Er sprach aus, was viele Lehrer nur hinter vorgehaltener Hand sagen: Thomas Walach, früher SPÖ-Kommunikator und heute Lehrer an einer Wiener Mittelschule, berichtete offen über massive Integrationsprobleme im Klassenzimmer. Jetzt hat er Ärger mit der Wiener Bildungsdirektion. Seither fragen sich viele: Dürfen Lehrer öffentlich sagen, was an Wiens Schulen wirklich los ist?
Walach war früher Kommunikationschef im Umfeld der damaligen SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner und davor bei Peter Pilz. Seit drei Jahren unterrichtet er an einer Wiener Brennpunktschule. In einem Interview mit der Presse am Sonntag schilderte er Zustände, die viele Eltern alarmieren dürften: massive Deutschprobleme, große Bildungsrückstände, Kinder mit Gewalterfahrungen, schwierige religiöse und soziale Milieus – und Mädchen, die nach der Pflichtschule aus dem Bildungssystem verschwinden.
Nun berichtet die Presse: Nach dem Interview bekam Walach Probleme mit der Wiener Bildungsdirektion. Laut Walach wurde ihm offiziell die Weisung erteilt, sich künftig nur noch bildungspolitisch zu äußern, wenn die Bildungsdirektion dies zuvor genehmigt habe.
„Erstmals Kontakt mit Deutsch“
Die Aussagen Walachs hatten es in sich.
Er berichtete, dass viele Kinder, die er unterrichtet, kaum lesen oder schreiben könnten. Für einen Großteil gehe es nicht um normalen Mittelschulstoff, sondern um Grundlagen, die eigentlich bereits in der Volksschule sitzen müssten.
Besonders brisant: „Fast alle Kinder, die ich in der Klasse habe, sind in Wien geboren, haben aber in der Schule zum ersten Mal Kontakt mit der deutschen Sprache gehabt“, sagte Walach im Interview.
Auch der Fastenmonat Ramadan sei für den Lernerfolg ein massives Problem. Viele muslimische Schüler würden tagsüber weder essen noch trinken – Unterricht werde dadurch faktisch enorm erschwert. Walach sprach zudem von Mädchen, die nach der Pflichtschule aus dem Bildungssystem fallen, weil sie verheiratet werden.
Ein Satz von Walach ist politisch besonders brisant: Für viele sei es „ein normaler Lebensentwurf“, lebenslang von Sozialhilfe zu leben.
Ausgerechnet ein Ex-SPÖ-Mann
Die politische Sprengkraft des Falls liegt auch an der Person Walach.
Hier spricht kein FPÖ-Funktionär. Kein rechter Aktivist. Kein Oppositionspolitiker. Walach kommt aus dem linken und sozialdemokratischen Umfeld.
Gerade deshalb lässt sich seine Kritik schwer als parteipolitische Stimmungsmache abtun. Er schildert nicht aus zweiter Hand. Er spricht aus dem Schulalltag.
Seine Begründung: Wenn die Öffentlichkeit über Schule, Bildungs- und Sozialpolitik urteilen solle, müsse sie wissen, was tatsächlich los sei. Doch darf ein Lehrer öffentlich sagen, was er täglich erlebt?
Bildungsdirektion verlangt „Genehmigung“
Laut Presse bestätigte die Wiener Bildungsdirektion grundsätzlich, dass sie vor medialen Äußerungen von Lehrern eine Genehmigung verlangt.
In einer Stellungnahme heißt es, Schulleitungen und Lehrpersonen trügen bei Medienauftritten besondere Verantwortung. Im Rahmen der festgelegten Prozesse sei die Genehmigung durch die Dienstgeberin vorgesehen.
Begründet wird das mit dem Schutz aller Beteiligten: Medienberichte könnten Auswirkungen auf Lehrkräfte, Schulstandorte, die Schulgemeinschaft und Schüler haben. Eine vorherige Abstimmung solle ermöglichen, auf Reaktionen vorbereitet zu sein und einen sicheren Schulbetrieb aufrechtzuerhalten.
„Das gehört zu den Spielregeln“
Der exxpress hat sich umgehört: Im Wiener Schulbereich wird die Darstellung eines generellen Maulkorbs durch die Bildungsdirektion tatsächlich zurückgewiesen.
Nach Darstellung eines mit Wiener Schulen vertrauten Gesprächspartners sei es nicht so, dass Lehrer grundsätzlich nicht mit Medien sprechen dürften. Entscheidend sei vielmehr, dass die Bildungsdirektion vorab informiert werde.
Walach habe es offenbar verabsäumt, vor dem Interview Rücksprache zu halten, heißt es. „Das gehört eigentlich zu den Spielregeln.“ Die Bildungsdirektion wolle wissen, wann und wo sich Lehrkräfte öffentlich äußern – schon um auf mögliche Folgen vorbereitet zu sein. Von einzelnen Fällen, in denen öffentliche Stellungnahmen tatsächlich untersagt worden seien, wird zwar berichtet – allerdings nur vom Hörensagen.
Ein Eindruck bleibt aber: Wer öffentlich über Missstände spricht, bewegt sich in einem empfindlichen Feld. Auch die Ansprechpartner des exxpress wollen anonym bleiben.
„Das hatten wir schon vor zehn Jahren“
Die von Walach geschilderten Zustände seien im Kern nicht neu, heißt es aus dem Schulbereich weiter. Das gelte auch für die Recherchen des profil-Journalisten Clemens Neuhold, die ähnliche Probleme sichtbar machten. Viele dieser Entwicklungen seien seit Jahren bekannt.
„Das hatten wir schon vor zehn Jahren“, sagt ein mit Wiener Brennpunktschulen vertrauter Gesprächspartner gegenüber dem exxpress. Als Beispiele nennt er Fälle von weiblicher Genitalverstümmelung und die Verheiratung von Mädchen in der achten Schulstufe – Themen, die in der Vergangenheit teils bereits öffentlich wurden.
Die Lage habe sich nicht in jeder Hinsicht völlig verändert. Aber die Dimension sei größer geworden. Die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund steige, während der Anteil autochthoner Kinder in vielen Schulklassen sinke. Damit wachse auch die kulturelle Herausforderung.
„Der Druck wird größer“
Der entscheidende Unterschied zu früher sei ein anderer: Die Öffentlichkeit schaut genauer hin.
„Der Druck wird größer“, heißt es aus dem Schulbereich. „Immer mehr Medien wachen auf, und allmählich auch die Politik. Das ist gut.“ In Wien lasse man sich allerdings weiterhin viel Zeit, energischere Integrationsmaßnahmen durchzusetzen.
Dabei gebe es auch positive Beispiele. „Einige Kinder und Familien haben sich wirklich sehr bemüht, sich zu integrieren“, berichtet ein Gesprächspartner.
Doch genau auf solche Familien könne auch Druck aus dem eigenen Umfeld ausgeübt werden. Besonders problematisch seien religiös-politische Einflüsse aus Teilen der Community, aber auch das Internet. TikTok-Kanäle und sogenannte Internet-Imame hätten unter Jugendlichen großen Zulauf.
Alarmierende Studienzahlen
Bestätigt sehen sich Kritiker durch eine neue Wiener Studie unter Leitung des Soziologen Kenan Güngör.
Demnach befürworten 53 Prozent der muslimischen Jugendlichen eine Kopftuchpflicht für Musliminnen in der Öffentlichkeit. 65 Prozent sagen, islamische Vorschriften würden für alle Lebensbereiche gelten und seien streng einzuhalten. 41 Prozent stellen religiöse Regeln über österreichische Gesetze.
Die Stadt Wien selbst betont in ihrer Darstellung der Studie einen besonders heiklen Faktor: digitale Radikalisierung. Jugendliche, die sich vor allem über soziale Medien religiös orientieren, zeigten signifikant häufiger autoritäre, homonegative und abwertende Einstellungen.
Die Schulpraktiker erleben im Alltag, wie kulturelle und religiöse Konflikte in die Klassenräume getragen werden. Es geht um Sprache, Rollenbilder, Autorität, Frauenbild, Religion – und um die Frage, welche Normen am Ende gelten.
Ein Lehrer fordert gegenüber dem exxpress: Man müsse jetzt „eine Stopp-Taste“ drücken. Andernfalls werde sich die Gesellschaft in eine Richtung bewegen, die viele nicht wollen.
Mehr österreichisches Selbstbewusstsein
Aus dem Schulbereich werden verschiedene Forderungen laut. Österreich müsse selbstbewusster auftreten, sagt eine Lehrkraft. Es brauche mehr Vermittlung von österreichischem Patriotismus, mehr Stolz auf den eigenen Staat, mehr Klarheit über Regeln und Werte.
Kritisiert wird auch, dass sichreligiöse Sonderstrukturen immer stärker ausbreiteten. Genannt werden Gebetsräume, Kopftuchdruck, Halal-Vorgaben und der wachsende Einfluss religiöser Autoritäten.
Die Warnung dahinter: Wenn der Staat seine eigenen Regeln nicht klarer durchsetzt, füllen andere dieses Vakuum.
Verfassungsrechtler gibt Walach Rückendeckung
Juristisch ist die Sache keineswegs so eindeutig, wie die Bildungsdirektion sie offenbar darstellt.
Der Verfassungsrechtler Peter Bußjäger von der Universität Innsbruck sieht laut Presse keinen Grund, weshalb Walach seine Aussagen nicht hätte tätigen dürfen.
Entscheidend sei, dass Kritik sachlich bleibe, keine falschen Informationen verbreitet würden, keine Persönlichkeitsrechte verletzt und Vorgesetzte nicht herabgewürdigt würden. Wenn diese Grenzen eingehalten werden, sei eine solche Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt.
Besonders bemerkenswert: Nach der Judikatur könne sogar Kritik zulässig sein, die das Ansehen der eigenen Behörde beeinträchtigt – solange sie sachlich vorgetragen wird und der Verbesserung dient.
Ein Maulkorb löst kein Schulproblem
Wenn Kinder in Wien geboren werden und trotzdem erst in der Schule ernsthaft mit Deutsch in Kontakt kommen, ist das kein Randthema. Wenn Mädchen nach der Pflichtschule aus dem Bildungssystem verschwinden, ist das kein Betriebsgeheimnis. Wenn Lehrer im Unterricht wieder Volksschulstoff vermitteln müssen, ist das kein Imageproblem eines Schulstandorts – sondern ein politisches Versagen.
Eines steht dann wohl fest: Die Wiener Schulen haben kein Kommunikationsproblem. Sie haben ein Realitätsproblem. Thomas Walach hat es offen ausgesprochen. Jetzt steht der Verdacht im Raum, dass genau das unerwünscht ist.

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