Mode im Moraltest: Dolce & Gabbana und der Streit um Diversität
Bei der Präsentation der Herbst/Winter-Kollektion 2026 von Dolce & Gabbana erhitzte vor allem die Modelauswahl die Gemüter. Während das Design-Team für seine gelungene Kollektion gelobt wird, gerät das Haus erneut wegen fehlender Diversität und Rassismusvorwürfen in die Kritik.
Der Jahresbeginn steht ganz im Zeichen der Mode. Im Januar präsentiert die Mailänder Fashion Week traditionell die Herrenkollektionen für Herbst/Winter 2026. Auch dabei: Dolce & Gabbana. Unter dem Titel „The Portrait of Man“ entwarf das Designer-Duo eine selbstbewusste Kollektion zwischen Coolness und Glamour. Klassisches Tailoring verschmolz mit Denim, sportlichen Akzenten und Erinnerungen an die frühen 2000er-Jahre. Doch die ästhetische Qualität einer Kollektion allein genügt nicht mehr. In den sozialen Medien kochte ein Shitstorm los, die moralische Empörung könnte nicht größer sein. Denn, man stelle sich vor: Die Models sind allesamt männlich, weiß und schön. Der Vorwurf: fehlende Diversität.
Ripped Jeans, Samtblazer und Military-Jacken aus luxuriösen Materialien, ergänzt durch Strick, Fell und die markentypische Opulenz. So könnte man die gelungene Herrenkollektion von Dolce & Gabbana zusammenfassen. Eine Kollektion, die Männlichkeit im Hier und Jetzt präsentiert und selbstbewusst in Szene setzt.
Shitstorm nach der Show
Noch während die Bilder der Show um die Welt gingen, verlagerte sich der öffentliche Fokus auf bemerkenswerte Weise. Die Auswahl der Models löste in den sozialen Medien einen regelrechten Shitstorm aus.
Topmodel Bella Hadid meldete sich öffentlich zu Wort und erhob Vorwürfe, die Show sei rassistisch und das Casting nicht divers genug. Hadid bezeichnete die Modenschau als „peinlich“. Auch Modejournalist Lyas prangerte die Casting-Auswahl in einem Video auf Instagram an und kritisierte, dass „kein einziges asiatisches oder dunkelhäutiges Model“ bei Dolce & Gabbana über den Laufsteg lief.
Die Kritik ist nicht neu
Die schnellen und radikalen Reaktionen überraschen kaum – Dolce & Gabbana hat noch nie den konformen Weg gewählt. Wer die Marke schon länger beobachtet, weiß, dass sie von starken Bildern und bewusster Zuspitzung lebt und zahlreiche Kontroversen erfolgreich überlebt hat. Bereits 2015 sorgten Aussagen der Designer für internationale Kritik, als sie sich öffentlich gegen Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung aussprachen. Drei Jahre später geriet das Modelabel wegen einer China-Kampagne erneut in die Kritik. In kurzen Videos war eine chinesische Frau zu sehen, die mit Essstäbchen italienisches Essen probiert – was ihr, unter anmaßenden Kommentaren des männlichen Sprechers, nicht so recht gelang. Es folgte massive Kritik, da rassistische Stereotype bedient würden. Die geplante Show in Shanghai wurde schließlich abgesagt.
Ein Skandal, der keiner ist
Es stellt sich die Frage, ob die Kritik wegen fehlender Diversität nicht längst zu einem gänzlich routinierten Aufschrei verkommen ist – zu einer Moralpolizei, die heute schneller zur Stelle ist, als man gucken kann. Bewegt sich The Portrait of Man nicht vielmehr in einem kreativen Raum, der Männer kleidet, ganz ohne politisches Statement? Führt die Moralisierung dieser Bilder nicht weg vom Wesentlichen? Warum sucht man mit Inbrunst einen Skandal, der weder gemeint noch tatsächlich inszeniert wurde?
Dolce & Gabbana war schon divers, als es Diversität noch gar nicht gab
Vielfältig, offen und am Puls der Zeit war Dolce & Gabbana lange, bevor „Diversität“ zum Pflichtprogramm wurde. Man erinnere sich beispielsweise an die Show im Jahr 2019. Dolce & Gabbana casteten damals nicht „divers“, um Erwartungen zu erfüllen, sondern weil es zur Kollektion passte. Die Show erzählte von Popkultur, von Ikonen, von Generationen – und benötigte dafür unterschiedliche Gesichter. Die Show schloss mit Naomi Campbell. Stars wie Monica Bellucci, Marpessa und Wizkid waren ebenso Teil des Casts.
Auch abseits des Runways arbeitete das Haus über Jahrzehnte hinweg mit starken Persönlichkeiten wie unter anderem Madonna als langjähriger Muse.
„The Portrait of Man“ sucht keinen Konsens, keine politisch korrekte Anerkennung. Die Rassismusvorwürfe vernebeln den Blick aufs Wesentliche: auf eine äußerst gelungene Kollektion.
Zuerst erschienen ist dieser Beitrag auf unserem Partner-Portal NIUS.
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