Jedes Jahr dasselbe Ritual zum Weltwirtschaftsforum in Davos: Oxfam präsentiert einen Bericht, der suggeriert, die Reichen würden immer reicher, während die halbe Welt verarme. Die Zahlen sind drastisch, die Vergleiche maximal zugespitzt – und große Teile der Medien übernehmen sie unkritisch. Auch heuer. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Der Oxfam-Bericht ist weniger Analyse als Schwindel mit Statistik.

Zahlen, die knallen – und Schlagzeilen garantieren

Oxfam behauptet unter anderem: Rund 3.000 Milliardäre besitzen weltweit 18,3 Billionen US-Dollar Vermögen.  Seit 2020 seien diese Vermögen inflationsbereinigt um über 80 Prozent gestiegen. Die zwölf reichsten Menschen hätten mehr Vermögen als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Und: Elon Musk „verdiene“ in vier Sekunden so viel wie ein Durchschnittsmensch in einem Jahr.

Tach-Milliardär Elon Musk (Bild) wurde zunehmend zum Feindbild der Linken. Folgerichtig darf er im neunen Oxfam-Bericht nicht fehlen.GETTYIMAGES/Marc Piasecki / Kontributor

Dazu kommen politische Zuspitzungen zu Medienmacht, Demokratiegefährdung und Wahlkampfspenden. Die Botschaft ist klar: Reichtum oben bedeutet Armut unten.

ORF, Standard & Co.: Abschreiben statt Einordnen

Was folgt, ist Jahr für Jahr gleich. ORF, Der Standard und zahlreiche andere Medien verbreiten die Oxfam-Zahlen fast wortgleich. Überschriften wie „Milliardäre profitieren massiv, während Milliarden Menschen arm bleiben“ oder „Oxfam warnt vor wachsender Macht der Superreichen“ dominieren.

Dass diese Zahlen methodisch hoch umstritten sind, erfährt das Publikum meist gar nicht oder nur am Rande. Empörung verkauft sich besser als Einordnung.

Der ORF übernimmt Oxfam unhinterfragt.ORF/Screenshot
Der SZ dient der Oxfam-Bericht als Aufhänger für mehrere alarmierende Artikel.Süddeutsche Zeitung/Screenshot
Auch Der Standard macht jedes Jahr mit…Der Standard/Screenshot

Milanović: Der weltweit führende Ungleichheitsforscher widerspricht

Einer der schärfsten Kritiker dieser Erzählung ist Branko Milanović – und gerade deshalb unbequem, weil er alles andere als ein Verteidiger der Superreichen ist. Milanović war 20 Jahre Chefökonom der Weltbank, forscht seit Jahrzehnten zur globalen Einkommensverteilung und wurde mit dem Bruno-Kreisky-Preis für sein Buch „Die ungleiche Welt“ ausgezeichnet. International gilt er als Autorität in Ungleichheitsfragen.

„Hier wird viel durcheinander geworfen“, bemerkte in einem ausführlichen Interview mit dem Schweizer Monat. Sein zentraler Vorwurf: Oxfam verwechselt Vermögen mit Lebensstandard. Gemessen wird Nettovermögen – also Besitz minus Schulden. Milliarden Menschen haben formal kaum Vermögen, weil sie ihr Einkommen laufend ausgeben und kaum ansparen. Das macht sie nicht „arm“, es macht sie nur vermögenslos in der Statistik. Wer diese Menschen als „Null“ zählt, produziert zwangsläufig Monstervergleiche.

Widerspruch kommt auch von linker Seite: Ungleichheitsforscher Branko Milanović hält Oxfams Zahlen für methodisch irreführend.Wiki Commons/Niccolò Caranti

Milanović hält die berühmten „X Reiche besitzen so viel wie die halbe Welt“-Sätze deshalb für inhaltlich wenig aussagekräftig. Sein Grundsatz: Wohlstand misst sich über Einkommen und Konsum – nicht über Vermögenslisten. Sonst vergleicht man am Ende nicht Lebensrealitäten, sondern Buchwerte.

Wird die Welt ärmer? Die entscheidende Frage

Wer Einkommen und Konsum betrachtet, erkennt einen klaren Trend: Die globale Armut sinkt. Milliarden Menschen – vor allem in Asien – haben ihren Lebensstandard in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Diese Entwicklung wird durch Oxfams Fixierung auf Vermögenszahlen systematisch verdeckt.

Es gibt Grund zum Jubel: In den vergangenen 35 Jahren sank die extreme Armut so stark wie noch nie, vor allem in Asien. Das Problem: Manche afrikanische Länder wie Madagaskar, Kongo, Mosambik, Malawi, Burundi kommen nicht von der Stelle.ourworldindata.org/Grafik

Zitelmann: Zwei Trends – kein Widerspruch

Der Soziologe und Bestsellerautor Rainer Zitelmann belegt das anhand von Weltbank-Daten, ausführlich dargelegt in seinem Buch „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ und zuletzt aktualisiert bei The European: Der Anteil der Weltbevölkerung in Armut sank von 50,5 Prozent (2020) auf 45,5 Prozent (2025). Mehrere hundert Millionen Menschen entkamen in nur fünf Jahren der Armut. Auch die extreme Armut ging zurück – von 11,4 auf 10,1 Prozent.

Dass die Quote zuletzt höher wirkt, liegt nicht an Verelendung, sondern an einem Rechentrick: Die Weltbank hob 2025 die Armutsgrenze um rund 40 Prozent an. Ohne diese Änderung läge der Anteil extrem Armer heute bei nur 6,5 Prozent – so niedrig wie nie zuvor.

Zitelmanns Fazit: Seit dem Jahr 2000 sank die extreme Armut massiv, während das Vermögen der Milliardäre inflationsbereinigt um 840 Prozent wuchs. Beides geschah gleichzeitig – durch Wirtschaftswachstum, nicht durch Ausbeutung.

Agenda Austria: Fünf Denkfehler von Oxfam

Die Wiener Denkfabrik Agenda Austria schließt sich diesen Einwänden an. Sie zerlegt auf X die Oxfam-Logik und kommt auf insgesamt fünf Denkfehler im Oxfam-Narrativ: Vermögen ist kein Einkommen; Bewertungen schwanken, vor allem bei Tech-Unternehmen; Armut ist eine Definitionsfrage; Ungleichheit bedeutet nicht mehr Armut; Neid- und Machtfragen werden vermischt.

Ein wichtiges Fazit von Zitelmann unter der Agenda: Arme sind nicht arm, weil Reiche reich sind. Freie Marktwirtschaft ist kein Null-Summenspiel, bei dem die einen zulasten der anderen reicher werden. Armut entsteht vor allem durch schwache Institutionen, schlechte Rahmenbedingungen, geringe Produktivität – nicht durch Milliardäre, von denen nicht wenige in Armut aufgewachsen sind.

Fazit: Viel Empörung, wenig Aufklärung

Oxfams Davos-Berichte liefern Jahr für Jahr perfekte Schlagzeilen – aber ein verzerrtes Bild. Medien wie ORF und Standard tragen diese Erzählung oft unkritisch weiter. Wer genauer hinsieht, erkennt: Der behauptete Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut ist kein Naturgesetz, sondern ein statistischer Trick.

Über Ungleichheit kann man reden. Über Armut muss man reden. Aber bitte ohne Schwindel mit Zahlen.