Die vielzitierte gesellschaftliche Spaltung könnte weniger ein strukturelles als vielmehr ein kommunikatives Problem sein. Das legt eine aktuelle Allensbach-Umfrage nahe. Im Zentrum steht dabei eine scheinbar einfache Frage: Wie gut können Menschen einander überhaupt noch zuhören?
Selbstbild und Wirklichkeit gehen auseinander
Viele Deutsche sehen sich selbst als gute Zuhörer. 69 Prozent der Befragten bezeichnen sich so. Gleichzeitig gibt ein beachtlicher Teil an, in Gesprächen manchmal Mühe zu haben, geduldig zuzuhören oder die eigene Meinung zurückzuhalten. Auch das Unterbrechen anderer ist offenbar verbreiteter, als das positive Selbstbild vermuten lässt.
Damit zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Verhalten. Gerade darin könnte ein Grund liegen, warum Diskussionen im privaten wie im öffentlichen Raum zunehmend gereizt verlaufen.
Grüne-Wähler am wenigsten tolerant
Besonders brisant sind die Ergebnisse zur politischen Toleranz. 21 Prozent der Bevölkerung sagen offen, dass sie sich über Menschen mit ganz anderen Meinungen aufregen. Unter den Anhängern der Parteien fallen die Werte jedoch unterschiedlich aus.
Am höchsten ist der Anteil bei Grünen-Wählern: 28 Prozent geben an, sich über gegenteilige Ansichten zu ärgern. Dahinter folgen AfD-Wähler mit 24 Prozent. Bei CDU/CSU-Anhängern liegt der Wert bei 19 Prozent, bei SPD-Wählern bei 18 Prozent.
Damit schneiden Anhänger von SPD und Union in dieser Frage deutlich gelassener ab als die Wähler der Grünen.
Auch Höhergebildete zeigen sich oft intoleranter
Auffällig ist zudem, dass Personen mit höherem Bildungsabschluss in der Befragung weniger tolerant gegenüber abweichenden Meinungen erscheinen als Menschen mit einfacher oder mittlerer Schulbildung. Auch das widerspricht dem verbreiteten Bild, wonach Bildung automatisch zu größerer Offenheit im politischen Streit führe.
Politische Differenzen führen nicht automatisch zum Bruch
Zwar sagen 57 Prozent der Befragten, sie hätten in Familie oder Freundeskreis Personen, mit denen politische Gespräche keinen Sinn mehr machten. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Kontakt abgebrochen ist. Im Gegenteil: Die Ergebnisse sprechen eher dafür, dass viele Beziehungen politische Differenzen aushalten – auch wenn bestimmte Themen bewusst ausgespart werden.
Freundeskreise oft homogener als soziale Netzwerke
Ein weiteres Ergebnis überrascht: Nicht das Internet, sondern das direkte persönliche Umfeld scheint politisch homogener zu sein. Nur rund jeder Zehnte sagt, dass im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis überwiegend eine andere Partei bevorzugt wird als die, der man selbst nahesteht. In sozialen Netzwerken liegt dieser Anteil etwa doppelt so hoch.
Die oft beschworene digitale Echokammer erklärt die Polarisierung also offenbar nicht vollständig. Der Austausch mit Andersdenkenden findet online teils sogar häufiger statt als im analogen Umfeld.
Viel Social Media, mehr Probleme beim Zuhören
Ganz entlastet werden soziale Netzwerke durch die Umfrage aber nicht. Wer sie sehr intensiv nutzt, gibt überdurchschnittlich häufig an, beim Zuhören ungeduldig zu sein und andere öfter zu unterbrechen. Ein klarer ursächlicher Zusammenhang lässt sich daraus zwar nicht ableiten. Der Befund bleibt dennoch auffällig.

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