Ost-West-Gefälle bei Wirtschaftspolitik: Firmen im Osten deutlich kritischer
Die Wirtschaftspolitik der deutschen Bundesregierung stößt in großen Teilen der heimischen Wirtschaft auf Skepsis – besonders im Osten des Landes. Eine aktuelle Auswertung des Dresdner Ifo-Instituts zeigt, dass ostdeutsche Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen deutlich kritischer beurteilen als ihre westdeutschen Pendants.
Am Heiligegeistkirchplatz nahe dem Alexanderplatz sieht man gut, wie sich das ehemalige Ost-Berlin seit der Wiedervereinigung durch neue Geschäfte und Bauprojekte verändert hat.GETTYIMAGES/Wirestock
Die Befragung des Dresdner Ifo-Instituts zeichnet ein klares Bild: Während westdeutsche Unternehmen der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung im Durchschnitt die Schulnote 4,14 geben, fällt das Urteil im Osten mit einer Bewertung von 4,27 noch negativer aus. Besonders auffällig ist dabei der Anteil der Unternehmen, die der Regierung die schlechteste Note ausstellen.
So bewerten rund 13 Prozent der befragten ostdeutschen Firmen die wirtschaftspolitische Arbeit der Bundesregierung mit einer glatten Sechs. In Westdeutschland liegt dieser Anteil deutlich niedriger und beträgt lediglich acht Prozent.
Bauwirtschaft und Einzelhandel besonders unzufrieden
Ein Blick auf einzelne Branchen zeigt, dass die Kritik nicht gleichmäßig verteilt ist. Besonders deutlich äußern sich Unternehmen aus der Bauwirtschaft sowie aus dem Einzelhandel. In der Bauindustrie vergeben ostdeutsche Firmen durchschnittlich die Note 4,48, im Einzelhandel liegt der Wert bei 4,46.
In anderen Wirtschaftsbereichen – etwa im Großhandel, in der Industrie oder im Dienstleistungssektor – fallen die Unterschiede zwischen Ost und West dagegen deutlich geringer aus. Hier liegen die Bewertungen der Bundesregierung näher beieinander.
Kritik an Finanz-, Energie- und Industriepolitik
Neben den branchenspezifischen Einschätzungen zeigt die Befragung auch deutliche Differenzen in der Bewertung einzelner Politikfelder. Besonders kritisch beurteilen ostdeutsche Unternehmen u.a. die Finanzpolitik der Bundesregierung. Hier vergeben sie im Durchschnitt die Note 4,18, während westdeutsche Unternehmen mit 4,00 etwas weniger streng urteilen.
Ähnliche Unterschiede zeigen sich auch bei der Energie- und Klimapolitik sowie bei der Industriepolitik. In der Energie- und Klimapolitik erhält die Bundesregierung im Osten die Note 4,32, im Westen liegt der Wert bei 4,16. Auch bei der Industriepolitik fällt das Urteil der ostdeutschen Unternehmen mit 4,30 schlechter aus als im Westen, wo die Bewertung im Durchschnitt bei 4,11 liegt.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Unternehmen insbesondere bei zentralen wirtschaftspolitischen Themen Reformbedarf sehen.
Sozial- und Rentenpolitik ebenfalls stark kritisiert
Auch die deutsche Sozial- und Rentenpolitik wird von Unternehmen skeptisch beurteilt. Sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland erhiellt dieser Politikbereich die durchschnittliche Schulnote 4,62 und zählt damit zu den am schlechtesten bewerteten Feldern.
Ein zentraler Kritikpunkt ist dabei das sogenannte Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung. Dieses System basiert darauf, dass die Renten der heutigen Ruheständler unmittelbar aus den Beiträgen der aktuell erwerbstätigen Beitragszahler finanziert werden. Angesichts des demografischen Wandels – mit einer steigenden Zahl von Rentnern und gleichzeitig sinkenden Beitragszahlern – gerät dieses Modell zunehmend unter Druck.
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