Es ist eine Veröffentlichung, bei der jedes Wort sitzen muss. Tulsi Gabbard, scheidende Director of National Intelligence der USA – zu Deutsch: Geheimdienstdirektorin – hat zum Abschied gleich zwei Pakete freigegebener Geheimdienstdokumente vorgelegt.
Erstes Paket, 12. Juni: Folien des US-Geheimdienstkoordinators ODNI zu mehr als 120 US-finanzierten Biolaboren in über 30 Ländern. Mehr als 40 davon in der Ukraine. Zweites Paket, 18. und 19. Juni: Hunderte E-Mails zur Corona-Laborleck-Frage, zu Anthony Fauci – dem früheren Chef der US-Seuchenbehörde NIAID – und zum Vorwurf, er habe dem US-Kongress unter Eid gelogen.
Gabbards Sprache ist hart. Sie spricht von Vertuschung, gefährlicher Forschung und politisierten Geheimdiensten. Doch selbst wenn man ihre politische Zuspitzung für übertrieben hält, zeigen die Unterlagen: Hinter Themen, die jahrelang pauschal als Verschwörungstheorie abgetan wurden, standen reale Programme, echte Firmen, US-Gelder und gefährliche Erreger.
Ebola, Pest, Marburg – und ein bekannter Auftragnehmer
Die Ukraine-Folien sind stark geschwärzt. Was lesbar ist, ist dennoch aufschlussreich.
Eine Geheimdienstfolie trägt den Titel „Ukraine: Über 40 gebaute und unterstützte Labore”. Sie nennt US-Training für ukrainische Wissenschaftler in Biocontainment-Laboren, Zertifizierungen für besonders gefährliche Erreger und die Sicherung biologischer Altlasten aus Sowjetzeiten.
Die Erregerliste: Milzbrand, Tulärämie, Tuberkulose, Marburg, Ebola, Lassa, Pest, MERS und SARS. Konkrete Labore werden mit US-Investitionen zwischen 1,7 und 3,5 Millionen Dollar gelistet. Als Auftragnehmer erscheint durchgehend Black & Veatch – ein US-Unternehmen, das immer wieder im Umfeld von Pentagon-Projekten auftaucht.
Eine weitere Folie zeigt das Forschungskooperationsnetzwerk in der Ukraine. Darin: neben der US-Seuchenbehörde CDC, dem US-Landwirtschaftsministerium USDA und amerikanischen Universitäten auch das Biotech-Unternehmen Metabiota.
Gabbard erhebt in einem begleitenden Video schwere Vorwürfe.Belege über die vollständige Existenz und Finanzierung dieser Labore seien dem amerikanischen Volk „wissentlich vorenthalten“ worden. Manche Labore hätten „gefährliche Gain-of-Function-Forschung mit sehr wenig Transparenz oder Aufsicht“ betrieben. Politiker und „sogenannte Gesundheitsexperten wie Dr. Fauci“ sowie Teile des nationalen Sicherheitsteams der Biden-Regierung hätten das amerikanische Volk „wiederholt angelogen“. Und: „Nicht nur haben sie gelogen – sie haben auch jene bedroht, die versucht haben, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ Die Informationen seien „von sehr mächtigen Menschen absichtlich vertuscht“ worden.
Kritiker bemängeln: Die Folien belegen US-Unterstützung für ukrainische Biosicherheitslabore und die Arbeit mit gefährlichen Erregern. Sie beweisen für sich allein aber nicht, dass die USA dort ein offensives Biowaffenprogramm betrieben hätten. Gabbards härteste Vorwürfe gehen über das hinaus, was die bisher sichtbaren Dokumente unmittelbar belegen.
Wuhan, manipulierte Geheimdienste und der Fauci-Vorwurf
Das zweite Dokumentenpaket betrifft Anthony Fauci und das Wuhan Institute of Virology – jenes chinesische Forschungszentrum, das im Zentrum der Debatte über den Ursprung der Corona-Pandemie steht.
Gabbard erhebt in ihrem Abschiedsvideo schwere Vorwürfe: Fauci habe als Chef der US-Seuchenbehörde „Millionen US-Steuergelder für gefährliche Gain-of-Function-Forschung an Fledermaus-Coronaviren am Wuhan-Labor bereitgestellt – Forschung, die heute weithin als Quelle des unbeabsichtigten Laborlecks gilt, das die Pandemie auslöste.“ Die freigegebenen Dokumente enthüllten, wie Fauci „mit politisierten Führungskräften im Geheimdienst zusammenarbeitete, um die Wahrheit zu unterdrücken.“Die Unterlagen stützen Teile dieser Vorwürfe. Ein freigegebener Förderbericht beschreibt Experimente mit Mäusen, die mit menschlichen Zellrezeptoren ausgestattet wurden – genau jenen, über die SARS-ähnliche Coronaviren Menschen infizieren können. Getestet wurden veränderte Wuhan-Viren sowie künstlich zusammengesetzte SARS-ähnliche Coronaviren. Alle vier Varianten hätten laut Bericht letale Infektionen verursacht. Mitforscherin war Shi Zhengli, bekannt als „Fledermausfrau von Wuhan“. Fördergeber: Faucis eigene Behörde.
Weitere interne Dokumente zeigen, dass die Laborleck-Hypothese intern früher ernst genommen wurde, als es der öffentliche Ton vieler Medien vermuten ließ. Eine US-Geheimdienstforschungseinrichtung prüfte die Hypothese bereits im Mai 2020 als ernstzunehmendes Szenario – zu einem Zeitpunkt, als sie öffentlich vielfach abgewertet wurde. Andere interne Mails zeigen zugleich Vorsicht: Analysten hielten natürliche Erklärungen weiterhin für plausibel.
Hat Fauci falsch ausgesagt?
Besonders heikel ist der Vorwurf, Fauci habe vor dem Kongress unter Eid gelogen. Gabbard: Er habe „den Kongress 2024 unter Eid belogen, als er jedes Wissen über Gespräche mit Geheimdienstvertretern über Virusforschung abstritt.” Die heute veröffentlichte Korrespondenz widerspreche seiner beeideten Aussage direkt, sagt Gabbard.
Bereits 2021 hatte eine formelle Whistleblower-Beschwerde Fauci vorgeworfen, vor dem Kongress falsch ausgesagt zu haben – damals zu der Frage, ob seine Behörde Gain-of-Function-Forschung am Wuhan-Labor finanziert habe. Ein behördlicher Brief vom Oktober 2021 räumte ein, bestimmte Ergebnisse aus genau jenem Förderprogramm könnten nachträglich als mögliche Gain-of-Function-Forschung eingestuft werden.
Mehrere Geheimdienstanalysten, die Faucis Schlussfolgerungen hinterfragten, hätten Vergeltungsmaßnahmen erlitten. Analysten, die die Laborleck-Hypothese vertraten, seien von ihren Vorgesetzten daran erinnert worden, „dass die Führung entscheide, welche Analysten befördert werden und welche nicht. Die Botschaft war klar: Mitmachen – oder bestraft werden.“
Ob aus alledem juristisch qualifizierbarer Meineid folgt, bleibt Sache unabhängiger Juristen. Fauci hat alle Vorwürfe stets bestritten. Eine aktuelle Stellungnahme seines Anwalts lag zum Redaktionsschluss nicht vor.
Hunter Biden verdiente mit?
Durch Gabbards bekommt auch eine frühere exxpress-Recherche neue Brisanz.
Metabiota – das Biotech-Unternehmen aus der Geheimdienstfolie – war bereits 2023 Thema beim exxpress. Whistleblower Jack Maxey berichtete auf exxpressTV über Unterlagen aus Hunter Bidens Laptop. Hunter Biden ist der Sohn des früheren US-Präsidenten Joe Biden.
Emails belegen laut Maxey, dass Hunter Biden Metabiota sowohl in die Ukraine als auch nach Wuhan vermittelte. In der Ukraine brachte er das Unternehmen mit Burisma zusammen – für Pentagon-finanzierte Biolabor-Projekte. Nach China ebnete er den Weg für eine Forschungspartnerschaft mit dem chinesischen Seuchenforschungszentrum – jenem Institut, das eng mit dem Wuhan-Labor kooperierte.
Burisma-Chef Vadym Pozharskyi bestätigte in einer E-Mail an Hunters Partner: Metabiota sei Unterauftragnehmer von Black & Veatch gewesen – demselben Pentagon-Auftragnehmer, der jetzt in Gabbards Geheimdienstfolien zu ukrainischen Biolaboren auftaucht.
Somit taucht eine Firma aus Hunter Bidens Geschäftswelt nun in offiziellen Geheimdienstakten zum ukrainischen Biolabor-Netzwerk auf.
Der vor der Wahl 2020 verdrängte Laptop
2020 wurde der Hunter-Biden-Laptop kurz vor der US-Wahl von ehemaligen Geheimdienstvertretern öffentlich in die Nähe einer russischen Desinformationsoperation gerückt. Große Medien und soziale Plattformen behandelten die Geschichte entsprechend zurückhaltend oder blockierten sie.
Später bestätigten mehrere US-Medien – darunter CNN und Washington Post – zumindest Teile der Laptop-Daten als authentisch.
Was belegt ist – und was nicht
Gabbards Timing ist ebenfalls bemerkenswert: Beide Pakete erschienen in ihren allerletzten Amtstagen. Kurz danach trug sie keine institutionelle Verantwortung mehr für die Folgen ihrer Veröffentlichung.
Die Akten belegen kein offensives US-Biowaffenprogramm. Sie liefern keinen abschließenden Beweis, dass das Corona-Virus aus dem Labor in Wuhan stammt. Und sie beweisen nicht, dass Hunter Biden Biolaborprogramme persönlich steuerte. Was die Dokumente aber nicht mehr zulassen: die bequeme Erzählung, alles daran sei bloße Verschwörungstheorie gewesen.
Es gab US-finanzierte Biosicherheitslabore in der Ukraine. Es gab riskante Corona-Forschung in Wuhan mit US-Steuergeld. Es gab private Auftragnehmer, politische Netzwerke – und einen Präsidentensohn, der geschäftlich in dieses Umfeld hineinragte. Und es gab interne Geheimdienstdebatten, die der Öffentlichkeit lange kaum bekannt waren.

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