„Völliger Stillstand!“ Startup-Investor rechnet mit Europas Manager-Elite ab
Nepotismus, Trägheit, fehlende Risikobereitschaft und eine innovationsfeindliche Kultur: Im exxpress-TV-Studio kritisiert Unternehmer und Investor Benjamin Ruschin Europas Innovationskultur scharf. Seine Diagnose ist düster – und basiert auf 10 Jahren Erfahrung in der internationalen Start-up- und Tech-Szene.
Aus der Praxis: Unternehmer und Investor Benjamin Ruschin (Bild) begleitet seit Jahren internationale Startups – und zieht eine finstere Bilanz über Europas Innovationskultur.EXXPRESSTV/EXXPRESSTV
Europa redet über Innovation – und verhindert sie gleichzeitig: Wenn jemand wie Benjamin Ruschin von „völligem Stillstand“ spricht, ist das kein politisches Schlagwort, sondern ein Erfahrungsurteil. Ruschin ist seit 18 Jahren im Startup-Bereich tätig, begleitet Gründer, baut Unternehmen auf und bewegt sich regelmäßig zwischen Europa, den USA und Israel.
Sein Befund ist eindeutig: Europa verliert den Anschluss – nicht wegen fehlender Talente oder mangelnder Bildung, sondern wegen seiner eigenen Strukturen.
Benjamin Ruschin ist Unternehmer und Investor und seit über einem Jahrzehnt im internationalen Tech- und Startup-Bereich tätig. Er ist Mitgründer und Executive Chairman von WeAreDevelopers, einer der größten europäischen Plattformen für Softwareentwickler, Tech-Konferenzen und Weiterbildung. Mit Events in Europa und den USA sowie tausenden teilnehmenden Entwicklern und Unternehmen verfügt Ruschin über tiefe Einblicke in internationale Innovations- und Technologiemärkte.
„Die falschen Leute sitzen am Steuer“
Besonders hart fällt Ruschins Kritik an Europas Führungsetagen aus: „Es liegt sicher am Nepotismus, dass wir Menschen in Management-Positionen haben, die dort eigentlich nicht hingehören.“
Zu oft würden Posten über Netzwerke statt Qualifikation vergeben. Das Ergebnis seien langsame Entscheidungen, mangelnde Risikobereitschaft und eine Kultur der Absicherung.
Der Vergleich mit den USA fällt vernichtend aus: „Unsere amerikanischen Kunden sind drei- bis viermal so schnell in der Entscheidungsfindung.“ Für technologiegetriebene Unternehmen ist diese Trägheit fatal.
KI in Europa: großes Gerede, maximaler Frust
Besonders deutlich zeigt sich Europas Problem beim Zukunftsthema künstliche Intelligenz. Zwar gebe es exzellente Entwickler und funktionierende Technologien – doch der Markt blockiere sich selbst. „In Europa Sales zu machen – mit KI-Produkten in Richtung Großkonzerne – ist eines der frustrierendsten Dinge, die man nur tun kann.“
Häufig wird Europas Rückstand mit hohen Energiepreisen oder strenger Regulierung erklärt. Ruschin widerspricht nicht. Das sind wichtige und große Themen. Doch seine Erklärung reicht weiter: Kern des Problems sei das kulturelle Mindset in den Vorstandsetagen, das sich seit zehn bis zwanzig Jahren kaum verändert habe. Überregulierung, Fragmentierung und der EU-AI-Act verschärften die Lage – doch entscheidend sei eine Managementkultur, die Innovation bremst statt ermöglicht.
Österreich: Talente ja – Entscheidungen nein
Bitter fällt auch Ruschins Urteil über Österreich aus. Zwar sei das Interesse unter Softwareentwicklern groß, viele pilgerten jedes Jahr zur Entwicklerkonferenz nach Berlin. Auf Unternehmensseite jedoch herrsche lähmende Trägheit. „Wir haben fast gänzlich aufgehört, Vertrieb in Österreich zu machen.“
Die Entscheidungswege seien zu lang, die Sales-Zyklen zu mühsam – wirtschaftlich rechne sich das kaum.
Gründer scheitern selten an Ideen – sondern an Führung
Ruschin betont, dass viele Startups nicht an fehlenden Ideen, sondern an mangelnder Management- und Vertriebserfahrung scheitern. Besonders gefährlich sei der übersteigerte Glaube an optimistische Businesspläne ohne realistischen Blick auf Markt und Nachfrage.
Die aktuelle Krise wirke dabei wie ein Filter: Unternehmen ohne Product-Market-Fit würden schneller ausgesiebt. Auch sein eigenes Unternehmen WeAreDevelopers habe Konsequenzen gezogen und den Fokus vom europäischen Markt weitgehend auf die USA verlagert.
Europa ohne neue Tech-Giganten
Ruschins Kritik reicht weit über einzelne Länder hinaus. Dass Europa neue globale Tech-Konzerne hervorgebracht hat liege weder an Bevölkerungsgröße noch an Bildung, sondern vor allem an fehlendem Risikokapital. Während Startups frühe Finanzierungsrunden noch schaffen, sei der Markt für große Wachstumsinvestitionen in Europa „sehr, sehr leer“. In den USA sei das verfügbare Venture Capital um ein Vielfaches höher.
Abwanderung als logische Folge
Kein Wunder also, dass immer mehr europäische Unicorns in die USA abwandern. Ruschin bestätigt diesen Trend aus eigener Erfahrung: „Man muss Europa nicht verlassen – aber es hilft.“
In den USA und in Israel herrsche Aufbruchsstimmung, ein großer, nicht fragmentierter Markt und echte Bereitschaft, neue Technologien umzusetzen. Europa dagegen verliere nicht nur Firmen, sondern auch Motivation und Zukunftsvertrauen.
Gegentrend in Israel
Als funktionierendes Gegenbeispiel nennt Ruschin Israel. Trotz – oder gerade wegen – permanenter Bedrohung habe das Land massiv in Verteidigungs- und Technologieforschung investiert. Fehlender Binnenmarkt zwinge zur Internationalisierung, Venture Capital und Risikobereitschaft seien fest verankert.
Das Ergebnis: Israel stellt rund ein Prozent der Weltbevölkerung, aber etwa fünf Prozent der globalen Unicorns.
Persönliches Fazit: Europa als Lebensraum, USA als Wachstumsraum
Würde Ruschin heute noch einmal ein Unternehmen gründen, wäre seine Entscheidung klar: „Ich würde sehr viel schneller den Fokus auf die USA setzen.“
Er lebt besonders gerne in Österreich, Europa sei für ihn weiterhin Lebensraum, aber kaum mehr Wachstumsraum. Besonders bitter sei, dass mit der rasanten Entwicklung von KI Europas Rückstand erst jetzt richtig sichtbar werde. „Es wird viel geredet, aber wenig gehandelt.“
Was müsste sich ändern?
Trotz aller Kritik nennt Ruschin konkrete Hebel für einen Turnaround: ein grundlegend reformiertes Bildungssystem, beginnend bei Kindergarten und Schule, Entbürokratisierung und eine echte Steuerreform, mehr Willkommenskultur für hochqualifizierte Fachkräfte, bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Wachstum.
Ohne Reformen droht ein gefährlicher Negativkreislauf: Je weiter Europa zurückfalle, desto weniger Know-how bleibe übrig, um den Rückstand aufzuholen.
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