Mit einer einzigen Rede wurde Maeve Halligan, 23, über Nacht zur bekanntesten Genderkritikerin Großbritanniens. Die Literaturstudentin trat im Mai bei der Cambridge Union an – dem ältesten studentischen Debattierklub der Welt – und verteidigte die Position: „Moderner LGBTQ+-Aktivismus schadet der eigenen Gemeinschaft.” Zehntausende teilten die Rede im Netz, Halligan war im Radio und Fernsehen und schrieb einen Artikel für den Telegraph. Im Interview mit der deutschen Tageszeitung Die Welt erklärt sie, was sie antreibt.
„Kultur der Angst“
Für Halligan ist klar: Es gibt eine „Kultur der Angst” rund um die Genderdebatte – nicht nur an Universitäten, sondern in der gesamten Gesellschaft. Menschen, die sagen, dass das biologische Geschlecht real ist und eine Rolle spielt, hätten Jobs verloren oder seien sozial isoliert worden. An Eliteuniversitäten wie Oxford oder Cambridge sei die Angstkultur besonders tief verankert: „Dort gibt es viele junge Leute, die von ihrer eigenen Intelligenz sehr überzeugt sind und ungern hören, dass sie falschliegen könnten.” Die Genderideologie hält Halligan für „zutiefst reaktionär, weil sie auf Stereotypen basiert.”
Lesben unter Druck
Besonders scharf kritisiert Halligan den Druck auf lesbische Frauen: „Frauen, die sich ausschließlich zu Frauen hingezogen fühlen, werden beschimpft oder bedrängt, wenn sie sagen, dass sie kein Interesse an Männern haben – auch an Männern, die sich als Frauen identifizieren.” Das sei „homophob und lesbenfeindlich”. Und weiter: „Wir schreiben das Jahr 2026, und die Leute, die so reden, halten sich allen Ernstes für progressiv.”
Frauenräume und Kinderschutz
Zum Thema Frauenräume ist Halligan unmissverständlich: „Räume für Frauen sind nicht ‘traditionell’; sie haben eine Funktion.” Die Trennung nach biologischem Geschlecht schütze Sicherheit, Würde und Privatsphäre – von Frauen, aber auch von Männern und Kindern. Die Verantwortung für das Problem auf Frauen abzuwälzen, lehnt sie ab: „Das ist schlicht nicht unsere Aufgabe.”
Besonders besorgt ist sie um Kinder. In der Tavistock-Klinik in London – jahrelang die zentrale NHS-Klinik für Kinder mit Geschlechtsdysphorie – stiegen die Überweisungen von 138 Fällen im Jahr 2010 auf mehr als 2.300 zehn Jahre später. Die Klinik wurde inzwischen geschlossen – ausgelöst durch den Cass-Report der Kinderärztin Hilary Cass, der erhebliche Mängel bei medizinischen Eingriffen mit Pubertätsblockern und Hormonen feststellte. „Das grundsätzliche Problem ist damit nicht erledigt”, warnt Halligan.
Breite Gegenbewegung
Was Halligan besonders bemerkenswert findet: Die genderkritische Bewegung vereint Feministinnen, Liberale und Konservative – ein in der heutigen Zeit seltenes parteiübergreifendes Phänomen. „Die genderkritische Bewegung basiert auf Fakten. Und sie bekämpft etwas, das per Definition nicht auf Fakten basiert.”
Dass ihre Rede in Cambridge überhaupt möglich war, sieht sie als Zeichen des Wandels: „Vor ein paar Jahren hätte die Cambridge Union einer Studentin mit genderkritischen Ansichten niemals erlaubt, sich hinzustellen und zu sagen: ‘Hört auf, Kinder mit Medikamenten vollzupumpen.'”

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