Russland führt Krieg gegen die Ukraine – und bereitet sich offenbar bereits auf den nächsten Konflikt vor. Das geht aus dem neuen Bericht des estnischen Auslandsgeheimdienstes „International Security and Estonia 2026“ hervor. Die wichtigste Botschaft: Moskau produziert wieder Munition in Massen, baut strategische Reserven auf und schafft zugleich neue Drohnen-Einheiten.
Sieben Millionen Granaten und Raketen
Der Bericht spricht von einer massiven Aufrüstung der russischen Kriegsmaschine. Seit 2021 habe Russland seine Produktion von Artilleriemunition um mehr als das 17-Fache gesteigert. 2025 produzierten russische Fabriken rund sieben Millionen Artilleriegranaten, Mörsergeschosse und Raketen.
Die Zahlen sind gewaltig: 3,4 Millionen Geschosse entfielen auf Haubitzenmunition im Kaliber 122, 152 und 203 Millimeter. Dazu kamen 2,3 Millionen Mörsergranaten, 800.000 Schuss für Panzer und Schützenpanzer sowie 500.000 Raketen für Mehrfachraketenwerfer.
Für den Krieg gegen die Ukraine ist das entscheidend. Doch laut estnischer Analyse geht es um mehr. Russland könne trotz laufender Kämpfe wieder Teile seiner strategischen Artilleriereserven auffüllen. Für den Kreml seien solche Reserven ein zentraler Bestandteil der Planung künftiger Konflikte.
Kurz gesagt: Moskau produziert nicht nur für den Krieg von heute. Es produziert auch für den Krieg von morgen.
Vor dem Krieg lagen 20 Millionen Geschosse bereit
Vor der Invasion 2022 verfügte Russland laut Bericht über strategische Bestände von bis zu 20 Millionen Granaten, Raketen und Mörsergeschossen. In den ersten beiden Kriegsjahren verschoss Moskau den Großteil davon.
Im Frühjahr 2022 feuerte Russland bei Offensiven zeitweise bis zu 60.000 Schuss pro Tag ab. Später stabilisierte sich der Verbrauch bei 10.000 bis 15.000 Schuss täglich. Erst der massive Vorratsverbrauch zwang Moskau zeitweise zur Rationierung.
Nun läuft die Produktion wieder auf Hochtouren.
Munition aus Nordkorea und Iran
Russland verlässt sich dabei nicht nur auf eigene Fabriken. Seit 2023 erhielt Moskau laut estnischem Geheimdienst geschätzt fünf bis sieben Millionen Geschosse aus Nordkorea und Iran.
Bemerkenswert: Nach ukrainischen Einschätzungen machte nordkoreanische Munition in der zweiten Jahreshälfte 2025 rund die Hälfte des russischen Artillerieverbrauchs an der Ukraine-Front aus.
Die Kosten bleiben für Moskau vergleichsweise niedrig. Eine ältere russische 152-Millimeter-Granate kostet in staatlicher Beschaffung weniger als 100.000 Rubel – etwa 1050 Euro. Das ist deutlich billiger als vergleichbare westliche 155-Millimeter-Munition.
Putin baut eine Drohnen-Armee
Doch Granaten sind nur ein Teil der Geschichte. Der estnische Bericht warnt auch vor Russlands neuer Drohnen-Strategie.
Putin ordnete im Herbst 2025 den Aufbau einer eigenen Teilstreitkraft für unbemannte Systeme an. Ziel: Kommando, Kontrolle, Ausbildung und Einsatzregeln für Drohnen zentralisieren. Die Reform soll rund 190 Bataillone für unbemannte Systeme hervorbringen.
Die meisten davon sollen UAV-Einheiten in den Landstreitkräften, den Luftlandetruppen und der Marineinfanterie sein. Auch die russische Marine baut Angriffsverbände mit unbemannten Überwasserfahrzeugen auf.
Neue Bedrohung an der NATO-Ostflanke
Für die NATO ist das hochbrisant. In der Baltischen Flotte wurde bereits ein Regiment für unbemannte maritime Angriffsfahrzeuge gebildet. Zusätzlich entsteht ein UAV-Regiment unter direktem Kommando des Leningrader Militärbezirks.
Diese Einheiten sollen Russlands Fähigkeiten bei Aufklärung, Präzisionsschlägen, indirektem Feuer und Angriffen zur See erhöhen – in unmittelbarer Nähe Estlands.
Die Warnung lautet daher nicht nur: Russland baut mehr Granaten. Sondern: Russland verbindet alte Masse mit neuer Technologie.
Sanktionen treffen Russland – aber stoppen es nicht
Der Westen hat Russlands Rüstungsindustrie unter Druck gesetzt. Besonders schmerzhaft sind laut Bericht Einschränkungen bei Halbleitern, Maschinenbau und Luftfahrtkomponenten.
Doch Moskau passt sich an. Russland verschleiert Endnutzer, schaltet Zwischenhändler ein, verpackt Güter neu und leitet Lieferungen über Fernost, Nahost, Zentralasien und Afrika. Auch organisierte Kriminalität werde genutzt. Zudem setze Russland auf Staaten wie China, Iran und Indien.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der russische Militärgeheimdienst GRU. Er hilft laut estnischem Bericht, Beschaffungsbedarf zu identifizieren und sanktionierte Güter aus dem Ausland zu beschaffen.
Russlands Schwäche bleibt: Eine Rüstungsproduktion ohne ausländische Komponenten ist auf absehbare Zeit nicht erreichbar. Genau deshalb wird Moskau weiter versuchen, Sanktionen zu umgehen.
Russland wird zur Kriegswirtschaft
Auch wirtschaftlich ist die Entwicklung deutlich. Laut estnischem Geheimdienst ist Russlands Wirtschaft in den Abschwung geraten. Der Verteidigungssektor wächst – auf Kosten der zivilen Wirtschaft.
Fast alle zivilen Bereiche seien bereits in der Rezession oder knapp davor. Wachstum gebe es vor allem bei Munition, Präzisionswaffen, elektronischer Kriegsführung und Drohnen.
Das bedeutet: Russland baut keine normale Wirtschaft auf. Russland baut eine Kriegswirtschaft.
Keine Panik – aber höchste Wachsamkeit
Der estnische Geheimdienst warnt ausdrücklich nicht vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die NATO. Nach seiner Einschätzung habe Russland im kommenden Jahr keine Absicht, Estland oder einen anderen NATO-Staat militärisch anzugreifen.
Doch Entwarnung ist das nicht. Der Bericht betont zugleich: Russlands Militärreform werde die Fähigkeiten der Streitkräfte in den kommenden Jahren erhöhen. Estland und die NATO müssten weiter in Verteidigung investieren, damit Moskaus Kalkül immer zugunsten der NATO ausfällt.
Russland ist nicht unbesiegbar. Aber es rüstet. Nicht nur für diesen Krieg – sondern für den nächsten.

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