner bringt die westliche Politik auf eine vernichtende Formel. Die Hilfe reiche gerade aus, damit die Ukraine weiterkämpfen und überleben könne. Für einen nachhaltigen Sieg sei sie „zu wenig“.

Damit passt Europas politischer Optimismus nicht zu seinen tatsächlichen Mitteln. Europa spricht vom Sieg. Doch die gelieferten Mittel eröffnen keinen klaren Weg zur Rückeroberung aller besetzten Gebiete.

Selbst die NATO sucht nach dem Plan

Der brisanteste Befund kommt aus dem Inneren der NATO. Das Allied Command Transformation hielt nach einer Strategiekonferenz fest, das Bündnis habe gegenüber der Ukraine „nicht immer eine kohärente langfristige Strategie formuliert“. Politische Ziele, militärische Wege, vorhandene Mittel und Risiken müssten stärker miteinander verbunden werden.

Das ist das Eingeständnis einer Leerstelle. Was soll mit den Waffen erreicht werden: die Rückeroberung sämtlicher Gebiete, die dauerhafte Verhinderung eines russischen Sieges oder eine bessere Ausgangslage für ein abgesichertes Kriegsende? Diese Ziele verlangen unterschiedliche Mittel.

„So lange wie nötig“ ist kein Plan

Reisner kritisierte im Standard die europäische Politik erneut scharf – ausdrücklich auch aus moralischen Gründen. Europa erkläre lediglich, man werde „so lange weitermachen wie notwendig“.

Seine Antwort: „Das ist jetzt keine Strategie im Sinne von einem Richtungspunkt.“ Denn Dauer ersetzt kein Ziel. „So lange wie nötig“ erklärt weder, wie die Ukraine sämtliche besetzten Gebiete zurückerobern soll, noch welches Eskalationsrisiko Europa zu tragen bereit ist – und schon gar nicht, wann militärischer Druck in ein politisches Ergebnis münden soll.

Russland trägt die Verantwortung für seine großangelegte Invasion der Ukraine seit Februar 2022. Doch Europas Kurs – scharfe Rhetorik und weitreichende Ziele bei zugleich begrenzter Hilfe – droht den daraus entstandenen Abnutzungskrieg immer weiter zu verlängern: mit immer mehr Toten und immer höheren Risiken.

Europas Politiker sollten deshalb weniger Siegesgewissheit verbreiten und ihren eigenen Militärstrategen genauer zuhören. Vor allem aber müssen sie endlich eine gemeinsame Strategie entwickeln. Eine solche fehlt bislang.

Das womöglich noch tiefere Problem: Europas Staaten können sich vielleicht nicht einmal darauf einigen, was sie gemeinsam erreichen wollen.