„Locker.“ Mit diesem Wort hat Wiens Planungsdirektor Thomas Madreiter in der ORF-Reihe „Bei uns“ eine ganze Großstadt beschrieben. Man könne „locker“ zwischen weiteren 200.000 und 500.000 Einwohnern unterbringen.
Flächenmäßig mag das sogar stimmen. Verdichten lässt sich Wien, das bestreitet kaum jemand. Nachkriegsgebiete sind vielerorts lockerer bebaut als die gründerzeitlichen Viertel. Auf Plänen findet sich noch Raum.
Nur ist Fläche das einfachste Problem, das eine wachsende Stadt zu lösen hat. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Wien theoretisch dichter gebaut werden kann. Sie lautet: Hat Wien auch genug Wohnungen, Lehrer, Kindergärten, U-Bahnen, Ärzte, Energie, Geld und Nerven für ein solches Wachstum?
Genau dort wird das Wort „locker“ plötzlich schwer.
Platz ja – Wohnungen nein
Beim Wohnen, dem Kern jeder Wachstumserzählung, zerbricht spätestens das Wort „locker“.
Die Wiener Baubewilligungen sind von 21.400 im Jahr 2019 auf 5.772 im Jahr 2024 eingebrochen. Für 2027 werden nur noch rund 6.900 fertige Wohnungen erwartet. Der jährliche Bedarf liegt bei 10.000 bis 11.000.
Die Folge steht auf jedem Mietvertrag: Die Mieten stiegen 2025 um bis zu acht Prozent, deutlich über der Inflation. 2026 sollen sie weiter klettern. Eine Stadt, die schon für ihre heutigen Bewohner zu wenig baut, hat kein Platzproblem. Sie hat ein Lieferproblem. Platz, auf dem nichts entsteht, nützt Wohnungssuchenden wenig. Und Wohnungen, die zwar entstehen, aber unleistbar sind, lösen das Problem ebenfalls nicht.
Milliarden-Defizit statt Spielraum
Finanziell wirkt der Optimismus gewagt.
Wien hat 2025 ein Defizit von 2,84 Milliarden Euro eingefahren, nach 1,77 Milliarden im Jahr davor. Der Schuldenstand liegt bei 14,37 Milliarden Euro – ein Höchststand. Die Stadt verkauft das als Teilerfolg, weil ursprünglich fast vier Milliarden befürchtet wurden. Ein Erfolg also in dem Sinn, in dem man froh ist, nur halb so nass geworden zu sein wie erwartet.
Wachstum um Hunderttausende Menschen ist nicht gratis. Es braucht Schulen, Kindergärten, Öffis, Gesundheitsversorgung, Energie, Wasser, Kanal, Müllabfuhr, Sicherheit. Das alles kostet Geld. Viel Geld.
Eine Verwaltung, die schon jetzt jedes Projekt „auf den Prüfstand“ stellen muss, hat keine großzügigen Reserven. Platz ist billig. Infrastruktur nicht.
Die U-Bahn fährt später, nicht früher
Madreiter erklärt die Verzögerung der U5 charmant mit historischen Türkenkriegs-Tunneln im Untergrund. Das mag technisch stimmen. Der näherliegende Grund steht trotzdem im Budget.
Die U5 bis Frankhplatz wird zwar gebaut, geht aber erst 2030 statt Ende 2026 in Betrieb – vier Jahre Verspätung, rund 20 Millionen gesparte Betriebskosten. Das Gesamtprojekt U2xU5 reicht bis Mitte der 2030er-Jahre. Rothneusiedl wird vorerst mit Schnellbussen angebunden, weil die U1 später kommt.
Dazu schrieben die Wiener Linien 2024 einen Verlust von 378 Millionen Euro, dreimal so viel wie im Jahr davor.
Gleichzeitig will Wien bis 2035 um 50.000 Autos weniger. Das kann man ökologisch sinnvoll finden – aber nur, wenn der öffentliche Verkehr rechtzeitig liefert. Schnellbusse sind besser als nichts. Eine U-Bahn sind sie nicht. Sonst wird aus Stadtplanung schnell Geduldsplanung.
Der Engpass heißt Personal
Mehr Einwohner heißt mehr Kinder. Und hier wird es richtig eng – nicht beim Beton, sondern beim Personal. An Wiens Pflichtschulen fehlten zuletzt rund 240 Lehrkräfte. Für 2026/27 waren etwa 2.100 Stellen ausgeschrieben – mehr als in jedem anderen Bundesland.
In den städtischen Kindergärten sind aktuell rund 560 Pädagoginnen-Posten offen, dazu 290 in der inklusiven Elementarpädagogik. Allein 2025 gingen 715 Beschäftigte. In 260 Gruppen springen Assistentinnen für fehlende Fachkräfte ein.
Die Rechnung ist schlicht: mehr Kinder, mehr Klassen, mehr Personal. Ihre Umsetzung offenbar weniger. Denn Pädagoginnen kann man nicht widmen.
Und wer behandelt die Patienten?
Auch die Gesundheitsversorgung ist ungleich verteilt – zulasten genau jener Bezirke, die wachsen.
In Wien sinkt die Zahl der Kassenärzte, während die der teureren Wahlärzte boomt. Diese lassen sich bevorzugt in wohlhabenden Innenbezirken nieder. Ausgerechnet die bevölkerungsreichen Flächenbezirke Favoriten, Simmering und Donaustadt haben pro Kopf die niedrigste Ärztedichte.
Bundesweit ist die Zahl der Kassenärzte seit 2000 um magere 0,4 Prozent gewachsen, während die Wahlärzte um 148 Prozent zunahmen – bei einem Bevölkerungsplus von rund 1,2 Millionen. Eine Stadt kann Wohnungen verdichten. Kassenärzte, Pflegekräfte und Spitalsbetten lassen sich nicht im selben Tempo nachverdichten.
Teurer wird es ohnehin schon
Für viele Wiener fühlt sich die Stadt heute nicht nach „locker mehr Platz“ an, sondern nach enger und teurer.
Die Öffi-Jahreskarte wird 2026 um rund 100 Euro teurer, die Parkgebühren steigen um 30 Prozent. Die Gebrauchsabgabe auf Strom und Gas klettert von 6 auf 7 Prozent. Dazu kommen höhere Fernwärmekosten und die automatische Valorisierung von Wasser-, Kanal- und Müllgebühren.
Eine wachsende Stadt braucht enorme Investitionen in Netze, Energie und Kühlung. Wenn schon die bestehenden Kosten auf die Bürger überwälzt werden, ist „locker mehr Menschen“ ein heikler Satz.
Der Widerspruch im eigenen Plan
Der schärfste Einwand kommt aus Madreiters eigenem Haus. Vor gut einem Jahr, bei der Präsentation des Wien-Plans 2035, klang derselbe Planungsdirektor erheblich vorsichtiger. Damals hieß es: Man treffe Vorsorge für rund 200.000 zusätzliche Menschen. Bei stärkerem Wachstum kämen 50.000 weitere infrage. Erst darüber hinaus „müsste neu geplant werden“.
Aus „200.000 plus Reserve” wurde binnen zwölf Monaten „locker bis 500.000“. Geändert hat sich in dieser Zeit: nichts. Kein entspannteres Budget, kein Wohnbau-Boom, kein Personalwunder. Im Gegenteil. Die Stadtplanung hat keine neuen Kapazitäten entdeckt. Sie hat den Tonfall gewechselt.
Die eigentliche Frage
Dass man auf einer Karte noch Gebäude einzeichnen kann, bezweifelt kaum jemand. Die spannendere Frage ist, ob hinter diesen Quadratmetern auch eine leistbare Wohnung steht. Ein Schulplatz. Eine Kindergartengruppe. Ein U-Bahn-Anschluss. Ein Kassenarzt. Ein bezahlbares Budget.
Heute lautet die ehrliche Antwort bei jedem dieser Punkte: derzeit nicht.
Wien hat vielleicht Platz für mehr Menschen. Beweisen muss die Stadt erst, dass sie auch die Stadt dafür hat. Solange das offen ist, ist „locker“ das einzige Wort, das in dieser Debatte wirklich fehl am Platz ist.

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