Alex Todericiu: Der König im Endspiel
« Toute proportion gardée »
Alles im Verhältnis
Die zweite Runde der französischen Kommunalwahlen am 22. März 2026 wird mit Spannung erwartet. Denn dann zeigt sich endgültig, was vielerorts schon seit dem ersten Wahlgang am 15. März sichtbar geworden ist: welche Bewegungen tragen, welche Allianzen halten und was all das für das Präsidentschaftswahljahr 2027 bedeuten könnte.
„Monsieur le Président“ steht sinnbildlich vor einem Schachbrett. Nicht als Blick in ein Innenleben, sondern als Emblem eines präsidialen Stils, der Ordnung, Rang und Takt betont — aus jenem Haus heraus, seinem Élysée-Palast, das seit der frühen Dritten Republik die offizielle Residenz des Staatschefs ist. Das berühmte „Tu m’appelles Monsieur le président“ gegenüber einem Jugendlichen, der ihn am 18. Juni 2018 „Manu“ nannte, wurde gerade deshalb zur diskursiven Chiffre für Abgehobenheit: weil es öffentlich Distanz markierte — und weil Macron selbst diesen Vorgang öffentlich einordnete.
Ein Traum von Kontrolle
Die Kommunalpolitik erscheint nicht als Generalprobe für eine nationale Machtergreifung der Extreme, sondern als Gemisch aus Bekanntheit, Listenlogik, Eitelkeiten, lokalen Feindschaften, Sicherheitsrhetorik, Straßenlärm, Parkplätzen, Müll und Wohnungsfragen.
Und diese Logik ist nicht bloß Milieu, sondern auch Mechanik. Wer im ersten Wahlgang zu schwach bleibt, verschwindet; wer knapp stark genug ist, kann fusionieren. Im zweiten Wahlgang dürfen sich nur Listen halten, die im ersten Durchgang mindestens 10 Prozent der abgegebenen Stimmen erreicht haben; Listen ab 5 Prozent können sich einer qualifizierten Liste anschließen. Was später gern als Improvisation beschrieben wird, ist oft schon im Wahlrecht angelegt. Alles nur Politik: So lautet das stabile Gegenargument zur nationalen Überdeutung. Kein Vorbeben des Umbruchs, sondern lokale Arithmetik.
In der präsidialen Erzählung wirkt Frankreich wohltuend domestiziert: nicht von den Rändern hypnotisiert und nicht von einem Schicksalssturm in die Arme der Radikalen getrieben. Der RN (Rassemblement National) ist darin nicht schon die neue rechte Staatsmacht in Wartestellung, LFI (La France Insoumise) nicht die unvermeidliche linksradikale Zukunftsreligion der Städte, und die politische Mitte erst recht nicht die Leiche, als die sie von politischen Brandstiftern und publizistischen Schwarz-Weiß-Malern vorgeführt wird.
Die Mitte als Überlebensinstinkt
Selbst Teile der Sozialisten und der Partei Les Républicains erscheinen in dieser Lesart nicht bloß als hektische Statisten auf einem verbrannten Brett. Sie bleiben berechenbare Figuren eines alten Spiels: erstaunlich widerstandsfähig, verstrickt in Routinen, gebremst durch Takt und taktische Hemmung.
Und mittendrin steht selbstverständlich „Monsieur le Président“. Nicht glänzend, nicht mehr visionär, nicht einmal besonders inspiriert — aber immer noch da. Es geht um das politische Überleben seines Lagers. „Renaissance“ (liberal-zentristisch), „MoDem“ (christdemokratisch-zentristisch) und „Horizons“ (liberal-konservativ, mitte-rechts) — oder wie auch immer dieses Zentrum gerade firmiert — beherrschen vielleicht keine Siegerpose mehr. Aber sie suchen noch genug Restkraft, um vor 2027 nicht vollends aus dem Feld zu verschwinden. Zumal die Verfassung eine dritte aufeinanderfolgende präsidiale Kandidatur faktisch ausschließt: Nach ihrem Artikel 6 kann niemand mehr als zwei aufeinanderfolgende Mandate ausüben. Damit wird die Nachfolgefrage zur Schicksalsfrage des Lagers.
Die Türme auf offenen Linien
Das alarmistische Deutungsmuster eines nahezu flächendeckenden Vormarschs der Extreme erscheint in dieser Erzählordnung wie ein schlecht gemaltes Wandbild: zu viel Pathos, zu wenig Wirklichkeit. Doch auch die beruhigende Gegen-Erzählung hat ihre Bequemlichkeit. Sie braucht den alarmistischen Gegner, um sich als Maß und Mäßigung inszenieren zu können, bleibt aber oft auffallend ungenau darin, wer genau den Durchmarsch der Extreme behauptet, mit welchem Nachdruck und auf welcher Grundlage.
Auf dem Brett selbst ist die Lage prosaischer. In Marseille (wo die RN-Liste „Marseille en ordre“ unter Franck Allisio nach vorläufigen offiziellen Resultaten mit 35,02 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Platz zwei in den zweiten Wahlgang ging), in Paris (wo nicht der RN selbst, sondern die äußerstrechte Liste „Sarah Knafo pour Paris – Une ville heureuse“ 10,40 Prozent erreichte und damit für den zweiten Wahlgang qualifiziert war) entscheiden weniger nationale Schicksalsbilder als lokale Verankerung, Listenarithmetik und Bündniskalkül.
Doch die Gegen-Erzählung jedes Narativs trägt nur, wenn sie ihre Gegenbeispiele mitdenkt. Es gibt Orte, an denen die Ränder nicht nur drohen, sondern gewinnen. In Perpignan (in Südfrankreich, 121.616 Einwohner) etwa erreichte die Liste des RN-Bürgermeisters Louis Aliot nach den vorläufigen offiziellen Resultaten 50,61 Prozent der abgegebenen Stimmen und erhielt 43 von 55 Sitzen. Dort wurde der RN nicht zur Projektion, sondern zur Mehrheit.
Frankreich ist damit weder ein Schachbrett, auf dem nur noch die beiden äußersten Figuren ziehen, noch eines, auf dem sie nie durchkommen. Eher gleichen die stabilisierenden Kräfte des zentristischen und moderat-konservativen Lagers in der präsidialen Vision den Türmen auf offenen Linien: unspektakulär, aber systemisch entscheidend. Nicht weil sie begeistern, sondern weil sie Mehrheiten stabilisieren, Druck binden und offene Räume schließen.
Wer aus beinahe jeder Wahl sofort den Durchmarsch der Extreme herausliest, sieht vor allem die schrillen Figuren am Rand und übersieht das schwere Material in der Mitte des Bretts. Gerade weil die Türme nicht funkeln, werden sie unterschätzt. Gerade weil sie nicht schreien, bleiben sie politisch wirksam. Doch in dieser Lesart werden selbst diese Türme leicht zu Requisiten der Selbstberuhigung — weniger zu eigenständigen Machtfiguren als zu Stützen einer Erzählung, die sich ihrer eigenen Fragilität nicht ganz stellen will.
Bardella als Projektion
In einer solchen Erzählordnung verliert selbst Jordan Bardella etwas von seinem fast mythologischen Glanz. Bardella, Jahrgang 1995, jugendlich diszipliniert und spiegelglatt präsent, ist der RN-Frontmann eines altgedienten Apparats — die Verkörperung eines modernen Auftretens mit gestrigem Kern: nationalistische Ordnung, kulturelle Homogenität, das Versprechen eines Frankreichs ohne Brüche und Zumutungen.
Dass die Galionsfigur heute sendetauglich und präsidial auftritt, verdankt sich medialer Präsenz, strategischer Disziplinierung und der Fähigkeit, Regierungsnähe zu simulieren. Das macht Bardella noch nicht staatsmännisch. Wer ihn bereits als naturgesetzlichen Bewohner des Élysée behandelt, verwechselt Projektion mit Wahrscheinlichkeit. Im Schach wie im politischen Leben gewinnt nicht, wer zu rasch zieht.
Die beruhigende Lüge
Vielleicht steht Frankreich also gar nicht an einem heiligen Scheideweg der Geschichte. Vielleicht ist das Hysterische weniger das Land als manche Erzählungen über das Land. Doch diese Ernüchterung ist nicht mit Souveränität zu verwechseln.
Als Macrons Berater in Moskau dafür warben, Frankreich und Kyjiws weitere europäische Verbündete in einen künftigen Verhandlungsrahmen einzubeziehen, weil die europäische Sicherheitsordnung davon unmittelbar betroffen wäre, wurde dies russischerseits laut Financial Times schroff zurückgewiesen. Die überlieferte vulgäre Zuspitzung beruht allerdings auf der Wiedergabe eines anonym bleibenden europäischen Diplomaten und sollte daher nicht über ihren Evidenzwert hinaus belastet werden. Aussagekräftig bleibt der Vorgang dennoch: Er markiert die Grenzen französischer Einflussprätention in einem Umfeld, in dem Paris zwar weiterhin mit dem Vokabular von Ordnung, Rang und Verantwortung operiert, seine tatsächliche Durchsetzungskraft jedoch sichtbar umstritten ist.
Jupiter im Endspiel
Karikaturen zeigen Macron noch immer als Jupiter des Staates, als Präsidenten, der Blitze wirft und sich im Pantheon der Macht zu behaupten versucht. Doch auf dem Brett nützt alter Glanz wenig. Der Präsident steht vor seinem eigenen Schachbrett und ist politisch darauf angewiesen, dass die schweren Figuren noch Ordnung halten, dass die Türme die offenen Linien schließen. Un roi sans ses tours n’est qu’une ombre sur une ligne ouverte — ein König ohne seine Türme ist nur ein Schatten auf offener Linie. Die Ironie besteht freilich darin, dass selbst diese scheinbar nüchterne Lesart ihren eigenen Bauplan nicht loswird.
Und das lässt sich prüfen: daran, ob im zweiten Wahlgang in relevanten Städten tatsächlich mehrheitsfähige Listen jenseits der Pole zustande kommen — und wie oft sie über Fusionen organisiert werden; daran, ob der RN seine kommunale Machtbasis sichtbar ausbaut oder an Grenzen stößt; und daran, ob das präsidiale Lager überhaupt noch als eigenständiger Machtfaktor in kommunalen Mehrheiten erscheint — als führende Liste oder als unverzichtbarer Bündnispartner.
In mehreren Großstädten haben vereinte Listen der Linken – namentlich Parti Socialiste (PS) und Parti Communiste Français (PCF) mit Grünen (EELV) – mit LFI „fusioniert“, um Mehrheiten zu sichern. Lokale Arithmetik in Reinform: Die Türme schließen nicht nur rechte Linien, sondern binden auch linke Ränder. Genau an dieser Bündnisfähigkeit jenseits der Pole entscheidet sich, ob aus lokaler Arithmetik noch politische Ordnung wird. Dann erst wird sich zeigen, ob „Monsieur le Président“ noch gedeckt steht oder bereits allein über das Feld zieht.
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