Während Politiker öffentlich beschwichtigen, bereiten sich Brüssel und Berlin bereits auf einen schwierigen Energiesommer vor. Notfallpläne werden geprüft, Lieferketten umgebaut, Krisenstrukturen hochgefahren. Mitten in diese Lage sendet der zuständige EU-Kommissar ein ungewöhnlich offenes Warnsignal.

Dan Jørgensen, EU-Kommissar für Energie und Wohnungswesen, spricht in einem Interview mit der spanischen Zeitung La Vanguardia von einer „sehr ernsten Lage“, die sich „sehr wahrscheinlich noch verschlechtern“ werde. Besonders brisant: Selbst wenn morgen Frieden herrschen würde, drohten Europa noch „Wochen, Monate und sogar Jahre“ mit hohen und schwierigen Energiepreisen. Kurz: Die Schäden reichen längst tiefer, auch ein Waffenstillstand würde sie nicht sofort beseitigen.

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„Ziemlich harter Sommer“

Jørgensen nennt den globalen Energiemarkt „unter extremem Druck“ und warnt vor einem „ziemlich harten“ Sommer. Fliegen werde teurer, er rechnet sogar mit Streichungen.

Beim Öl könne sich die Produktion zwar schneller erholen als beim Gas. Doch selbst dort könnten schon wenige Wochen kritisch werden, wenn Kerosin oder Diesel knapp werden.

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Gas bleibt das große Problem

Besonders düster ist Jørgensens Blick auf den Gasmarkt. Vor allem die Infrastruktur im Nahen Osten, insbesondere in Katar, sei schwer getroffen. Genau das ist entscheidend: Beim Gas geht es nicht bloß um Nervosität, sondern um Schäden, die lange nachwirken können.

Reuters meldete bereits im März, dass iranische Angriffe 17 Prozent der LNG-Exportkapazität Katars für drei bis fünf Jahre außer Gefecht gesetzt haben könnten. Das entspricht rund 12,8 Millionen Tonnen LNG pro Jahr.

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Fliegen, Tanken, Heizen: Jetzt wird es konkret teuer

Dass die Krise längst im Alltag angekommen ist, zeigen neue Zahlen vom 21. April. Die zusätzlichen Treibstoffkosten auf Langstreckenflügen ab Europa haben sich im Schnitt um 88 Euro pro Passagier erhöht. Auf innereuropäischen Flügen sind es 29 Euro, auf der Strecke Paris-New York sogar 129 Euro pro Passagier.

Hinzu kommt: Laut Reuters hat sich der Preis für Jet Fuel seit Beginn des Konflikts teils mehr als verdoppelt. Selbst wenn also die Versorgung vorerst nicht völlig zusammenbricht, wird der Sommer für Passagiere, Airlines und Unternehmen brutal teuer.

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Noch kein Blackout – aber Notfallpläne laufen schon

Offiziell gibt es derzeit noch keinen akuten Kerosin-Blackout. Doch während beruhigt wird, läuft im Hintergrund längst die Krisenvorbereitung.

Reuters berichtet, dass die EU bereits an Leitlinien für Airlines arbeitet, etwa zu Slots, Passagierrechten und Treibstoffnutzung. Auch eine mögliche Freigabe von Jet-Fuel-Beständen steht im Raum, falls die Störungen rund um Hormus anhalten. Zusätzlich prüft Europa mehr Kerosinimporte aus den USA und hat bereits Rekordimporte aus den USA und Nigeria verzeichnet. Europa plant für den Ernstfall.

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DHL und Berlin senden doppelte Warnsignale

Laut DHL-Chef Tobias Meyer ist Europas Versorgung mit Jet Fuel sei für Mai und Juni nach heutigem Stand noch abgesichert. Danach werde die Lage aber schwerer kalkulierbar. Vor allem: Der Markt könnte die Risiken möglicher Engpässe noch unterschätzen, warnt er.

Deutschland sendet ebenfalls ein doppeltes Signal. Einerseits sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), es gebe derzeit keine akuten Kerosin-Engpässe. Andererseits baut Berlin ein neues Sondergremium für die Energieversorgung auf. Auch hier: Offiziell kein Alarm, praktisch aber klarer Krisenmodus.

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Weiterhin Linie gegen Russland: Sparen statt Entlasten

Politisch bleibt die EU hart. Jørgensen lehnt eine Rückkehr zu russischer Energie kategorisch ab. Es wäre ein „fundamentaler Fehler“, wieder Öl oder Gas aus Russland zu kaufen. „Nicht ein einziges Molekül“ solle zurückkommen. Selbst ein möglicher Frieden in der Ukraine ändere daran nichts. Europa dürfe nicht indirekt zur Stärkung des russischen Militärapparats beitragen.

Auch bei Treibstoffentlastungen ist die Linie klar. Jørgensen hält es für falsch, in einer Knappheitslage den Verbrauch zusätzlich anzukurbeln. Sprit künstlich zu verbilligen, sei daher wahrscheinlich keine gute Idee.

Sparen im Alltag?

Besonders sensibel ist dabei der nächste Schritt. Auf die Frage nach durchgesickerten Ideen wie einem Homeoffice-Tag pro Woche bestätigte Jørgensen zwar keine konkrete Maßnahme. Aber er machte klar, dass die Kommission den Mitgliedstaaten verschiedene Empfehlungen geben will, die in Summe die Nachfrage senken sollen.

Das ist ein Wandel hin zu politischer Verhaltenslenkung im Alltag.

Die Krise trifft schon jetzt Industrie, Wachstum und Inflation

Der Iran-Krieg trifft nicht nur Urlauber und Fluglinien. Auch das deutsche ZEW-Investorenvertrauen fiel im April auf den schlechtesten Wert seit Dezember 2022. Als Grund gilt die Angst vor länger anhaltenden Energieengpässen. Besonders betroffen sind energieintensive Branchen wie Chemie, Pharma, Stahl und Metall.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) blickt nervös auf die Entwicklung. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos warnte, man müsse genau beobachten, ob die höheren Öl- und Gaspreise auf andere Preise durchschlagen. Damit wird aus dem Energieschock endgültig ein Problem für Inflation, Zinsen und Wachstum.

Europa sitzt noch nicht im Dunkeln. Aber es lebt bereits von Puffern, Umleitungen, Reserveüberlegungen und hektischer Krisenvorsorge. Noch kein Blackout. Aber ein Kontinent, der offiziell beruhigt und gleichzeitig Notfallpläne schreibt, ist längst im Krisenmodus angekommen.