Ursula von der Leyen hat den Bürokratieabbau zur Chefsache gemacht. Bis 2029 sollen Unternehmen 25 Prozent weniger Verwaltungslast spüren. Für kleine und mittlere Betriebe sollen es sogar 35 Prozent sein.

Doch jetzt liegt einer Welt-Recherche ein unveröffentlichtes Papier des deutschen Arbeitgeberverbands Gesamtmetall vor – und es zerlegt das Versprechen. Zusammen mit Berechnungen europäischer Regierungen ergibt sich ein vernichtendes Bild: Die Bürokratie in Europa wächst weiter. Brüssel verlangsamt das Wachstum – mehr nicht.

Regeln entschärfen, die noch gar nicht voll greifen

Der zentrale Vorwurf: Die Kommission rechne sich ihre Erfolge schön. Viele der angekündigten Vereinfachungen betreffen Regeln, die in der Praxis noch gar nicht voll angewendet werden – darunter neue Berichtspflichten, die Lieferkettenrichtlinie und die KI-Verordnung.

Wenn Brüssel solche Pflichten entschärft, kann es das als Bürokratieabbau verbuchen. Für Unternehmen ist das keine spürbare Entlastung. Sie mussten diese Pflichten noch gar nicht im vollen Umfang erfüllen.

Mit anderen Worten: Die EU entschärft Bürokratie, die viele Firmen noch gar nicht voll trifft – und verkauft das als Entlastung der Gegenwart.

Dänemarks Rechnung: Bis zu 86 Milliarden Euro neue Kosten – jedes Jahr

Besonders brisant ist eine Kalkulation der ehemaligen dänischen EU-Ratspräsidentschaft. Sie wertete die direkten Bruttokosten neuer EU-Gesetzgebung aus. Das Ergebnis: Neue EU-Vorhaben könnten Unternehmen einmalig 63,1 bis 69,9 Milliarden Euro kosten. Dazu kämen wiederkehrende Kosten von 70,9 bis 85,9 Milliarden Euro – pro Jahr.

Zum Vergleich: Die EU-Kommission beziffert die gesamten wiederkehrenden Verwaltungskosten für Unternehmen auf rund 150 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Viertel weniger wären 37,5 Milliarden Euro Entlastung – das ist das offizielle Versprechen. Neue EU-Regeln könnten gleichzeitig mehr als das Doppelte davon an neuen Lasten erzeugen.

Besonders heikel: Die dänische Berechnung stützt sich vor allem auf Folgenabschätzungen der EU-Kommission selbst. Brüssel wird also mit seinen eigenen Zahlen konfrontiert.

Dänemark warnt ausdrücklich, die Kalkulation könnte unvollständig sein. Für einen Teil der EU-Vorhaben fehlen Kostenschätzungen ganz oder teilweise. Die tatsächlichen Kosten könnten noch höher liegen.

Auch Zypern warnt

Dänemark ist nicht allein. Auch Zypern – als aktuelle Ratspräsidentschaft Nachfolger Dänemarks – kommt in einer eigenen Berechnung zu erheblichen Belastungen. Aus laufenden EU-Gesetzgebungsverfahren könnten demnach wiederkehrende Kosten von 18,4 bis 27,3 Milliarden Euro entstehen. Die Zahl ist niedriger als die dänische Kalkulation – weil Zypern nur laufende Verfahren berücksichtigte, nicht bereits angenommene Rechtsakte.

Das Bild bleibt dasselbe: Während Brüssel Entlastung verkündet, laufen parallel neue Vorhaben, die Unternehmen Milliarden kosten.

Neue Regeln, kaum Folgenprüfung

Gesamtmetall hatte bereits zuvor eine weitere Schwachstelle kritisiert: Die Kommission schaffe laufend neue Regeln – prüfe deren Folgen aber kaum.

Im vergangenen Jahr brachte die EU-Kommission 123 Richtlinien und Verordnungen auf den Weg und nahm mehr als 1.000 technische Rechtsakte an. Umfassende Folgenabschätzungen – sogenannte Impact Assessments – gab es gerade einmal 25.

Das ist besonders problematisch: EU-Gesetze wirken nicht in einem Land, sondern in 27 Mitgliedstaaten. Sie betreffen unterschiedliche Rechtssysteme, Branchen und Lieferketten. Wer Folgen nicht sauber prüft, macht Regulierungspolitik im Blindflug. Für Unternehmen bedeutet das: Neue Pflichten kommen oft schneller als Klarheit über ihre Kosten.

Brüssel verteidigt sich

Die EU-Kommission weist die Kritik zurück. Sie sieht ihre Vereinfachungsagenda auf Kurs und verweist auf bereits erzielte Entlastungen. Man dürfe nicht nur Bruttokosten neuer Regeln addieren – auch Einsparungen und Vorteile müssten berücksichtigt werden.

Das ist grundsätzlich nicht falsch: Neue Regeln können Verfahren vereinheitlichen, Rechtsklarheit schaffen, grenzüberschreitende Abläufe erleichtern.

Doch das ändert die Brüsseler Netto-Rechnung bringt Unternehmen wenig. Sie sind laufend mit mehr Formularen, Nachweisen, Berichten, Fristen und Haftungsrisiken konfrontiert – und dort kommt die versprochene Entlastung nicht an.

Industrie: Keine spürbare Entlastung

Die Kritik aus der Wirtschaft ist einhellig. Der deutsche Industrieverband BDI warnt, Unternehmen spürten den versprochenen Bürokratieabbau bislang nicht. Das Grundproblem sei nicht nur die bestehende Last, sondern der ständige Zufluss neuer Regulierung. Solange dieser nicht deutlich gebremst werde, würde die Vereinfachungsagenda der Kommission scheitern.

BusinessEurope, der europäische Arbeitgeberverband, fordert schnellere Ergebnisse. Regulierung sei längst zum Investitionshindernis geworden.

Auch Ex-EZB-Chef Mario Draghi hatte in seinem Wettbewerbsfähigkeitsbericht gewarnt: Europa wolle Innovation fördern, belege Unternehmen aber mit immer neuen Lasten. Besonders betroffen seien kleine und mittlere Betriebe – ohne große Rechtsabteilungen und Compliance-Apparate. Während die EU über Wettbewerbsfähigkeit spreche, wanderten Investitionen, Innovation und Wachstum dorthin, wo Firmen schneller, einfacher und billiger arbeiten könnten.

Immer dasselbe Spiel

Es entsteht ein für Brüssel höchst unangenehmes Bild: Die Kommission verspricht weniger Bürokratie. Gleichzeitig entstehen neue Regeln. Dann werden Teile davon entschärft. Diese Entschärfung wird als Erfolg verkauft.

Für Unternehmen wirkt das wie ein Kreislauf: Die EU schafft das Problem – und feiert sich für die teilweise Reparatur.

Das bürokratische Monster wächst weiter

Besonders deutlich zeigt sich das bei der europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung entlang von Lieferketten.

Unternehmen sollen künftig nicht nur über sich selbst Auskunft geben. Sie sollen über Arbeitsbedingungen bei Zulieferern in Drittstaaten berichten – über soziale Standards, Löhne, Gleichstellung, Risiken, Beschwerdemechanismen. Solche Informationen sind oft kaum überprüfbar, besonders in Ländern mit anderen Rechtssystemen, anderen Standards, anderen Behörden. Es erscheint schlicht abstrus, europäischen Unternehmen solches abzuverlangen.

Brüssel verspricht auch hier Vereinfachung, streicht einzelne Datenpunkte. Doch der Kern bleibt: Unternehmen müssen weiterhin riesige Berichtssysteme aufbauen, Informationen doppelt erfassen und Vorgaben erfüllen, die teils bereits in anderen EU-Regeln stehen.

Wenn aus mehr als 1.000 Datenpunkten etwas weniger werden, ist das kein Bürokratieabbau. Es ist eine kleinere Version desselben bürokratischen Monsters.

Manche Anforderungen sind regelrecht absurd. Firmen sollen Angaben zu sensiblen Daten machen – etwa zur Situation von Menschen mit Behinderungen bei entfernten Zulieferern. Daten, die in vielen Ländern gar nicht oder nur eingeschränkt abgefragt werden dürfen.

Vereinfachung als Etikettenschwindel

Das Ergebnis: Unternehmen schreiben Berichte, dokumentieren Risiken, versuchen Haftung zu vermeiden – ohne sicher zu wissen, ob die verlangten Informationen überhaupt vollständig und belastbar sind.

Solange Brüssel neue Berichtspflichten schafft, sie später leicht entschärft und diese Reparatur als Bürokratieabbau verkauft, bessert sich für Unternehmen nichts. Es wird alles höchstens etwas weniger schlimm.

Die EU baut den Regelstaat weiter aus – und nennt es Vereinfachung.