Von Festreden bleibt meist wenig zurück. Selten ein Gedanke, öfter eine Geste. Diesmal blieb vor allem eine Figur haften: Alfred Stern als Brückenbauer zwischen Weltläufigkeit und Vorstandsetage. „Meine Aufgaben als Vorstandsvorsitzender der OMV und als Aufsichtsratsvorsitzender von OMV Petrom führen mich regelmäßig in dieses schöne Land.“ Gemeint war Rumänien. Ich saß am 06.03.2026 im Saal der Diplomatischen Akademie in Wien mit Sympathie für den Anlass, aber auch mit einem Ohr für das, was Reden dieser Art zuverlässig aussparen.

Architektur einer Rede

Im Nachhinein zeigt sich das eigentliche Verfahren dieser Rede umso deutlicher: Sie schlägt eine Brücke über alles, was trennt, und setzt darauf, dass das Publikum mit der gebotenen Höflichkeit darüber hinwegschreitet. Offenbar ging die Rechnung auf. Denn eine Brücke verbindet, ohne zu vertiefen. Nicht nur die Brücke ist hier rhetorisch wichtig, sondern auch der Mann, der sich als ihr Baumeister anbietet.

Doch was heißt „Brücke“ in dieser Rede genauer: eine diplomatische Formel, eine asymmetrieverdeckende Metapher oder gar eine postpolitische Entlastungsfigur? Wohl von allem etwas.

Dass das Wortfeld der Brücke in dieser Rede so beharrlich wiederkehrt, bestätigt diesen Eindruck: Es ist wohl kein bloßer Zufall der Formulierung, sondern Teil einer bewusst protokollarisch geführten Rhetorik. Hier werden die österreichisch-rumänischen Beziehungen als eine von Vertrauen und Zukunftssinn getragene Partnerschaft verstanden. Das klingt beinahe selbstverständlich. Nur ist die Geschichte nicht ganz so harmonisch verlaufen. Vor dem Hintergrund der österreichischen Blockaden und Vorbehalte im Schengen-Streit mit Rumänien gewinnt diese Rhetorik einen Beiklang, den man bei einem Jubiläumsanlass leicht überhören könnte. Gewiss: Die Rede galt einem Jubiläum, nicht der Schengen-Politik.

Verständigung beginnt nicht mit Überbrückung, sondern mit dem Mut zur Distanz. Denn „Brücken bauen sich nicht von selbst. Sie brauchen Mut, Geduld und Persönlichkeiten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“, sagte der Redner. Die Metapher erlaubt es, nicht über den Konflikt selbst sprechen zu müssen.

Wahrnehmung ist Geografie

Und natürlich zeigt der Festvortrag auch, dass sich unter den Worten längst ein neues Gravitationsfeld gebildet hat: Rumänien erscheint als ein Partner von wachsendem Gewicht in Europa. Gemeint ist das Gasprojekt „Neptun Deep“. Die Kooperation zwischen Petrom, der rumänischen Tochter der OMV, und dem Staatsunternehmen Romgaz dürfte Bukarest in eine neue energiepolitische Gewichtsklasse heben.

„Die Steinbrücke ist eingestürzt,
das Wasser kam und hat sie fortgetragen.
Wir bauen eine andere, flussabwärts,
eine stärkere und schönere“, heißt es in einem rumänischen Kinderreim. Viel mehr als diese knappe Folge von Verlust und Wiederaufbau braucht es kaum, um nachzuvollziehen, warum die Metapher der Brücke in rumänischen Kontexten einen anderen, womöglich reservierteren Klang hat als in Wiener Festreden.

Der Redner wurde erneut zum Präsidenten von austrom.at gewählt, jenem Verein, der den österreichisch-rumänischen Austausch seit Jahrzehnten mit bemerkenswerter Kontinuität pflegt. Vor wenigen Tagen beging der bei vielen rumänischen Landsleuten in Österreich geschätzte Verein sein 75. Jubiläum. Die Rumänen, heute die zweitgrößte Gruppe ausländischer Staatsangehöriger in Österreich, bilden längst einen sichtbaren Teil dieser Beziehung. „Rumänien spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle“, sagte Stern. Dieser Satz wurde im Saal merklich offener aufgenommen. Man hört ihn nicht ohne einen gewissen Vorschuss an Wohlwollen.

Einseitige Brücke?

So wurde die Brücke zur eigentlichen Hauptfigur, sorgfältig inszeniert. Am Ende stand der Brückenbauer im Raum, höflich bewundert und mit Applaus quittiert. In meiner Mitschrift tauchte das Wortfeld der Brücke in knapp zehn Minuten zwölfmal auf. Spätestens da begann ich mich zu fragen, ob die Metapher auch jenseits des Applauses Bestand hat.

Gerade wenn das Verbindende so nachdrücklich beschworen wird, hätte die sichtbare Einbindung rumänischer Vertreterinnen oder Vertreter in den neugewählten Vorstand der österreichisch-rumänischen Gesellschaft ein deutliches Zeichen gesetzt. Repräsentation ist kein Beweis für Gleichrangigkeit, auch wenn beim Jubiläum in Wien mit dem Obmann eines verdienten Bukarester Spiegelvereins ein solcher Vertreter anwesend war. Die Zusammensetzung des Vorstands folgt vereinsrechtlichen, nicht symbolpolitischen Kriterien. Aber sie gehört zu den wenigen institutionell sichtbaren Formen, an denen sich die Asymmetrie zwischen Partnerschaftsrhetorik und tatsächlicher Teilhabe überhaupt ablesen lässt.

Eine Brücke, wenn man dieses Bild schon bemühen will, adelt nicht nur den Sprecher; sie braucht auch Pfeiler an beiden Ufern, selbst wenn diese nicht gleich stark sind – sonst bleibt sie nur ein Bild, das sich im unruhigen Wasser spiegelt. Auch der Autor dieser Kolumne überquert sie zuweilen – als Mitglied des Vereins. Worte tragen weit, aber sie schwimmen nicht.