Europäische Länder sollten sich nicht nur über ihre Schuld definieren, findet Avraham Russell Shalev. Sie sollten historische Fehler nicht verdrängen. Aber sie sollten auch das Positive nicht vergessen: ihre Helden, ihre Errungenschaften, ihre nationale Geschichte. Gerade hier könne Israel ein Modell sein.

Das sagt Shalev im exxpress-Gespräch am Rande der ARC-Konferenz in London. Er ist Jurist, Publizist und Senior Fellow des Kohelet Policy Forum, eines konservativ-liberalen Thinktanks in Israel. Bei der Konferenz ging es um die Zukunft und Erneuerung des Westens – und um die Frage, welche Geschichte westliche Länder noch über sich selbst erzählen.

Shalev hat darauf eine Antwort: Eine freie Gesellschaft braucht mehr als Selbstanklage. Sie braucht auch Stolz.

Stärke zeigt sich in der Krise

Shalev verweist gegenüber dem exxpress auf sein eigenes Land: „Israel schützt einerseits individuelle Rechte, hat aber zugleich ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Das kann ein Modell für viele westeuropäische Länder sein.“

Die Stärke eines Landes zeige sich nicht an guten Tagen, sagt Shalev. Sie zeige sich in einer tiefen Krise. Für Israel war der 7. Oktober eine solche Krise. „Der 7. Oktober war wahrscheinlich der herausforderndste und verheerendste Tag für jeden heute lebenden Israeli“, sagt er.

Und doch habe gerade dieser Tag gezeigt, wie stark das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit in Israel sei. Israelis aus allen Bereichen der Gesellschaft seien nach dem Massaker zurückgekehrt – sogar aus dem Urlaub in Fernost oder vom Himalaya. Viele seien in das erste Flugzeug gestiegen, um nach Israel zurückzukehren.

Das sei Ausdruck der Verbundenheit über die eigene Geschichte. „Einerseits wurden die Menschen an die dunkelsten Tage der jüdischen Geschichte zurückgeworfen“, sagt er. „Andererseits wurden sie auch an die heroischen Tage der frühen Jahre Israels erinnert, als der Staat um seine Existenz kämpfen musste.“

„Ein Glied in einer Kette“

In Israel „fühlen sich die Menschen als Teil einer größeren Geschichte“, sagt Shalev. „Sie erkennen, dass sie ein Glied in einer Kette sind.“

Nach dem 7. Oktober hätten Politiker, Künstler und Bürger auf biblische Helden verwiesen, auf Figuren der jüdischen Geschichte, auf Gestalten des Zionismus. „Es gab diese Idee: Jetzt ist unser Teil der Geschichte. Wir sind die Fortsetzung dieser Geschichte.“ Das sei in Israel sehr präsent – bei religiösen ebenso wie bei nicht-religiösen Menschen.

In vielen Teilen des Westens vermisst Shalev genau diese Kontinuität. In Bildung, Medien und Eliten gebe es oft einen starken Druck, sich für die eigene Geschichte zu schämen. Der Blick richte sich fast nur noch auf Verfehlungen, Schuld und dunkle Kapitel.

Shalev leugnet diese Kapitel nicht. Aber er warnt davor, Gesellschaften nur noch über Schuld zu definieren. Wer nur die eigenen Fehler sehe, verliere den Stolz auf das, was frühere Generationen aufgebaut haben.

Realistischer Optimismus

Generell glaubten Israelis an die Zukunft, auch wenn sie wissen, wie ernst ihre Lage ist.  „Ich glaube, es gibt in Israel einen realistischen Optimismus“, sagt er. „Wir wissen, dass die Dinge schwierig sind. Aber wir wissen auch, dass sie besser werden. Und dass es unsere Aufgabe ist, sie besser zu machen.“

Israel sei heute eine freie, starke und hochentwickelte Gesellschaft. Natürlich gebe es enorme Herausforderungen. Aber historisch betrachtet gehe die Entwicklung eindeutig: aufwärts.

Nach der Katastrophe kam neues Leben

Besonders sichtbar werde dieser Zukunftsglaube in der Demografie. Nach dem 7. Oktober, nach der schlimmsten Tag Israels, folgte ein Babyboom, berichtet Shalev. „Menschen entschieden sich, das Leben neu zu bejahen und neues Leben in diese Welt zu bringen.“

Das habe mit einem grundlegenden jüdischen und israelischen Optimismus zu tun. „Ich hoffe, dass Europäer und Menschen im Westen daraus lernen können: diese Haltung einer Bejahung des Lebens und den Wunsch nach Kontinuität in der nächsten Generation.“

Kanada als Warnung

Avraham Shalev kennt den Westen aus eigener Erfahrung. Er wurde in Kanada geboren und wuchs dort auf, bevor er nach Israel zog. Sein Urteil über Kanada fällt deutlich aus. „In vielerlei Hinsicht bin ich leider nicht besonders optimistisch, was Kanada betrifft“, sagt er. Das Land stehe vor großen Identitätsfragen, doch es erlebe ein Identitätsvakuum und eine zunehmende Atomisierung der Gesellschaft.

Dabei sei Kanada eines der freiesten und erfolgreichsten Länder der Welt. Trotzdem gebe es in Medien, Universitäten und Eliten einen starken Fokus auf historische Sünden – etwa gegenüber der indigenen Bevölkerung oder im Zusammenhang mit Rassismus.

Shalev hält fest: Diese Dinge seien real und müssten angesprochen werden. Aber dieser Blick dürfe nicht völlig kippen. „Wenn man glaubt, Kanada sei eines der rassistischsten und unterdrückerischsten Länder der Welt, dann hat man jede Perspektive verloren.“

Seine Formel lautet: historische Schuld anerkennen, Unrecht korrigieren – aber trotzdem stolz auf das eigene Erbe bleiben.

Kann Osteuropa Westeuropa führen?

Mehr Hoffnung sieht Shalev in Osteuropa. Viele Länder dort hätten lange Jahre der Fremdherrschaft erlebt: unter dem Kommunismus, davor unter der deutschen Besatzung. Gerade deshalb seien sie besonders entschlossen, ihr nationales Überleben und ihre Kultur zu bewahren.

„Viele dieser Länder, zum Beispiel Ungarn oder Tschechien, sehen Israel als Modell“, sagt Shalev. Als ein Land mit starker nationaler Identität, das bereit sei, sich zu verteidigen – und zugleich individuelle Rechte und Freiheit schütze.

Seine brisante These: „Vielleicht kann Osteuropa Westeuropa führen.“

Integration ohne Selbstaufgabe

Auch beim Thema Integration sieht Shalev in Israel ein mögliches Modell – allerdings kein einfach kopierbares.

Rund 21 Prozent der israelischen Bevölkerung – etwa 2,16 Millionen Menschen – sind Araber. Anders als in Europa oder den USA ist die arabische Bevölkerung Israels keine Einwandererbevölkerung, unterstreicht Shalev. Arabische Bürger hätten kulturelle Rechte, Arabisch habe einen besonderen Status, Muslime und Christen hätten eigene religiöse Gerichte für Personenstandsfragen. Das sei nicht eins zu eins auf Europa übertragbar.

Im Alltag gebe es in Israel viel praktische Zusammenarbeit. Juden und Araber lebten zwar in vielen Bereichen parallel, aber es gebe Koexistenz – in Büros, im Gesundheitswesen und in vielen anderen Bereichen.

Entscheidend sei zugleich: Israel gebe seine nationale Identität nicht auf. „Es gibt vollständige Gleichheit auf individueller Ebene“, sagt Shalev. „Aber Israels Symbole und seine nationale Erzählung sind jüdisch.“ Vielleicht könne Europa daraus lernen. Wer sich integrieren wolle, wer seine Religion und Kultur auf individueller Ebene leben wolle, sei willkommen. Aber es dürfe keinen Anspruch geben, „die nationale Mehrheitsidentität zu ersetzen oder auszulöschen“.

Israel als Projektionsfläche des Westens

Avraham Shalev sieht Israel zugleich unter wachsendem Druck. Es wachse wieder die Feindseligkeit gegenüber Israel – teils sogar klassischer Antisemitismus. Auffällig sei, wie obsessiv viele westliche Länder über Israel diskutieren, obwohl sie weit entfernt sind und keine Grenze mit Israel teilen.

Seine Erklärung: Israel werde zur Projektionsfläche westlicher Selbstkonflikte. Fragen von Identität, Rassismus und gesellschaftlicher Spaltung würden auf Israel übertragen. „Israel wird dann zum Symbol für alles Schlechte in diesen Gesellschaften, während die Palästinenser zur Seite des Guten gemacht werden.“

Antisemitismus als Warnsignal

Der Antisemitismus sei in der westlichen Welt nie wirklich verschwunden. Nach dem Entsetzen über den Holocaust „wurde Antisemitismus politisch inkorrekt.“ Doch als die Erinnerung verblasste, sei auch der Antisemitismus zurückgekehrt. Dazu kämen Islamisten, die ihre eigene antisemitische Tradition mitbrächten.

Doch Shalevs entscheidender Punkt lautet: Antisemitismus sei nicht vorrangig das Problem der Juden. „In vielerlei Hinsicht ist Antisemitismus nicht nur ein jüdisches Problem – und nicht einmal in erster Linie ein jüdisches Problem“, sagt er.

„Die unterdrückerischsten Regime der europäischen Geschichte – Nazi-Deutschland und Sowjetrussland – hatten den Antisemitismus als Teil ihrer ideologischen Grundlage.“ Zerstörerisch seien diese Regime nicht nur für Juden gewesen, sondern für ganz Europa.

Deshalb sollten europäische Gesellschaften Antisemitismus nicht aus Gefälligkeit gegenüber Juden bekämpfen, sondern aus eigenem Interesse. „Antisemitismus ist ein Symptom zivilisatorischen Verfalls“, sagt Shalev. „Er ist ein Symptom dafür, dass Gesellschaften krank sind, dass in Gesellschaften etwas falsch läuft.“

Sein Appell an Europa ist aber keine Anklage. Shalev Wunsch ist: Europa soll sich nicht aufgeben. Europäische Länder sollen ihre Fehler sehen – aber auch ihre Größe. Denn wer Zukunft haben will, braucht mehr als Selbstanklage. Er braucht auch eine Geschichte, auf die er stolz sein kann.