In regelmäßigen Abständen wird auf Instagram und in den Medien das Thema „Regretting Motherhood“ (deutsch: „Das Bereuen des Mutterseins“) aufgewärmt. In den sozialen Medien melden sich unter dem Hashtag #regrettingmotherhood Mütter zu Wort, die öffentlich bedauern, Kinder bekommen zu haben.

„Das und Mutterinstinkt sind eine Lüge“

Vor einigen Tagen war im ORF-Format „Guten Morgen Österreich“ etwa die in Wien lebende Mama-Influencerin „piepmadame“ zu Gast. Wiebke Schenter, so der Name der deutschen „Content-Creatorin“, redet in der Sendung mit dem Titel „Zwischen Mutterliebe und Reue“ darüber, dass sie ihre beiden Kinder zwar liebe, sich aber aus heutiger Sicht für ein kinderloses Leben entscheiden würde. Auf Instagram folgen ihr über 100.000 Personen.

In einem Post von November 2025 schreibt Schenter: „Mit dem Wissen von heute, hätte ich keine Kinder bekommen. Mutterschaft ist nicht der Lebenssinn oder gar Zweck (sic!) einer jeden Frau. Wir müssen keine Mütter sein, um vollständige Frauen zu sein oder Liebe zu erfahren. Das und Mutterinstinkt sind eine Lüge – und ich habe sie geglaubt.“

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„Care-Arbeit“, gesellschaftlicher Druck und keine Identität außer Mama

Sieht man sich die ORF-Sendung und ihre Instagram-Videos an, wird klar, was Schenter an dem Mutter-Dasein stört: Hausfrau sein, neben der Mutter-Rolle keine weitere Identität mehr zu haben, gesellschaftliche Erwartungen, „Care-Arbeit“ oder der Druck, „immer funktionieren zu müssen“. In einem Reel sagt sie etwa: „Ich hasse es, Bezugsperson Nummer Eins für meine Kinder zu sein“. Wenn ihr Mann an zwei Abenden außer Haus ist, werde das von den Kindern ganz selbstverständlich hingenommen. Hingegen, wenn sie abends eine Stunde laufen gehen möchte, sei Zuhause „Holland in Not“. Sie müsse sich „rauskämpfen“ und „wenn ich wiederkomme, kleben sie an mir“. Dann sagt sie ironisch: „Es ist schön, so gebraucht zu werden“. Und meint anschließend: „Nein“.

Männer-Bashing

Im ORF-Gespräch kommt „piepmadame“ nicht ohne feministische Seitenhiebe auf Männer aus. Sie sagt etwa: „Würde ich meine Kinder nicht lieben, würde ich mich einfach schleichen – so, wie Männer das tatsächlich bis heute immer noch machen“. Dieses Verhalten, meint Schenter, werde noch immer nicht hinterfragt. Solche Männer werden einfach „Wochenendväter“, „zahlen vielleicht Alimente, und die Mutter muss am Ende immer alles alleine ausbaden“. Schenter selbst ist keine alleinerziehende Mutter. Während sie im Studio sitzt, passt ihr Mann auf die Kinder auf.

Auf einer Instagram-Kachel schreibt Schenter, dass sie Männer hasst. Dazu macht sie ein „Peace“- Emoji. Auf der anderen Kachel stellt sie sich als „verheiratet & noch immer verliebt“ vor.

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„Regretting Motherhood“ stammt von feministischer Wissenschaftlerin

Die Influencerin meint, es sei noch immer tabu, darüber zu reden, dass man das Kinderkriegen bereue.

Der Begriff „Regretting Motherhood“ wurde im Jahr 2015 von der israelischen, kinderlosen Soziologin Orna Donath eingeführt. Sie analysierte das Phänomen, dass es Mütter gibt, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Der Bestseller „#regretting motherhood. Wenn Mütter bereuen“ zu ihrer Studie erschien 2017 und löste in den sozialen Medien und deutschen Feuilletons eine Debatte aus. Donath ist auch Aktivistin und versteht sich als feministische Wissenschaftlerin.

Kritik am „Pronatalismus“

Auf YouTube findet man Vorträge von Donath, in denen sie den „Pronatalismus“ kritisiert. Pronatalismus bezeichnet eine kinderbejahende Einstellung, die Geburten und Kinderreichtum als erstrebenswert ansieht. In „pronatalen Gesellschaften“ werde kinderlosen Frauen bewusst gesagt, dass sie es bereuen werden, keine Mütter geworden zu sein. Das bezeichnet die feministische Wissenschaftlerin in einem Webinar aus dem Jahr 2021, das auf YouTube abrufbar ist, als „politische Instrumentalisierung von Emotionen“ und als „Einschüchterung“.

Geburtenraten im Keller

Welche Staaten genau „pronatale Gesellschaften“ seien, erwähnt sie in dem Ausschnitt nicht. Der einzige westliche Staat, den man als „pronatal“ bezeichnen könnte, ist Israel. Es ist das einzige westliche Land, in dem die Fertilitätsrate noch über dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kinder pro Frau liegt. In Israel hat eine Frau im Jahr 2025 im Durchschnitt 2,75 Kinder. Zum Vergleich: In Österreich und Deutschland sind es nur 1,3 Kinder pro Frau.

Zudem gibt es in den Industrienationen immer mehr Menschen, die – gewollt oder ungewollt – kinderlos bleiben. Laut Studien sind aber nur ein Drittel der Menschen ohne Kinder gewollt kinderlos, wie in dem OSZE-Bericht „Demografischer Wandel in der OSZE-Region“ der ÖVP-Nationalratsabgeordneten Gudrun Kugler heißt.

Die katastrophale demografische Lage wird verschwiegen

In dem ORF-Interview greift Influencerin „piepmadame“ die angebliche Politisierung des Mutterseins auf. Sie meint: „Gleichzeitig sehen wir es ja auch in der Politik, dass Staaten dazu aufrufen, dass wieder mehr Kinder geboren werden müssen“. Hier hakt die Moderatorin ein: „Weil wirs brauchen für die …“. Doch mitten im Satz unterbricht Schenter sie. „Naja, brauchen wir nicht so wirklich“, korrigiert sie. Es gebe „genug Kinder auf der Welt“.

Darüber, dass Industrienationen – nicht nur Europa oder die USA, sondern auch China oder Südkorea – in den kommenden Jahrzehnten massive politische Herausforderungen in Bereichen wie Gesundheit, Pensionssystem, Arbeitskräfte oder Abwanderung wegen der schlechten demografischen Lage haben werden, darüber legt Schenter eine Decke des Schweigens.

Influencerin will Muttersein „romantisieren“

Doch es gibt einige „Momfluencer“ („Mütter-Influencer“), die eine andere Schiene als „piepmadame“ fahren. Die 30-jährige „loubeyou“ etwa hat einen Instagram-Account, der sich um „Enjoying Motherhood“ (deutsch: „Mutterschaft genießen“) dreht. Sie hat einen Mann und zwei kleine Kinder, lebt auf Mallorca und zeigt auf, wie man „Mama-Sein mehr romantisieren und uns dabei selbst nicht verlieren“ kann.

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In einem Video kritisiert sie „regretting motherhood“. „Alle reden über ‘regretting motherhood‘“, beginnt sie das Reel an. „Aber können wir man über ‘enjoying motherhood‘ reden?“. Wenn man sich bewusst gegen Kinder entscheide, „hat man nicht die full life experience“, fährt Lou fort. Natürlich sei es nicht immer leicht, „klar heulen wir mal, sind überfordert“. Aber: „Wie cool ist es bitte, mit unserem hoffentlich Lieblingsmenschen einen kleinen Lieblingsmenschen gemacht zu haben“, schließt sie. Lou ist der Meinung, dass es einen „Sache der Perspektive“ sei und worauf man seinen Fokus lege.