Wer kein Ticket für Miami ergattern konnte, macht die Heimat kurzerhand zur Fanmeile. Die Euphorie ist so groß wie nie zuvor.

Der Ansturm auf das Viertelfinale ist gewaltig. Zusätzliche Flüge nach Miami waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Doch auch Richtung Oslo herrscht Hochbetrieb: Tausende im Ausland lebende Norweger reisen zurück, um das Spiel gemeinsam mit Familie und Freunden zu erleben, berichtet die Kronen Zeitung.

Ganz Norwegen scheint nur noch ein Thema zu kennen – Fußball.

Fahnen ausverkauft, Fans stürmen die Geschäfte

Nicht nur die offiziellen Trikots waren bereits vor Beginn der Weltmeisterschaft vergriffen.

Mittlerweile werden auch Fahnen, Schals und Fanartikel knapp. In Oslo bilden sich lange Warteschlangen vor Geschäften, viele Souvenirläden sind nahezu leer gekauft.

Für das große Public Viewing in der Hauptstadt waren die 22.000 verfügbaren Plätze innerhalb weniger Sekunden vergeben. Weil rund 100.000 Fans im Stadtzentrum erwartet werden, setzen die Verkehrsbetriebe zusätzliche Busse ein.

Mit einem Augenzwinkern erklärte ein Sprecher: „Die wenigsten von uns können nach Hause rudern.“

Das sogenannte „Trockenrudern“ ist längst zum Kult geworden.

Nach dem Achtelfinal-Sieg gegen Brasilien ruderten Tausende Fans gemeinsam durch die Straßen – sogar Kronprinz Haakon machte vor dem Königsschloss begeistert mit.

Ob in Schulen, Kindergärten oder sogar im Parlament – das ganze Land feiert die Nationalmannschaft mit der inzwischen legendären Jubelgeste.

Rapid-Stürmer Dahl: „Alle spielen verrückt“

Auch in Österreich wird kräftig mitgefiebert. Rapid-Stürmer Nosa Dahl verfolgt die unglaubliche Stimmung in seiner Heimat aus der Ferne.

„In Oslo spielen gerade alle verrückt. Jeder ist draußen, die Straßen sind voll“, erzählt der Norweger.

An eine vergleichbare Begeisterung könne er sich nicht erinnern.

Besonders stolz macht ihn die aktuelle Generation um Erling Haaland, Antonio Nusa, Sander Berg, Oscar Bobb und Leo Østigård, die er teilweise persönlich kennt.

Für das Viertelfinale hat Dahl einen klaren Plan:

„Sie müssen wie gegen Brasilien den Ball halten und den Gegner laufen lassen. Wir haben so viel Qualität – wir kommen sicher ins Finale.“

Auch Österreich staunt über Norwegens Höhenflug

Dass Norwegen heute zu den stärksten Mannschaften der Welt zählt, überrascht auch frühere Wegbegleiter.

Der ehemalige ÖSV-Alpinchef Christian Mitter arbeitete viele Jahre mit den norwegischen Ski-Stars zusammen und kennt die Mentalität des Landes bestens.

„Norwegen ist eine unglaublich sportbegeisterte Nation mit einer bodenständigen Einstellung“, sagt der Steirer.

Umso bemerkenswerter sei der Aufschwung im Fußball.

Noch gut erinnert er sich an die deutliche 1:5-Niederlage gegen Österreich im Jahr 2024, nach der Mannschaft und Trainer heftig kritisiert wurden.

„Jetzt haben sie eine fantastische Generation und spielen richtig starken Fußball.“

Scharner: „Mich überrascht das überhaupt nicht“

Auch Ex-Teamspieler Paul Scharner kennt den norwegischen Fußball bestens. Der frühere Nationalspieler gewann 2004 mit Brann Bergen den Pokal und wurde dort sogar zum Spieler der Saison gewählt.

Für ihn kommt der Erfolg keineswegs überraschend.

„In Norwegen hat Sport einen ganz anderen Stellenwert als bei uns“, erklärt Scharner. Genau diese Mentalität zahle sich jetzt auf der größten Fußballbühne der Welt aus. Wenn Norwegen am Samstagabend auf England trifft, wird nicht nur in Miami mitgefiebert.

Eine ganze Nation hält den Atem an, träumt vom ersten WM-Halbfinale – und rudert sich voller Hoffnung dem vielleicht größten Fußballabend ihrer Geschichte entgegen.