Ölpreisschock durch Iran-Krieg: Droht Europa jetzt die nächste Zinserhöhung?
Der Nahostkrieg treibt die Energiepreise nach oben – und könnte bald auch Folgen für Europas Finanzpolitik haben. Nach Einschätzung von Händlern steuert die Europäische Zentralbank (EZB) deshalb auf eine Zinserhöhung im Sommer zu.
Der seit Ende Februar eskalierte Konflikt rund um den Iran hat den Ölpreis stark steigen lassen und weckt Sorgen vor einer neuen Inflationswelle. Hintergrund sind gedrosselte Fördermengen wichtiger Produzenten sowie wachsende Ängste vor anhaltenden Lieferengpässen.
Der Preisanstieg weckt bei den Währungshütern böse Erinnerungen – und zwar an das Jahr 2022, als die russische Invasion in der Ukraine einen Energieschock auslöste, der sich auf die Verbraucherpreise auswirkte. Die EZB stand damals in der Kritik, sie habe die Entwicklung zu spät erkannt.
Wahrscheinlich noch keine Erhöhung im März
“Das ist ein Trauma, das bei einigen Zentralbankern noch immer präsent ist, daher können wir es nicht ignorieren”, sagte Frederik Ducrozet vom Vermögensverwalter Pictet Wealth Management. An den Geldmärkten wird darauf spekuliert, dass die EZB die Zinsen voraussichtlich im Sommer und womöglich bis zum Jahresende erneut anheben wird. Beim nächsten Zinsentscheid am 19. März dürften die Währungshüter in Frankfurt jedoch stillhalten, so die Erwartung vieler Experten.
Die tatsächlichen Auswirkungen auf die Inflation und die europäische Wirtschaft hingen stark von der Dauer des Konflikts ab, so die Einschätzung von Deutsche Bank Research: “Wir gehen nicht davon aus, dass die EZB ihre Politik überstürzt anpassen wird und halten an unserer Prognose fest, dass es ab Mitte 2027 zu einer ersten Anhebung um 25 Basispunkte kommt”, erläuterte Robin Winkler, Chefvolkswirt Deutschland. Der Einlagensatz liege aktuell mit 2,00 Prozent in der Mitte des von der EZB als neutral erachteten Intervalls von 1,75 bis 2,25 Prozent. EZB-Chefin Christine Lagarde hatte zuletzt auf die geldpolitische Flexibilität der Notenbank verwiesen. Die EZB werde ihre Entscheidungen “auf Grundlage aller verfügbaren, analysierbaren und sorgfältig zu prüfenden Daten” treffen.
EZB diesmal mit weniger Geduld
Zugleich gaben der deutsche Bundesbankchef Joachim Nagel und auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel die Devise aus, die EZB müsse wachsam bleiben. Sollte sich das Inflationsbild substanziell ändern, sei die EZB in einer guten Lage, um darauf reagieren zu können, betonte Nagel. Ein vorübergehender Ölpreisanstieg infolge des Iran-Konflikts dürfte aus Sicht der Währungshüter die mittelfristigen Inflationsaussichten nicht wesentlich verändern. Ein anhaltender Preisanstieg könnte dies jedoch ändern – eine Sorge, die auch EZB-Chefvolkswirt Philip Lane umtreibt: Ein Anstieg der Energiepreise übt tendenziell Inflationsdruck aus, insbesondere kurzfristig”, sagte Lane jüngst der Financial Times. Das könne sich auch negativ auf die Konjunktur auswirken.
Lane verwies auf frühere Analysen der Währungshüter. Diesen zufolge würde ein längerer Krieg zu einem “deutlichen Anstieg” der energiepreisbedingten Inflation und einem “starken Rückgang” der Wirtschaftsleistung führen, sollte es zu einem dauerhaften Rückgang der Energielieferungen aus der Region kommen. “2022 hat die EZB zu lange gezögert, da sie ein Jahrzehnt der Deflation hinter sich hatte”, sagte Marco Brancolini vom Finanzdienstleister Nomura. Nun werde der EZB-Rat deutlich weniger Geduld haben, da er eine Wiederholung der Ereignisse von 2022 unbedingt vermeiden wolle.
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