exxpress: Herr Schwarzer, sind die Österreicher ein gut angezogenes Volk?
Ferdinand Schwarzer: Das würde ich schon sagen. Ich würde sagen, Österreicher ziehen sich im Verhältnis besser an als die Deutschen. Speziell in Wien, wenn man durch den ersten Bezirk geht, sieht man eigentlich sehr viele gut angezogene, zum Beispiel Anwälte, aber auch viele andere Berufsgruppen, die, glaube ich, großen Wert darauflegen. Ich würde auch sagen, dass Tracht in Österreich noch immer einen ganz großen Stellenwert hat. Jemand, ich glaube Karl Lagerfeld, hat mal gesagt, dass eine Frau in Tracht immer gut angezogen ist.
Vielleicht hat der Österreich nicht dieses modische Flair, wie ihn ein Franzose oder ein Italiener hat, aber verhältnismäßig finde ich sind wir top dabei.
„Kurzärmlige Hemden mit Brusttasche finde ich ganz schrecklich“
exxpress: Die Deutschen stehen nicht gerade im Ruf, gut angezogen zu sein, Stichwort Funktionskleidung oder weiße Socken mit Sandalen. Sie würden sagen, die Österreicher sind schon noch mal besser gekleidet als die Deutschen?
Ferdinand Schwarzer: Ja, im Schnitt auf jeden Fall. Ich glaube, dass in Wien schon noch verlangt ist, wenn man zum Beispiel Anwalt ist, dass man einen Anzug, ein Hemd und eigentlich auch eine Krawatte trägt, was, glaube ich, in Berlin oder Frankfurt schon weit weniger der Fall ist. Wenn ich an Frankfurt denke, an die Finanzschicht, trägt man dort oft den engen Anzug und keine Krawatte, dazu weiße Sneaker. Das finde ich nicht optimal.exxpress: Was sind denn die sieben Todsünden des Stils?
Ferdinand Schwarzer: Eine sehr gute Frage! Wenn wir über klassische Herrenmode reden: Socken. Entweder trägt man gar keine Socken, zum Loafer zum Beispiel, oder wirklich längere Strümpfe. Aber das Hässlichste ist, das kann man oft in deutschen Talkshows sehen, wenn Leute das Bein überschlagen und dann sieht man den peinlichen Streifen der Haut zwischen Hose und Socken. Wenn man Anzug mit Socken trägt, sollten es lange Strümpfe sein, die bis zum Knie gehen. Kurzärmlige Hemden finde ich ganz schrecklich, vor allem kurzärmlige Hemden mit Brusttasche. Fürchterlich. Wenn man nicht gerade bei den Wiener Linien arbeitet, sollte man das in Wien nicht tragen, es sei denn, man ist Jäger oder Fischer. Dann gelten natürlich andere Regeln.

Die schmalen Krawatten finde ich fürchterlich. Diese ganz dünnen „Kälberstricke“ – so nennt sie meine Mutter manchmal. Dazu das extrem schmale Revers. Ein Revers sollte eine gewisse Breite haben. Das wirkt auch optisch gut, denn es vergrößert die Brust beim Sakko und macht eine Cornetto-Figur ganz von alleine, selbst wenn man die Figur gar nicht hat. Das schmale Revers passt da gar nicht dazu. Vielleicht ein letzter wichtiger Punkt: Kleidung, die dir einfach nicht passt. Hosen, die extrem kurz sind oder extrem eng.
Es muss nicht immer Maßkleidung sein, aber man sollte darauf achten, dass man etwas nimmt, das einem auch wirklich passt. Was zum Beispiel diese Slim-Fit-Hosen betrifft: Wenn man kein vierzehnjähriger Bursch ist, sollte man Hosen tragen, die einem passen, und nicht solche, in denen man eingezwängt ist. Man sollte sich noch bequem hinsetzen können.
„In den letzten 20,30 Jahren wurde die Formlosigkeit zelebriert“
exxpress: Klassische Herrenmodefahrt erlebt momentan ein Comeback, ist meine Wahrnehmung. Wie nehmen Sie das wahr?
Ferdinand Schwarzer: 100 Prozent, ja. Die klassische Herrenmode feiert momentan ein großes Comeback, auch dank sozialer Medien wie Instagram und TikTok. Gerade bei sehr jungen Leuten, also teilweise 18-, 19-, 20-Jährige. Ich selbst betreibe den Podcast „La Grande Bellezza“. Dazu haben wir auch einen Instagram-Kanal. Schauen wir uns die Statistik an, sehen wir, dass unsere Follower logischerweise Männer sind, aber auch ganz jung – zwischen 18 und 25.
Der Grund für das große Comeback liegt vielleicht darin, dass es mittlerweile fast ein rebellischer Akt ist, sich klassisch und gut anzuziehen. In der Vergangenheit, in den letzten 20, 30 Jahren, wurde die Formlosigkeit zelebriert und es wurde immer alles noch laxer, noch formloser, noch informeller. Ich kann mir vorstellen, dass gerade junge Menschen sich ein bisschen in die alten Zeiten zurücksehnen.

Tipp: Secondhand-Geschäfte
exxpress: Das ist spannend. Ich frage mich: Ist klassische Herrenmode denn leistbar für Studenten und junge Leute? Diese Teile sind meistens maßgeschneidert.
Ferdinand Schwarzer: Da gibt es zwei extrem coole Trends. Das eine ist „Vinted“ (eine App für Secondhand-Kleidung, Anm.), beziehungsweise generell Secondhand-Teile kaufen. Das feiert ein riesiges Comeback und man kann auf Plattformen wie „Vinted“ extrem günstige, hochwertige, praktisch nicht getragene Anzüge, Krawatten und so weiter kaufen. Man findet dort wirklich sehr gute Markensachen, zum Beispiel von Hermes. Ich habe das selbst kaum geglaubt, aber mittlerweile habe ich alte Sakkos verkauft, die mir nicht mehr passten. Die das gekauft haben, waren sehr junge Leute.
Der zweite Punkt: Ich finde hier das Wort „Investment“ ganz richtig. Ich kann mir natürlich einen Fetzen von Zara oder C&A um 200 Euro kaufen. Das ist zwar am Anfang billiger, aber so einen Anzug trage ich maximal ein Jahr lang und dann hängt er schon überall in Fetzen, passt nicht mehr, die Knöpfe fallen ab, er ist schlecht verarbeitet und schaut hässlich aus. Wohingegen, wenn ich mir einen zeitlosen Maßanzug schneidern lasse und auf den gut aufpasse, habe ich den sicherlich 10 bis 20 Jahre, wenn nicht sogar noch länger. Das hängt davon ab, ob sich meine Figur hält oder nicht. So gesehen ist das dann sogar günstiger.
„Der Gentleman hat seinen Ursprung in den ritterlichen Werten“
exxpress: Also ist klassische Herrenmode eigentlich nicht nur für die oberen 10.000, für den Anwalt, sondern eigentlich auch für Leute, die nicht viel Einkommen haben.
Ferdinand Schwarzer: 100 Prozent. Wie gesagt, es gibt die zwei Optionen: Günstig ist, sich was im Internet, Secondhand, zusammenzusuchen. Oder eben auf einen „Made to Measure“-Anzug zu setzen. Den bekommt man in Wien ab circa 1000 Euro. Wenn man den viele Jahre trägt, hat man davon weit mehr als von einem Anzug aus der Fast Fashion, von den großen Modelabels. Das ist für Frauen, glaube ich, übrigens genauso.
exxpress: Sie meinen, dass klassische Herrenmodell wieder im Trend liegt. Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass Teile der Jugend wieder vermehrt traditionellere oder konservativere Werte haben?
Ferdinand Schwarzer: Hundertprozentig. Wenn man von klassischer Herrenmode spricht, denkt man gleich an einen Gentleman. Ich würde sagen, dass die klassische Herrenmode nur ein Symptom davon ist, ein Gentleman zu sein.
Der Gentleman hat seinen Ursprung in den ritterlichen Werten. Letztendlich geht es darum, dass man Respekt vor sich selbst hat und vor den Leuten um sich herum. Es geht auch darum, dass man versucht, nach Möglichkeit alle Leute um sich herum so fühlen zu lassen, dass sie sich gut fühlen und einen als angenehm wahrnehmen. Eine Folge davon ist, dass man sich anlassgerecht und elegant anzieht. Aber ich glaube, die Wurzel liegt viel tiefer. Gewisse traditionelle Werte wie Ehre und Selbstrespekt spielen eine Rolle. Ich finde, wenn es einem Mann nur darum geht, hübsch auszusehen, dann ist er ein Dandy, aber nicht unbedingt ein Gentleman.
„Einem Arzt, der einen weißen Kittel trägt, vertraue ich mehr“
exxpress: Warum es ist wichtig, gut angezogen zu sein oder sich für den entsprechenden Anlass gut zu kleiden?
Ferdinand Schwarzer: Aus drei Gründen: Der erste Grund ist der Respekt vor einem selbst. Man schaut einfach besser aus. Klassische Herrenanzüge sind so geschnitten, dass sie die Brust größer und die Taille ein bisschen schmäler wirken lassen. Der Hemdkragen, zum Beispiel, rahmt den Körper und das Gesicht ein und lässt einen bestmöglich dastehen. Auch, wenn man nicht so gute Figur hat, schaut man respektabel und besser aus. Wenn man hingegen kein Sixpack hat, ist ein T-Shirt in der Regel nicht besonders schmeichelhaft.
Der zweite Grund, warum es wichtig ist, gut angezogen zu sein, ist aus Respekt vor dem Gegenüber. Die Welt ist eine Bühne, jeder spielt eine Rolle auf dieser Welt. Um die Rolle überzeugend zu spielen, muss man sich ein Kostüm anziehen. Genauso, wie man einem Arzt mehr vertraut, wenn er einen weißen Kittel trägt und nicht irgendein T-Shirt, vertraut man zum Beispiel einem Anwalt mehr, wenn er einen Anzug und eine Krawatte trägt. Ähnlich ist es bei mir als Juwelier. Ich finde, es gehört zur Kunden-Experience dazu, dass ich anständig und anlassgerecht angezogen bin. Dazu gehört Anzug und Krawatte.
„Es geht um den Respekt vor der Sache selbst“
exxpress: Und der dritte Grund, der für einen guten Stil spricht?
Ferdinand Schwarzer: Der dritte Punkt geht noch ein bisschen weiter – vor allem für mich persönlich. Es gibt in Japan den Zen-Buddhismus. Anhänger des Zen-Buddhismus glauben, dass man das ewige Rad der Wiedergeburt durchbrechen kann, indem man einen perfekten Moment erlebt. Daher kommen diese Tee-Zeremonien oder die Bonsai-Pflege und so weiter. Das wird dort extrem zelebriert. Da wird auf jedes noch so kleine Detail geachtet, damit man diesen perfekten Moment erzeugen kann. Das sieht man manchmal beim Sushi-Meister, wenn er perfekt, sauber, ordentlich das Sushi zubereitet.
In Japan ist das ein Riesentrend, bis hin zu Schuhputzern, die dann in feinsten Anzügen die besten Schuhe putzen.

Ähnlich sehe ich das bei mir. Ich ziehe mich nicht nur für mich selbst so an, weil ich gut aussehen möchte, nicht nur aus Respekt vor meinen Kunden gegenüber, sondern aus Respekt vor der Sache selbst. Ich finde, wenn man Schmuck verkauft oder irgendetwas Besonderes, Schönes macht, verdient das Produkt selbst den größten Respekt.
„Äußere Werte widerspiegeln immer die inneren Werte“
exxpress: Kritiker würden sagen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob man jetzt ein schwarzes oder ein dunkelblaues Sakko, Krawatte oder eine Fliege, Sneakers oder Oxfords trägt, sei oberflächlich. Es komme auf die inneren Werte an. Was würden Sie auf dieses Argument entgegnen?
Ferdinand Schwarzer: Ich würde sagen, dass Oberflächlichkeit, also äußere Werte, immer die inneren Werte widerspiegeln. Ich zitiere aus einem meiner Lieblingsbücher des Psychologen Jordan Peterson, in dem er sagt: Mach dein Bett in der Früh, schau, dass dein Bett gemacht ist, und dann kannst du die Welt verändern. Wenn du es nicht einmal schaffst, dein eigenes Bett richtig zu machen, wie willst du dann die Welt verändern? Ähnlich geht es mit der Kleidung. Natürlich soll man Menschen nicht runter machen, weil sie einen Fehler bei der Kleidung gemacht haben.
Aber grundsätzlich sollte man darauf achten, dass man etwas Sauberes anzieht, etwas Gebügeltes, etwas, dass dem Anlass gerecht ist – anstatt irgendetwas anzuziehen. Wenn man nicht einmal das hinbekommt, wie will man dann sonst irgendwas verändern oder verbessern?

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