Europa redet über Innovation – und verhindert sie gleichzeitig: Wenn jemand wie Benjamin Ruschin von „völligem Stillstand“ spricht, ist das kein politisches Schlagwort, sondern ein Erfahrungsurteil. Ruschin ist seit 18 Jahren im Startup-Bereich tätig, begleitet Gründer, baut Unternehmen auf und bewegt sich regelmäßig zwischen Europa, den USA und Israel.

Sein Befund ist eindeutig: Europa verliert den Anschluss – nicht wegen fehlender Talente oder mangelnder Bildung, sondern wegen seiner eigenen Strukturen.

Benjamin Ruschin ist Unternehmer und Investor und seit über einem Jahrzehnt im internationalen Tech- und Startup-Bereich tätig. Er ist Mitgründer und Executive Chairman von WeAreDevelopers, einer der größten europäischen Plattformen für Softwareentwickler, Tech-Konferenzen und Weiterbildung. Mit Events in Europa und den USA sowie tausenden teilnehmenden Entwicklern und Unternehmen verfügt Ruschin über tiefe Einblicke in internationale Innovations- und Technologiemärkte.

„Die falschen Leute sitzen am Steuer“

Besonders hart fällt Ruschins Kritik an Europas Führungsetagen aus: „Es liegt sicher am Nepotismus, dass wir Menschen in Management-Positionen haben, die dort eigentlich nicht hingehören.“

Das Time Magazin wählte Sam Altman, Jensen Huang, Elon Musk, Mark Zuckerberg und andere US-Techbosse zur Person des Jahres. Das KI-Zeitalter wird anderswo gemacht: Die entscheidenden Akteure sitzen in den USA – nicht in Europa.APA/AFP/Person of the Year/TIME

Zu oft würden Posten über Netzwerke statt Qualifikation vergeben. Das Ergebnis seien langsame Entscheidungen, mangelnde Risikobereitschaft und eine Kultur der Absicherung.

Der Vergleich mit den USA fällt vernichtend aus: „Unsere amerikanischen Kunden sind drei- bis viermal so schnell in der Entscheidungsfindung.“ Für technologiegetriebene Unternehmen ist diese Trägheit fatal.

Der globale Maßstab: Während US-Konzerne wie OpenAI das KI-Tempo vorgeben, ringt Europa noch mit Regulierung und Trägheit.GETTYIMAGES/Utku Ucrak/Anadolu

KI in Europa: großes Gerede, maximaler Frust

Besonders deutlich zeigt sich Europas Problem beim Zukunftsthema künstliche Intelligenz. Zwar gebe es exzellente Entwickler und funktionierende Technologien – doch der Markt blockiere sich selbst. „In Europa Sales zu machen – mit KI-Produkten in Richtung Großkonzerne – ist eines der frustrierendsten Dinge, die man nur tun kann.“

Häufig wird Europas Rückstand mit hohen Energiepreisen oder strenger Regulierung erklärt. Ruschin widerspricht nicht. Das sind wichtige und große Themen. Doch seine Erklärung reicht weiter: Kern des Problems sei das kulturelle Mindset in den Vorstandsetagen, das sich seit zehn bis zwanzig Jahren kaum verändert habe. Überregulierung, Fragmentierung und der EU-AI-Act verschärften die Lage – doch entscheidend sei eine Managementkultur, die Innovation bremst statt ermöglicht.

Bürokratisierung in der EU: Beschlüsse wie der „AI Act“, der künstliche Intelligenz regelt, von der Entwicklung über den Einsatz bis zur Vermarktung, behindern zusätzlich.APA/AFP/Jonathan Nackstrand

Österreich: Talente ja – Entscheidungen nein

Bitter fällt auch Ruschins Urteil über Österreich aus. Zwar sei das Interesse unter Softwareentwicklern groß, viele pilgerten jedes Jahr zur Entwicklerkonferenz nach Berlin. Auf Unternehmensseite jedoch herrsche lähmende Trägheit. „Wir haben fast gänzlich aufgehört, Vertrieb in Österreich zu machen.“

Die Entscheidungswege seien zu lang, die Sales-Zyklen zu mühsam – wirtschaftlich rechne sich das kaum.

Im exxpress-TV-Studio: Benjamin Ruschin (r.) spricht mit Moderator Stefan Beig über KI, Venture Capital und warum Europa im globalen Tech-Wettlauf zurückfällt.EXXPRESSTV/EXXPRESSTV

Gründer scheitern selten an Ideen – sondern an Führung

Ruschin betont, dass viele Startups nicht an fehlenden Ideen, sondern an mangelnder Management- und Vertriebserfahrung scheitern. Besonders gefährlich sei der übersteigerte Glaube an optimistische Businesspläne ohne realistischen Blick auf Markt und Nachfrage.

Die aktuelle Krise wirke dabei wie ein Filter: Unternehmen ohne Product-Market-Fit würden schneller ausgesiebt. Auch sein eigenes Unternehmen WeAreDevelopers habe Konsequenzen gezogen und den Fokus vom europäischen Markt weitgehend auf die USA verlagert.

Europas Industrie im Schaufenster: Siemens-Chef Roland Busch bei der Hannover Messe. Siemens gehört zu Europas wenigen global relevanten Technologiekonzernen.GETTYIMAGES/Krisztian Bocsi/Bloomberg

Europa ohne neue Tech-Giganten

Ruschins Kritik reicht weit über einzelne Länder hinaus. Dass Europa neue globale Tech-Konzerne hervorgebracht hat liege weder an Bevölkerungsgröße noch an Bildung, sondern vor allem an fehlendem Risikokapital. Während Startups frühe Finanzierungsrunden noch schaffen, sei der Markt für große Wachstumsinvestitionen in Europa „sehr, sehr leer“. In den USA sei das verfügbare Venture Capital um ein Vielfaches höher.

Viel Technologie, wenig Dynamik: KI-gestützte autonome Produktion bei Siemens auf der Hannover Messe – Innovation trifft auf Europas Entscheidungsstau.GETTYIMAGES/Krisztian Bocsi/Bloomberg

Abwanderung als logische Folge

Kein Wunder also, dass immer mehr europäische Unicorns in die USA abwandern. Ruschin bestätigt diesen Trend aus eigener Erfahrung: „Man muss Europa nicht verlassen – aber es hilft.“

In den USA und in Israel herrsche Aufbruchsstimmung, ein großer, nicht fragmentierter Markt und echte Bereitschaft, neue Technologien umzusetzen. Europa dagegen verliere nicht nur Firmen, sondern auch Motivation und Zukunftsvertrauen.

Europa unter Druck: Startup-Experte Benjamin Ruschin (r.) erklärt, warum Trägheit und falsche Entscheidungen Wachstum in Europa verhindern.EXXPRESSTV/EXXPRESSTV

Gegentrend in Israel

Als funktionierendes Gegenbeispiel nennt Ruschin Israel. Trotz – oder gerade wegen – permanenter Bedrohung habe das Land massiv in Verteidigungs- und Technologieforschung investiert. Fehlender Binnenmarkt zwinge zur Internationalisierung, Venture Capital und Risikobereitschaft seien fest verankert.

Das Ergebnis: Israel stellt rund ein Prozent der Weltbevölkerung, aber etwa fünf Prozent der globalen Unicorns.

Israels KI-Erfolg: Mobileye-Gründer Amnon Shashua beim Börsengang in New York – ein Beispiel dafür, wie israelische Tech-Unternehmer global skalieren.GETTYIMAGES/Michael Nagle/Bloomberg

Persönliches Fazit: Europa als Lebensraum, USA als Wachstumsraum

Würde Ruschin heute noch einmal ein Unternehmen gründen, wäre seine Entscheidung klar: „Ich würde sehr viel schneller den Fokus auf die USA setzen.“

Er lebt besonders gerne in Österreich, Europa sei für ihn weiterhin Lebensraum, aber kaum mehr Wachstumsraum. Besonders bitter sei, dass mit der rasanten Entwicklung von KI Europas Rückstand erst jetzt richtig sichtbar werde. „Es wird viel geredet, aber wenig gehandelt.“

Europas Technik-Elite: Siemens-Technologiechef Peter Koerte spricht über Digitalisierung – doch Europas Innovationsproblem sitzt tiefer.APA/Ying Tang/NurPhoto

Was müsste sich ändern?

Trotz aller Kritik nennt Ruschin konkrete Hebel für einen Turnaround: ein grundlegend reformiertes Bildungssystem, beginnend bei Kindergarten und Schule, Entbürokratisierung und eine echte Steuerreform, mehr Willkommenskultur für hochqualifizierte Fachkräfte, bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Wachstum.

Ohne Reformen droht ein gefährlicher Negativkreislauf: Je weiter Europa zurückfalle, desto weniger Know-how bleibe übrig, um den Rückstand aufzuholen.