Öl aus Venezuela überschwemmt den Markt – Preise geraten unter Druck
Die globalen Ölmärkte stehen erneut unter Spannung. Ein unerwartet schneller Anstieg venezolanischer Lieferungen sorgt für Probleme. Abnehmer für das Überangebot finden sich kaum.
Eine Pumpenanlage steht nahe einer Ölverschmutzung auf einer Anlage in Venezuela.GETTYIMAGES/Bloomberg Creative Photos
Seit dem das jüngste Abkommen zwischen Washington und Caracas steht, ist der Zustrom venezolanischen Rohöls deutlich angestiegen. Innerhalb weniger Wochen haben sich die Liefermengen in Richtung USA nahezu verdreifacht. Nach Schätzungen aus Handels- und Schifffahrtskreisen erreichten die Exporte zuletzt rund 284.000 Barrel pro Tag.
Doch die Nachfrage hält mit diesem Tempo nicht Schritt. Händler berichten von einem Markt, der mehr Öl bietet, als er aufnehmen kann. Mehrere Tankladungen blieben zuletzt unverkauft oder mussten zu ungünstigen Konditionen angeboten werden.
Raffinerien greifen lieber zu kanadischem Öl
Für viele US-Raffinerien zählt vor allem der Preis. Zwar wird venezolanisches Rohöl aktuell mit einem Abschlag von rund 9,50 Dollar pro Barre (Sorte Brent) gehandelt, doch kanadisches WCS-Öl ist noch günstiger. Mit einem Abschlag von etwa 10,25 Dollar bietet es aus Sicht der Verarbeiter ein attraktiveres Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Die Folge: Raffinerien bevorzugen Lieferungen aus Kanada, während venezolanische Fracht auf dem Markt hängen bleibt. Für Händler und Exporteure verschärft sich damit der Druck erheblich.
Händler suchen Auswege – Indien rückt in den Fokus
Besonders betroffen sind große Handelshäuser wie Vitol und Trafigura, die neben Chevron Exportlizenzen erhalten haben. Sie sehen sich nun mit einem Absatzproblem konfrontiert.
Entlastung könnte aus Asien kommen. Nach einem kürzlich verkündeten Handelsabkommen zwischen den USA und Indien prüft der Mischkonzern Reliance Industries mögliche Rohölimporte. Im Gegenzug für Zollvergünstigungen will Indien offenbar auf russisches Öl verzichten und stattdessen stärker auf Lieferungen aus den USA – und möglicherweise auch aus Venezuela – setzen.
China fällt als Abnehmer aus
Eine Zusatzbelastung: Ein wichtiger Absatzmarkt ist nahezu vollständig weggebrochen. China, lange Zeit größter Abnehmer venezolanischen Öls, hat seit Jahresbeginn keine Lieferungen mehr übernommen. Der staatliche Energiekonzern PetroChina wies Händler an, das Geschäft vorerst ruhen zu lassen. Damit fehlt dem venezolanischen Öl ein zentraler Abnehmer, was den Angebotsdruck zusätzlich verschärft.
Politischer Umbruch als Auslöser der Turbulenzen
Hinter der Marktverwerfung steht ein tiefgreifender politischer Einschnitt in Caracas. Nach der Festnahme von Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte und seiner Überstellung in die Vereinigten Staaten schloss Washington ein milliardenschweres Lieferabkommen mit der neuen Übergangsführung Venezuelas.
Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez unterzeichnete ein Abkommen im Umfang von rund zwei Milliarden Dollar. Gleichzeitig kündigte die US-Regierung an, die Ölverkäufe Venezuelas auf unbestimmte Zeit zu kontrollieren. Damit wurden traditionelle Handelsrouten abrupt umgelenkt.
Öffnung des Ölsektors für private Investoren
Das venezolanische Parlament hat parallel dazu einen historischen Kurswechsel vollzogen. Die staatliche Kontrolle über den Ölsektor wurde gelockert. Künftig sollen auch ausländische Investoren wieder Zugang zur Branche erhalten.
Die Reform wurde von Delcy Rodríguez vorangetrieben und kurz nach der Verabschiedung öffentlich unterzeichnet.
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