Wohnungsnot außer Kontrolle: Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen
Bezahlbarer Wohnraum ist in Deutschland längst keine soziale Randfrage mehr, sondern ein zentrales Problem. Eine aktuelle Untersuchung des Pestel-Instituts zeichnet ein düsteres Bild: Schon Ende 2024 fehlten deutschlandweit rund 1,4 Millionen Wohnungen – ein historischer Höchststand. Und eine Entspannung ist vorerst nicht in Sicht.
Nach Einschätzung der Forscher klafft zwischen Bedarf und Realität eine immer größer werdende Lücke. Während jährlich deutlich mehr Wohnungen gebraucht würden, ist in den kommenden Jahren lediglich mit rund 200.000 neuen Einheiten pro Jahr zu rechnen. Das entspricht etwa der Hälfte dessen, was notwendig wäre, um den Markt auch nur annähernd ins Gleichgewicht zu bringen.
Pestel-Chefökonom Matthias Günther bringt es auf den Punkt: Ohne ausreichend Wohnraum lässt sich weder soziale Stabilität sichern noch wirtschaftliche Dynamik entfalten. Was politisch oft als „soziale Frage unserer Zeit“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit eine Grundvoraussetzung für Standortattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Westdeutschland stärker betroffen als der Osten
Regional zeigt sich ein klares Gefälle. In absoluten Zahlen führen die bevölkerungsreichen Bundesländer die Negativstatistik an. Allein in Nordrhein-Westfalen fehlen mehrere hunderttausend Wohnungen, auch Bayern weist ein massives Defizit auf. Insgesamt beziffert das Pestel-Institut den zusätzlichen Bedarf bis 2030 auf bis zu 2,4 Millionen neue Wohnungen.
Auffällig ist jedoch: Die Lage ist im Westen deutlich angespannter als in Ostdeutschland. Dort wirkt sich eine traditionell stärkere kommunale und genossenschaftliche Wohnungswirtschaft stabilisierend aus.
Wer besonders leidet: jung, alt – und die ohne finanzielles Polster
Die Folgen treffen nicht alle gleichermaßen. Besonders stark belastet sind Menschen mit begrenztem Einkommen. Dazu zählen vor allem junge Erwachsene am Beginn ihres Berufslebens, Studenten und Auszubildende. Für sie ist der Wohnungsmarkt vielerorts zur Eintrittsbarriere geworden. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, Studienorte werden gemieden, weil Mieten einen immer größeren Teil des verfügbaren Budgets verschlingen.
Gleichzeitig geraten auch ältere Menschen zunehmend unter Druck. Viele verlassen in den kommenden Jahren den Arbeitsmarkt – oft mit Renten, die mit den gestiegenen Wohnkosten nicht Schritt halten können. Die Konsequenz sind nicht selten erzwungene Umzüge aus angestammten Stadtvierteln.
Politische Versäumnisse mit Langzeitfolgen
Der heutige Wohnungsmangel ist kein neues Phänomen, sondern das Ergebnis jahrelanger Prioritätenverschiebung. Frühere Bundesregierungen haben dem Neubau zu wenig Gewicht beigemessen, Genehmigungsverfahren verkompliziert und Investitionsanreize verwässert. Ambitionierte Zielmarken der Ampelregierung – etwa der Bau von jährlich 400.000 Wohnungen – wurden in jedem einzelnen Jahr der Amtsperiode deutlich verfehlt.
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