Ralph Schöllhammer: Gewinnen die USA den Energiekrieg?
Seit zwei Wochen beherrschen Raketeneinschläge, brennende Raffinerien und die Nachfolge des getöteten Ali Khamenei die Schlagzeilen. Experten streiten darüber, ob der Iran seine Drohnenproduktion aufrechterhalten kann, ob der Sohn des toten Obersten Führers über die notwendige religiöse Legitimation verfügt, und wann die Ölpreise ihren Höhepunkt erreicht haben werden.
Man muss nicht zwischen den Zeilen oder im Kaffeesatz lesen, um zu verstehen, was Washington wirklich will. Die Nationale Sicherheitsstrategie von 2025 formuliert es offen: Technologieführerschaft, insbesondere bei Künstlicher Intelligenz, als Fundament nationaler Macht, gestützt auf reichlich vorhandene und billige Energie. KI-Dominanz erfordert Energiedominanz, so steht es zumindest in der nationalen Sicherheitsstrategie. Und vieles das seit dem 28. Februar geschehen ist, scheint die praktische Umsetzung genau dieser Vision zu sein. Beginnen wir mit den dominierenden Schlagzeilen, welche auf den ersten Blick für alle negativ zu sein scheinen:
Die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Rohöls und Flüssiggases transportiert wird, ist angeblich durch iranische Drohnenangriffe auf Handelsschiffe faktisch gesperrt, obwohl sich der Iran selbst eher zweideutig geäußert hat und ich mir nicht sicher bin, ob die USA eine temporäre Sperre nicht sogar begrüßen. Wie ich im Folgenden zeige, geht es ja um mehr als Öl.
So produziert Katar etwa ein Viertel des weltweiten Heliums – ein unverzichtbares Gas für die Halbleiterfertigung. Alle drei katarischen Helium-Anlagen stehen derzeit still. Wie die Hindustan Times berichtet, gefährden Engpässe bei Helium und Neon – dem Gas, das die Laser in der Chipproduktion betreibt – die globale Halbleiterfertigung. Kein Helium, keine Chips. Keine Chips, keine KI-Revolution. Es wird gerne vergessen, aber die gesamte digitale Infrastruktur, auf der unsere Wirtschaft aufbaut, hängt an einer Handvoll physischer Grundstoffe, die nicht am Bildschirm produziert werden können.
Gleiches gilt in der Lebensmittelproduktion: Indien steht vor einer möglichen Agrarkrise. Rund 63 Prozent der Stickstoffdünger-Importe des Landes kommen aus den Golfstaaten, und 30 seiner 32 Harnstoffwerke laufen mit Erdgas aus Katar. China laut der South China Morning Post: 69,4 Prozent seiner Methanol-Importe stammen aus dem Nahen Osten, wobei Iran der Hauptlieferant ist. Methanol ist ein zentraler Grundstoff für alles von Kunststoff bis zu synthetischen Textilien. Wenn die Straße von Hormus geschlossen ist, stocken ganze asiatische Lieferketten. Die bequeme Annahme, moderne Volkswirtschaften seien zu komplex, um von Geographie in die Knie gezwungen zu werden, erweist sich als falsch.
„Wer die Seewege kontrolliert“
Und jetzt die Frage, die europäische Kommentatoren hartnäckig vermeiden: Wem nützt das alles? Die Vereinigten Staaten sind der größte Heliumproduzent der Welt. Sie sind seit 2025 auch der größte LNG-Exporteur, mit einem Rekord von 111 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Die Düngemittelkrise setzt Indiens Agrarsektor unter Druck, und zwar genau in dem Moment, in dem Washington den Verkauf amerikanischer Agrarprodukte nach Neu-Delhi vorantreibt. Der Methanol-Engpass trifft die chinesische, südkoreanische und japanische Industrie. Jede einzelne dieser Störungen erhöht Asiens Abhängigkeit von amerikanischen Lieferungen. Man kann das für Zufall halten. Aber das Muster ist mittlerweile konsistent genug, dass Zufall als Erklärung zunehmend unbefriedigend wird.
Es geht übrigens nicht nur um Rohstoffe. Trumps Angebot von US-Navy-Geleitschutz durch die Straße von Hormus, kombiniert mit US-gestützten Versicherungen für die Schifffahrt, läuft auf eine faktische amerikanische Kontrolle darüber hinaus, wer durch diese Wasserstraße Energie erhält und zu welchem Preis. Venezolanisches Öl fließt inzwischen über US-kontrollierte Kanäle via Vitol und Trafigura, wobei die Erlöse direkt auf Konten des US-Finanzministeriums gehen. Nimmt man die Panamakanal-Vereinbarungen, die Operationen im Roten Meer und die laufenden Grönland-Rahmenverhandlungen hinzu, ergibt sich ein Bild, das europäische Strategen (sofern es solche gibt) beunruhigen sollte: Amerikanische Kontrolle aller maritimen Engpässe bedeuten nichts anderes, als das Washington den Preis der Energie für Amerikas wirtschaftliche Konkurrenten bestimmt. Das verbleibende Stück – die Nördliche Seeroute in der Arktis – ist genau das, worum es bei Grönland geht.
Trump sagte Bloomberg am Montag, der Krieg könne „sehr bald“ enden und die militärischen Ziele seien „im Wesentlichen erreicht“. Er hat nicht die Zerstörung des iranischen Regimes gefordert, sondern seine Kapitulation. Der Unterschied ist erheblich. Ein geschwächter Iran, der kapituliert, ist nützlicher als ein kollabierter, denn ein zusammengebrochener Staat hinterlässt ein Vakuum, während ein kapitulierter die neue Ordnung legitimiert. Die Straße von Hormus steht bereits unter amerikanischer Marineaufsicht. Asiatische Konkurrenten wurden auf denkbar konkreteste Weise an ihre Verwundbarkeit erinnert. Die strukturellen Vorteile der amerikanischen Energieproduktion sind für eine Generation zementiert.
Der Seekriegsstratege Alfred Thayer Mahan formulierte vor über hundert Jahren die These, dass die Macht, die die Seewege kontrolliert, die Bedingungen des Welthandels diktiert. Das Britische Empire hat diese Lektion verinnerlicht. Die gegenwärtige amerikanische Regierung offenbar auch. Für Europa, das im vergangenen Jahrzehnt seine Energieunabhängigkeit im Namen von Klimazielen systematisch abgebaut hat, sind die Implikationen unangenehm. Deutschland hat seit 2017 seine Stromerzeugung um rund 22 Prozent reduziert, bei gleichzeitig um 64 Prozent gestiegenen Preisen. Österreich hat sich von russischem Gas gelöst, nur um sich in neue Abhängigkeiten zu begeben. Man klagt in Europa gerne über amerikanischen Unilateralismus, aber man hat keine Antwort auf die simple Frage, woher künftig die Energie kommen soll, die unsere Industrien am Laufen hält.
Ein Kontinent, der sich erst von russischem Gas abhängig machte, dann von Golf-LNG, und jetzt hilflos zusieht, wie Amerika sich als unentbehrlicher Energievermittler positioniert, hat kein Versorgungsproblem. Er hat ein strategisches Problem. Ob die europäische Führungsklasse den intellektuellen Mut aufbringt, das zu erkennen, geschweige denn den politischen Willen, darauf zu reagieren, ist eine Frage, die durch diese Krise erheblich dringender geworden ist, als sie es noch vor einem Monat war.
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