Ohne Atomstrom kein Winterbetrieb – „undenkbar“. Gerhard Christiner, technischer Vorstand der Austrian Power Grid (APG), sagt in einem Interview einen Satz, der in Österreich selten so offen ausgesprochen wird: „Derzeit ist das europäische Stromsystem ohne Atomkraftexporte im Winter undenkbar.“ Auch Österreichs physikalische Importe im Winter enthielten Atomstrom – „auf absehbare Zeit“ werde das so bleiben.

Der Hintergrund ist banal – und politisch hochbrisant. An dunklen, windstillen Wintertagen wie zurzeit liege die Produktion aus Photovoltaik und Wind „nahezu null“, sagt er gegenüber dem Online-Medium Selektiv. Wer dann Versorgungssicherheit will, braucht gesicherte Leistung. Diese kommt in Europa im Winter derzeit maßgeblich aus Ländern, die weiter auf Kernenergie setzen – allen voran Frankreich, aber auch Tschechien.

Christiner: Österreich neige dazu, durch die „österreichische Brille“ zu glauben, alle würden so denken wie Wien. „Das ist aber nicht der Fall.“

„Im Winter liefern Wind und Sonne nahezu null Strom.“GETTYIMAGES/silkwayrain

Wind und Sonne schicken eben doch eine Rechnung

Gerhard Christiner beschreibt, wie Österreich und Europa in die aktuelle Energiekrise geraten sind. Der Fokus lag politisch stark auf dem Ausbau der Erneuerbaren, während der Netzausbau zu langsam vorankam. Sein Vorwurf: „Mit dem Gedanken ‚Wind und Sonne schicken keine Rechnung‘ hat man sich in diese Situation hineinmanövriert.“

Die Systemlogik sei unterschätzt worden – inklusive der Kosten, die entstehen, wenn man volatile Erzeugung ausbaut, ohne Netze, Speicher, Digitalisierung und Flexibilität im gleichen Tempo mitzuziehen. Politisch sei „erst umgeschwenkt“ worden, „als die Defizite schon sichtbar waren“. Und: Diese Defizite aufzuholen, dauert – und kostet.

Ohne Atomkraft funktioniert das Stromsystem nicht, sagt Christiner.APA/HANS KLAUS TECHT

Solarstrom ohne Wert: „Wir fördern ein Produkt…“

Besonders brisant ist Christiners Kritik an Fehlanreizen. Im Jahr 2025 seien 24 Prozent der PV-Erzeugung in Stunden gefallen, in denen der Strompreis null oder negativ war. Kurz:  „Wir fördern also ein Produkt, das in einem Viertel der Zeit am Markt keinen Wert hat.“ Damit zielt er nicht auf Photovoltaik an sich, sondern auf die Systemgestaltung.

Wenn Fördermodelle Produktion belohnen, die gerade dann anfällt, wenn sie im Markt nicht gebraucht wird, erzeugt das Kosten – und verschiebt die Rechnung auf Haushalte und Betriebe.

„Mit der Physik lässt sich nicht verhandeln“: Gerhard Christiner.APA/GEORG HOCHMUTH

Eine Milliarde pro Jahr – und 20 Millionen an einem Tag

Christiner quantifiziert die Ineffizienzen gleich mehrfach. Ein zentraler Block ist der Preisunterschied zwischen Österreich und Deutschland. 2025 habe die Differenz im Schnitt 9,6 Euro pro MWh betragen. Bei rund 70 TWh Verbrauch ergebe das rund 650 Millionen Euro Mehrkosten. Hinzu kämen rund 100 Millionen Euro aus Engpassmanagement – plus weitere Ineffizienzen im System.

Die Summe beträgt laut Christiner: rund eine Milliarde Euro pro Jahr.

Wie konkret das werden kann, zeigt sein Beispiel aus dem Alltag: „Letzten Montag hatten wir in Österreich rund 20 Millionen Euro an Mehrkosten, da wir nicht in der Lage waren, den billigen Strom aus Deutschland hereinzuholen.“ Nicht, weil der Strom nicht da gewesen wäre – sondern weil die Netzinfrastruktur den Transport nicht hergibt. Andere Länder sichern sich den günstigen Strom, Österreich kann ihn oft nicht nutzen.

„Wir fördern Strom, der keinen Wert hat“, sagt Österreichs Stromnetz-Chef.GETTYIMAGES/MAHESH PAWAR

Autarkie ist ein Irrweg – entscheidend ist „Souveränität“

Christiner wendet sich auch gegen ein politisch beliebtes Schlagwort: Energieautarkie. Österreich „autark“ zu machen, wäre „der falsche Weg“ – es würde das System „massiv verteuern“. Denn: PV liefert im Winter zu wenig, auch die Wasserführung sei an kalten Jännertagen schwach. Österreich werde also auch künftig auf Importe angewiesen bleiben.

Statt Autarkie schlägt Christiner Souveränität vor: diversifizierte, verlässliche Quellen – und ein Binnenmarkt, der funktioniert. Dafür brauche es aber Netze. Für den Industriestandort sei zentral, sich mit ausreichenden Netzkapazitäten den Zugang zu den günstigsten Energiequellen Europas zu sichern.

Gerhard Christiner klagt: „Dieses Stromnetz kostet Österreich Milliarden.“APA/APA/ROBERT JAEGER

Strompreiszone mit Deutschland? „Verlorene Liebesmüh’“

Immer wieder wird gefordert, Österreich und Deutschland sollten wieder einen gemeinsamen Strompreis haben. Christiner winkt ab: „Das ist verlorene Liebesmüh’.“ Deutschland werde nicht zustimmen – weil dann noch mehr Strom quer durchs Land nach Österreich müsste und die deutschen Leitungen bereits heute überlastet sind. Das würde Deutschland teuer zu stehen kommen, weil es dann noch öfter im Netz „gegensteuern“ müsste.

Und selbst wenn beide Länder wollten: So funktioniert der Stromhandel immer weniger. Die Preise werden zunehmend danach berechnet, wie viel Strom tatsächlich über die Leitungen passt – nicht danach, was politisch wünschenswert wäre. Christiners Kurzfassung: „Mit der Physik lässt sich nicht verhandeln.“ Gemeinsame Preise gibt es erst dann wieder, wenn genug Leitungen da sind.

Netze, Genehmigungen, Realität: „Hilfeschreie“

APG arbeitet laut Christiner mit einem 10-Jahres-Netzentwicklungsplan, der aktuell (Plan 2025) rund 9 Milliarden Euro Investitionen ins Übertragungsnetz in zehn Jahren vorsieht. Für das Gesamtziel brauche es darüber hinaus massive Investitionen in Verteilernetze, Erneuerbare und Speicher.

Christiner setzt Hoffnungen auf Reformen wie ElWG (variable Tarife, Digitalisierung, Spitzenkappung). Entscheidend für Tempo seien aber Genehmigungsregeln (EABG, UVPG-Novelle). Politisch brauche es ein klares Bekenntnis zu Infrastruktur, sonst bleibe „not in my backyard“.

Und ja: Er bestätigt, dass seine drastischen Warnungen auch aus Frust entstanden sind. Man habe früh gesehen, dass Systemkosten massiv steigen, wenn man Erneuerbare ohne Netze „hineinpresst“.

Seine Selbstbeschreibung klingt nach langem Ignoriertwerden: „Insofern waren es vielleicht Hilfeschreie.“

Für Christiner steht fest: Wer Versorgungssicherheit im Winter will, kommt in Europa derzeit an Atomstrom nicht vorbei. Wer billigen Strom will, braucht Netze – nicht Wunschdenken. Und wer Milliardenkosten vermeiden will, muss endlich das ganze System planen: Erzeugung, Netze, Speicher, Flexibilität – und nicht nur neue PV-Flächen.