Die europäischen Gaspreise sind am Montag zeitweise um bis zu 50 Prozent nach oben geschossen. Auslöser war die Meldung, dass QatarEnergy nach Angriffen auf Energieanlagen die Produktion von verflüssigtem Erdgas (LNG) vorübergehend gestoppt hat.

Der niederländische TTF-Benchmark – maßgeblich für den europäischen Großhandel – reagierte mit einem massiven Kurssprung, bevor sich die Preise im Tagesverlauf wieder etwas beruhigten. Je nach Messzeitpunkt lagen die Ausschläge zwischen rund 40 und knapp 50 Prozent.

Das ist kein normaler Markttag – sondern ein direkter Angebotsschock.

Straße von Hormus: Nadelöhr für Öl und LNG.GETTYIMAGES/Peter Hermes Furian

Warum das Europa trifft

Katar zählt neben den USA und Australien zu den drei größten LNG-Exporteuren der Welt. Ein Produktionsstopp trifft den Markt unmittelbar – insbesondere Europa, das seit dem Wegfall russischer Pipeline-Gasmengen stark auf LNG angewiesen ist.

Ein akuter physischer Engpass gilt derzeit als unwahrscheinlich. Anders als im Falle Russlands sprechen wir nicht von einem strukturellen Lieferstopp eines bis dahin dominierenden Exporteurs. Der Großteil der Lieferströme durch die Straße von Hormus geht nach Asien. „Weder der Iran noch die Straße von Hormus sind für unsere unmittelbare Versorgungssicherheit entscheidend“, betont Wirtschafts- und Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP). „Wir haben keine direkte Abhängigkeit vom Iran.“

Das eigentliche Risiko liegt daher weniger in fehlendem Gas – sondern in steigenden Preisen. Und die treffen den Standort direkt: „Energie ist ein zentraler Wettbewerbsfaktor – Preissteigerungen wirken unmittelbar inflationsverstärkend und belasten Unternehmen wie Konsumenten gleichermaßen“, sagt Marlena Mayer von der Industriellenvereinigung (IV) zum exxpress.

QatarEnergy: Produktionsstopp löst Preissprung in Europa aus.GETTYIMAGES/Noushad Variyattiyakkal/SOPA Images/LightRocket

e-control: „Aktuelle Entwicklung klar preistreibend“

Ein dauerhaft erhöhter Gaspreis wirkt sich auch auf den Strommarkt aus – weil Gaskraftwerke häufig den Preis setzen. „Die aktuellen Einschränkungen und Störungen im Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz betreffen insbesondere Katar, einen der drei größten LNG-Exporteure“, unterstreicht Carola Millgramm von der E-Control gegenüber dem exxpress. „Entsprechend sehen wir bereits deutliche Preisreaktionen an den Märkten.“

Die Behörde beobachte derzeit vor allem die Gaspreisentwicklung: „Kurzfristig sind die Preise bereits nach oben gegangen.“ Ein zusätzlicher Frühindikator: „Die Versicherungsprämien sind bereits deutlich gestiegen.“

Drohen nun höhere Strom- und Gasrechnungen?

„Ob und in welchem Ausmaß diese Entwicklungen bei Strom- oder Gaskunden ankommen, hängt wesentlich von der Dauer der Krise ab“, hält Millgramm fest. „Bei einer kurzen Störung von wenigen Wochen ist ein spürbarer Effekt für Endkunden eher unwahrscheinlich. Hält die Situation jedoch länger an – etwa über mehrere Monate –, kann sich das über höhere Beschaffungskosten niederschlagen.“

Klar sei jedoch: „Fällt ein bedeutender Anbieter wie Katar teilweise aus oder ist der Transport über längere Zeit eingeschränkt, verknappt sich das Angebot – und das wirkt preistreibend. Insgesamt ist die aktuelle Entwicklung klar preistreibend im Energiebereich und kann bei längerer Dauer auch weitere Bereiche der Wirtschaft beeinflussen.“

Es hängt auch von den Verträgen ab

Wie rasch steigende LNG-Preise an Haushalte und Betriebe weitergegeben werden, hänge zudem von den jeweiligen Vertragsmodellen ab: „Also davon, ob Energie über längerfristige Fixpreise, indexierte Modelle oder kurzfristig am Spotmarkt beschafft wird. Bei langfristigen oder fixierten Verträgen spüren Endkunden Preisbewegungen zunächst nicht unmittelbar.“

Wie lange der Konflikt andauern wird, ist offen. Doch derzeit signalisiert der Terminmarkt noch keine dauerhafte Eskalation: „Die Preisentwicklungen im Terminmarkt zeigen, dass die Händler zur Zeit nicht von einer langanhaltenden Eskalation ausgehen. Dies ist aber weiter zu beobachten.“

Routen im Nahen Osten: Störungen treiben Risikoaufschläge.GETTYIMAGES/matejmo

Öl ist ein eigener Preiskanal – nicht der Stromtreiber

Die Straße von Hormus ist nicht nur für Flüssiggas zentral, sondern auch für Rohöl: Rund ein Fünftel des globalen Ölhandels läuft über diese Route. Für den europäischen Strompreis spielt Öl heute keine direkte Rolle mehr – maßgeblich ist Gas. „Der Gaspreis ist in Europa seit einigen Jahren weitgehend vom Ölpreis entkoppelt“, hält Millgramm fest.

OMV gibt Entwarnung bei der Ölversorgung

Entwarnung zur unmittelbaren Versorgung kommt von der OMV: „Die Versorgung der potenziell betroffenen Ölmengen ist bei OMV derzeit sichergestellt“, heißt es gegenüber dem exxpress. „Für den Fall einer länger andauernden Einschränkung der Schifffahrtsroute bereiten wir alternative Szenarien vor und evaluieren diese laufend. OMV geht davon aus, dass betroffene Mengen über alternative Bezugsquellen ersetzt werden können.“

Ein akuter Öl-Engpass gilt damit derzeit als unwahrscheinlich – das Preisrisiko bleibt aber.

Industrie: Energie und Transport werden teurer

In Kombination mit dem Gaspreisschock entstehen neue Kostenimpulse: Treibstoff, Transport, Lieferketten. „Für Österreichs Industrie bedeutet diese Entwicklung kurzfristig steigende Energie- und Transportkosten, über die genaue Höhe lässt sich aktuell noch keine Aussage treffen“, warnt die IV.

Sie fordert daher verstärkte Diversifizierung, Aktivierung möglicher Eigenproduktion und ein koordiniertes europäisches Vorgehen. Die Ausweitung der Fördermengen durch OPEC+ sei zwar ein wichtiges Signal, „wird jedoch nur dann stabilisierend wirken, wenn es nicht zu einer längerfristigen Blockade zentraler Handelsrouten kommt.“

Langfristig brauche es „konsequente Diversifizierung der Energieimporte“ und einen rascheren Ausbau der Energieinfrastruktur.

Handelsverband: „Neue Welle an Preisdruck“

Auch der Handelsverband sieht Risiken für die fragile Konjunkturerholung. „Wir sehen derzeit eine beachtenswerte Kombination aus steigenden Energiepreisen, höheren Risikoaufschlägen im Transport und wachsender geopolitischer Unsicherheit“, erklärt Geschäftsführer Rainer Will.

Mehrere Belastungen wirkten gleichzeitig: steigende Energiepreise, höhere Logistikkosten und Inflationsdruck. „Wenn hier erneut Verwerfungen auftreten, droht eine neue Welle an Preisdruck – nicht aus spekulativen Gründen, sondern aufgrund real steigender Inputkosten“, so Will.

Der Iran-Krieg bringt vorerst keinen Gasmangel nach Österreich – wohl aber ein erhebliches Preisrisiko für Industrie, Handel und Haushalte in einer ohnehin fragilen Konjunkturphase.

Was sagt die Nationalbank?

Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) bestätigt einen kurzfristigen geopolitischen Risikoaufschlag an den Energie­märkten. Dieser zeige sich vor allem in „erhöhten Preisschwankungen und Ausschlägen“ bei Gas und Öl.

Wie groß dieser Aufschlag exakt ist, lasse sich derzeit „nur schwer isolieren“, da mehrere Faktoren die Preisentwicklung beeinflussen. Für die kommenden Wochen erscheine „ein Szenario mit weiterhin erhöhter Volatilität“ am wahrscheinlichsten.

Sollten Gas- und Ölpreise länger erhöht bleiben, könne das „die Inflation erhöhen und das Wachstum reduzieren“. Konkrete quantitative Einschätzungen will die OeNB in ihrer Prognose Mitte März vorlegen.

Beobachtet werden insbesondere Öl- und Gaspreise, Wechselkurse, Futures-Märkte sowie verschiedene Unsicherheitsindikatoren.