Die Zahlen sind eindeutig: 162 Raketenstarts von SpaceX im vergangenen Jahr – Europa brachte gerade einmal acht zustande. Für Historiker und Bestsellerautor Rainer Zitelmann steckt dahinter ein strukturelles Problem. Sein neues Buch „Weltraumkapitalismus“ zeigt: Europas Raumfahrt wird von staatlicher Dominanz und Regulierung ausgebremst – und ist deshalb viel zu langsam.

„Europa spielt im Weltraumrennen keine Rolle mehr“

Nicht nur bei KI, Internet und Energie verliert Europa derzeit den Anschluss – auch im All, warnt Zitelmann. „Ein einziges Privatunternehmen schafft mehr als ganz Europa zusammen“, sagt er. Selbst kleinere Firmen wie Rocket Lab hätten zuletzt dreimal so viele Raketenstarts absolviert wie Europa insgesamt. Der globale Wettlauf finde längst nicht mehr zwischen Europa und den USA statt, sondern vor allem zwischen Amerika und China. Europa spiele dabei „praktisch keine Rolle mehr“.

Sogar China denkt um

Besonders bemerkenswert sei China: Obwohl die Raumfahrt dort weiter stark staatlich dominiert ist, habe Peking vor rund zehn Jahren private Anbieter zugelassen. Inzwischen gebe es dort laut Zitelmann rund 450 private Raumfahrtunternehmen. Während Europa weiter reguliert und bremst, habe selbst China erkannt, dass der neue Wettlauf ins All nicht ohne private Unternehmer zu gewinnen ist.

Zitelmann im TV-Talk mit exxpress-Redakteur Stefan Beig.EXXPRESSTV/EXXPRESSTV

Der Durchbruch der privaten Raumfahrt

Dabei hatten auch die USA lange Zeit Schwierigkeiten. Nach dem Ende des Space-Shuttle-Programms waren amerikanische Astronauten zwischen 2011 und 2020 sogar auf russische Sojus-Raketen angewiesen, um zur Internationalen Raumstation zu gelangen.

Der Wendepunkt kam, als Washington begann, stärker auf private Raumfahrtunternehmen zu setzen. Viele Politiker hätten diese Unternehmer zunächst belächelt. Doch genau diese „Raketenbastler“ sorgten schließlich für den Durchbruch: 2020 transportierte mit SpaceX erstmals ein privates Unternehmen Astronauten zur ISS.

Wiederverwendbare Raketen senken die Kosten drastisch

Der entscheidende technische Fortschritt sei laut Zitelmann die Wiederverwendbarkeit von Raketen. Die Falcon-9-Rakete von SpaceX kann mehrfach eingesetzt werden. Dadurch sind die Startkosten dramatisch gesunken. „Heute liegen die Kosten bei nur noch etwa fünf Prozent der Kosten des Space Shuttle“, erläutert der Historiker und Soziologe.

Sein Vergleich macht das Problem deutlich: Würde ein Flugzeug nach jedem Flug verschrottet, wären Flugreisen unbezahlbar. Genau so habe Raumfahrt jahrzehntelang funktioniert.

Satelliten sind längst unverzichtbar

Viele Menschen unterschätzen laut Zitelmann, welche Bedeutung Raumfahrt bereits heute für den Alltag hat. Was würde passieren, wenn plötzlich alle Satelliten ausfallen? Navigation, Kommunikation, Internet, Fernsehen, Teile der Finanzwelt und militärische Systeme würden massiv beeinträchtigt.

„Die Bedeutung des Weltraums für unsere Wirtschaft wird künftig noch deutlich wachsen“, sagt der Historiker.

Starlink spielte im Ukrainekrieg eine Schlüsselrolle

Wie wichtig Satelliten mittlerweile sind, zeigte sich besonders im Ukrainekrieg. „Die Ukraine hätte den Krieg möglicherweise schon nach wenigen Wochen verloren – ohne Starlink“, sagt Zitelmann.

Nachdem Russland früh Teile der Kommunikationsinfrastruktur zerstört hatte, stellte das Satellitennetz von Elon Musk die Verbindung wieder her. Damit wurde Raumfahrt plötzlich zu einem entscheidenden militärischen Faktor.

Rohstoffe und Energie aus dem Weltraum

Zitelmann blickt jedoch weit über die Gegenwart hinaus. Schon heute arbeiten Unternehmen an Rechenzentren im Weltraum, die mit Sonnenenergie betrieben werden könnten. Auch Asteroidenbergbau gilt als realistisches Zukunftsprojekt.

Einige Asteroiden enthalten enorme Mengen wertvoller Metalle. Der theoretische Wert einzelner Himmelskörper könnte laut Zitelmann in die Billionen gehen. Noch wichtiger sei jedoch Wasser im All – etwa als Raketentreibstoff, Strahlungsschutz oder für zukünftige Weltraumstationen.

Wem gehört der Mars?

Eine zentrale Frage ist allerdings ungelöst: Eigentumsrechte im Weltraum. Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet Staaten, sich Himmelskörper anzueignen. Doch ob dieses Verbot auch für Privatunternehmen gilt, ist unter Juristen umstritten.

Für Zitelmann ist klar: Ohne klare Eigentumsrechte wird es kaum Investitionen geben. Seine Idee: Unternehmen könnten Flächen auf dem Mars erschließen und über Beteiligungsmodelle an Investoren verkaufen – ähnlich wie Immobilienfonds auf der Erde.

„Warum sollte Sozialismus auf dem Mars funktionieren?“

Am Ende seines Buches zieht Zitelmann eine grundsätzliche Schlussfolgerung. Die Geschichte zeige immer wieder: Marktwirtschaft ist erfolgreicher als staatliche Planwirtschaft. „Sozialismus hat auf der Erde hundertmal versagt. Warum sollte er ausgerechnet auf dem Mars funktionieren?“, fragt er.

Für Zitelmann steht fest: Wenn die Menschheit eines Tages Städte auf dem Mond oder dem Mars baut, dann wird das vor allem ein Projekt von Unternehmern, Investoren und privaten Raumfahrtfirmen sein – nicht von staatlichen Bürokratien.

Langen-Müller/Cover

Der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann argumentiert in seinem neuen Buch „Weltraumkapitalismus“, dass nicht Staaten, sondern private Unternehmer die Zukunft der Raumfahrt bestimmen werden. Am Beispiel von SpaceX und Elon Musk zeigt er, warum staatliche Programme nach dem Apollo-Zeitalter in eine Sackgasse gerieten – und weshalb der Aufstieg privater Raumfahrtunternehmen eine neue Ära einleitet.

Zitelmann fordert zudem klare Eigentumsrechte im Weltraum – auf dem Mond, dem Mars und Asteroiden. Ohne solche Regeln, so seine These, fehlen die wirtschaftlichen Anreize für Bergbau, Tourismus und eine dauerhafte Besiedlung des Alls.

Das Buch enthält ein Vorwort des Unternehmers Georg Kofler und erhielt viel Lob – unter anderem von ifo-Ökonom Hans-Werner Sinn, Harvard-Professor Mathew Weinzierl, Mars-Forscher Robert Zubrin und dem früheren Sprecher des US-Repräsentantenhauses Newt Gingrich.