Alex Todericiu: 365-mal adé
„Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“
Pippi-Langstrumpf-Lied
Erklärungen verlieren im öffentlichen Raum an Gewicht. So entsteht ein Kommunikationsklima, in dem Klicks und Gefühle oft mehr zählen als überprüfbare Gründe.
„Es muss eigentlich nur für mich Sinn ergeben“, sagte die TikTok-Nutzerin Tamara. Ende Dezember 2025 postete sie ihren ungewöhnlichen Neujahrsvorsatz: Sie wolle sich 365 Knöpfe zulegen, „einen für jeden Tag“, um bewusster wahrzunehmen, wie die Zeit vergeht.
Ciceros „O tempora, o mores!“ (In Catilinam 1,2) taugt in diesem Licht weniger als nostalgische Klage denn als Warnfigur: Es liegt an uns, ob die Tugend der Rechenschaft als altmodische Marotte verdirbt oder ob sie bleibt und so Irrtum wie Übergriffigkeit begrenzt.
Auch Idiocracy (2006) ist dabei mehr als Popkultur. Mike Judges Film entwirft eine satirische Dystopie: eine Gesellschaft, die antiintellektuell, konsumgetrieben und institutionell verwahrlost erscheint. Der Film ist nicht nur Diagnose, sondern – in manchen Lesarten – längst Symptom: ein fiktionaler Versuch, Gegenwart überhaupt noch in eine gemeinsame Deutung zu bringen.
Zwei Lesarten des Nicht-Erklärens
Das Phänomen verlangt eine doppelte Deutung. Wohlwollend gelesen ist Tamaras Satz eine legitime Grenzziehung in Zeiten von Oversharing. Die Forderung nach Erklärung kann selbst invasiv werden; die Weigerung, sich permanent auszudeuten, mündet dann in Selbstschutz und kann zugleich ein Erosionssignal sein.
Problematisch wird es dort, wo diese privat plausible Haltung zur allgemeinen Norm kippt. Die starke Pippi kümmert sich auch nicht um konventionelle Vorstellungen der Erwachsenen, sondern lebt nach eigenen Regeln. Wenn aber „für mich stimmt’s, basta“ zum Diskursprinzip wird, erodiert die Bereitschaft, Einwände zuzulassen und sich so am Gemeinsamen rechtfertigen zu wollen.
Das Meme als Zeitzeichen
Darum ist Tamara keine Anekdote, sondern ein Zeitzeichen. Sie kündigt „365 Knöpfe“ an – als Erinnerung an Vergänglichkeit – und verweigert zugleich die Erklärung. Gerade dieses Weglassen von Gründen wird zum memetischen Motor: Es lässt sich endlos wiederholen, ohne je eingelöst werden zu müssen.
Was als kollektives Augenzwinkern beginnt, kann zur Konvention werden und Nachfragen gelten dann als unfein. Wer dennoch fragt, stört den Takt; in dieser Logik gilt das als Fehler.
Dazu kommt eine schleichende Entwertung des Überprüfbaren. Emotionale Inhalte zirkulieren in Netzwerken tendenziell leichter. Weil digitale Öffentlichkeit auf sichtbare Zustimmungssignale wie Likes und Shares reagiert, zeigt sich, dass solche Belohnungen über Zeit die Bereitschaft verstärken können, Empörung auszudrücken.
Wo Argumente Mühe kosten, funktionieren kurze Parolen wie Fast Food: sofort Geschmack – null Kontext.
Autonomie als Tarnkappe
Diese Gegenwartsform trifft auf einen Wertewandel, der seit Jahrzehnten beschrieben wird: weg von Pflicht und Ordnung, hin zu Autonomie. Das Ideal wirkt moralisch überlegen, weil es Freiheit verspricht. Den Preis sieht man oft erst später, eben dann, wenn „authentisch sein“ zur höchsten Währung wird und „nicht erklären“ als besonders echt gilt. „Ich bin halt so“ wird zur Kurzform einer Weltanschauung; wer nach Gründen fragt, verlangt scheinbar zu viel, zu viel Gemeinsames.
Tamaras Satz ist Ausdruck dieser Autonomieseinsicht – und zugleich der Punkt, an dem sie ins Paradox kippt. Denn echte Freiheit beginnt dort, wo wir Gründe geben können.
Freiheit braucht Gründe
Erklären ist eine Grundgeste der Öffentlichkeit, weil Gründe den Austausch ermöglichen. Erklären heißt nicht: sich ausliefern. Es heißt: Gründe anbieten, die andere prüfen können. Engels’ Satz, Freiheit sei „die Einsicht in die Notwendigkeit“ (Anti-Dühring), wirkt hier wie ein Kontrast: Freiheit als Verstehen von Bedingungen. Tamara steht für die Gegenbewegung: das Recht, sich der Ausdeutung zu entziehen und trotzdem bei sich zu bleiben.
Sich nicht rechtfertigen zu müssen, übt eine faszinierende Wirkung aus. Damit trifft sie einen Nerv: die Sehnsucht, Entscheidungen ohne Legitimation treffen zu dürfen. Anfang 2026 hat sie sich vom Ganzen distanziert: „hat sich mit Bedacht aus der ganzen Angelegenheit zurückgezogen“, so die britische Zeitung The Guardian.
Gerade im Verlassen der Bühne steckt ihr Zeichen. Der Hype braucht sie – sie aber braucht ihn nicht. Und genau das macht Tamara aus. Denn „adé“ geht über das Französische adieu (wörtlich „à Dieu“ – „Gott befohlen“) zurück. In dieser Lesart wären ihre Knöpfe ein ritualisierter Abschied vom Tag. Die 365 Knöpfe könnten dann – folgerichtig – zu einem selbstgebauten Rosarium der Zeit werden, in dem jeder Knopf eine Perle ist. Man sammelt sie nicht nur, man deutet sie, im täglichen Wiederholen.
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