Der Mittelstand stirbt leise: 114.000 Geschäftsaufgaben pro Jahr
In der deutschen Wirtschaft bahnt sich ein tiefgreifender Strukturbruch an. Tausende Unternehmen stehen vor der Schließung. Nicht nur, weil die Auftragsbücher leer sind, sondern auch weil niemand mehr bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Viele Unternehmer werden in den nächsten Jahren in Rente gehen, Nachwuchs bleibt weitgehend aus. Der Generationenwechsel im Mittelstand stockt.
Nach aktuellen Erhebungen drohen in den kommenden Jahren massive Geschäftsaufgaben. Die staatliche Förderbank KfW rechnet damit, dass in den nächsten fünf Jahren jährlich rund 114.000 Unternehmen ihren Betrieb einstellen könnten. Hochgerechnet bedeutet das: Mehr als eine halbe Million Firmen könnten bis Ende des Jahrzehnts vom Markt verschwinden – vielfach nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern mangels Nachfolge.
KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher spricht von einer zentralen Herausforderung für den Wirtschaftsstandort. Die Sicherung bestehender Betriebe sei essenziell, zugleich brauche es deutlich mehr Gründungsbereitschaft. Doch genau hier zeigt sich ein zentrales Problem.
Laut KfW sind inzwischen 57 % der mittelständischen deutschen Unternehmer 55 Jahre oder älter. Vor zwanzig Jahren lag dieser Anteil noch deutlich niedriger. Mit dem nahenden Ruhestand stellt sich für viele Betriebe die Frage der Übergabe – und immer häufiger bleibt sie unbeantwortet.
Wenn sich Unternehmertum nicht mehr rechnet
IfM-Wissenschaftler Markus Rieger-Fels bringt das Dilemma nüchtern auf den Punkt: Sinkende Erträge, steigende Kosten und hohe Unsicherheiten machen Übernahmen unattraktiv. Wer heute ein Unternehmen übernimmt, sieht sich mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert.
Hohe Energiepreise, wachsende Bürokratie und langwierige Genehmigungsprozesse wirken dabei wie eine stille Abschreckung. Gerade im produzierenden Gewerbe und im Handwerk schlagen Strom- und Gaskosten mittlerweile so stark zu Buche, dass selbst stabile Betriebe an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, während Dokumentationspflichten, Berichtsvorgaben und steuerliche Komplexität, die Ausgangslage zusätzlich erschweren.
Hohe Erwartungen treffen auf raue Realität
Ein zusätzlicher Bremsklotz sind die gestiegenen Preisvorstellungen der Verkäufer. Laut KfW erwarten „übergabewillige‟ Unternehmer im Schnitt rund 500.000 Euro für ihren Betrieb. Noch vor sechs Jahren lag dieser Wert bei etwa 372.000 Euro. Für potenzielle Nachfolger, wird der Einstieg damit noch schwieriger gemacht.
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