Im Zentrum steht ein streng komponiertes Schwarz-Weiß-Porträt von Donald J. Trump. Der Blick frontal, die Mimik unbewegt, das Licht hart und von schneidender Kontrastierung. Darüber legt sich in monumentaler Typografie der Satz „THIS IS OUR HEMISPHERE”, wobei das rot hervorgehobene Wort OUR den territorialen Anspruch visuell zuspitzt. Vor wenigen Tagen über den offiziellen Account des U.S. Department of State veröffentlicht – eine Regierungsseite im maßgeschneiderten Gewand – verdichtet dieses Bild die Figur des Präsidenten zu einer symbolischen Setzung staatlicher Macht: performative Außenpolitik, vorgetragen mit imperialem Gestus, eine präzise Ästhetik der Besitzanzeige statt diplomatischer Vermittlung.

Was Karl Marx und Friedrich Engels 1848 im Kommunistischen Manifest als das „Gespenst” beschrieben, das Europa heimsucht, ist längst aus dem europäischen Raum herausgetreten. Seine Wiederkehr speist sich heute viel weniger aus geschlossenen Ideologien als aus artikulierten Interessen. In dieser Hinsicht wirkt die unter Donald Trump neu interpretierte Monroe-Doktrin (1823) als motivationales Leitmotiv: die westliche Hemisphäre als funktional verstandene US-Versorgungszone.

Dieser Grundsatz erweist sich damit als klassisches Exempel geopolitischer Insel-Mentalität, verstanden als geostrategische Abgrenzungslogik (Sphärenpolitik): Sicherheit durch Separation, gepaart mit hegemonialem Anspruch innerhalb der als geschützt deklarierten Sphäre. Über Jahrzehnte hinweg erwies sich diese Strategie für die Vereinigten Staaten als derart erfolgreich, dass sich daraus ein strukturelles Überlegenheitsbewusstsein herausbildete.

Donald Trump greift dieses Erbe auf, allerdings unter veränderten globalen Vorzeichen. Sein außenpolitischer Fokus auf die westliche Hemisphäre – nicht zuletzt als Reaktion auf den wachsenden Einfluss Chinas – markiert eine erneute Hinwendung zum insularen (von lat. insula = Insel) Denken. Während US-Präsidenten nach 1945 eine explizit globale Führungsrolle verfolgten, getragen von multilateralen Allianzen, zieht Trump die strategische Priorität wieder auf den eigenen Einflussbereich zurück. Die Macht wird als Insel verstanden. Die Insel steht hier für Souveränität durch Abgrenzung, nicht durch Integration.

Nicht zufällig wurde diese, seine als „Monroe-Donroe”-Logik verspottete Haltung mit dem Bild des Donuts assoziiert.

Selbstbezüglichkeit

Der New York Times-Kolumnist Roger Cohen zeichnete 2020 ein bitteres Porträt Donald Trumps: Er gleiche einem Donut, schrieb Cohen, weil seine Mitte von einem konstitutiven Mangel gezeichnet sei. Doch diese Metapher trägt weiter: Das Ringgebäck ist nicht nur ein Objekt mit einem Loch, sondern eine in sich geschlossene Figur, deren Zentrum Abwesenheit bedeutet. Alles kreist um die eigene Peripherie; das Innere bleibt als Fehlstelle bestehen und wird so zum Sinnbild einer Politik der Selbstreferenz, die sich endlos um ihren eigenen Horizont bewegt. “Vinculum iuris” (Ordnung als Bindung, nicht als Sinn), das Band des Rechts, würden es die Lateiner nennen, ist jenes abstrakte Geflecht, das Form und Ordnung ohne Ethos erzeugt.

Diese zirkuläre Selbstbezüglichkeit führt zu einer weiteren dialektischen Bewegung. In diesem Kontext gewinnt Marx’ berühmter Satz aus der Kritik des Gothaer Programms von 1875 erneute Aktualität: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.”

Die Pointe liegt darin, dass ein mächtiger politischer Akteur, der den Marxismus entschieden ablehnt, sich faktisch innerhalb einer Denkfigur bewegt, die an eben dieses Diktum erinnert. Seine Außenpolitik verkommt so zur Bedürfnisverwaltung.

Ganz im Sinne der hegelschen Dialektik zeigt sich hier, dass der Konflikt der Gegensätze nicht verschwindet, sondern sich historisch transformiert und gerade darin fortlebt, in allen Himmelsrichtungen.

Unfreiwillige Insularität

Auf der anderen Seite des Atlantiks leidet Europa unter einem gegensätzlichen, gleichwohl verwandten Phänomen: einer nach innen verdichteten, nach außen zerstreuten politischen Geografie.

Trotz ihrer Bevölkerungsgröße verfügt die EU über vergleichsweise geringen Einfluss auf weltpolitische Konflikte. Jüngst wurde dies etwa in der Venezuela-Frage deutlich, in der Trumps unilateralem Vorgehen kaum ernstzunehmende europäische Akzente entgegentraten. Dieser Einflussmangel resultiert einerseits aus internen Uneinigkeiten und institutionellen Schwächen der europäischen Außenpolitik, andererseits aus der strukturellen Dominanz der USA und zunehmend auch Chinas und Russlands. Europa erscheint so bisweilen als politischer Archipel, der um sich selbst kreist (z.B. Binnenmarkt, Handel, Regulierungen aller Art), während andere Mächte die globale Agenda bestimmen.

EU-Donut ohne Mitte

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein scheinbar randständiges Detail besondere symbolische Bedeutung. Im ersten Halbjahr 2026 übernimmt mit Zypern ausgerechnet ein geteilter Inselstaat – einer der kleinsten und periphersten EU-Mitgliedstaaten – die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Das gewählte Motto lautet programmatisch: „Eine autonome Union – offen zur Welt.” Zyperns Perspektive speist sich aus eigener historischer Erfahrung geteilter Souveränität. 

Die EU, mit den vielen widersprüchlichen Interessen, ist heute ein geopolitischer “Donut ohne Mitte” in dem normative Pluralität und strukturelle Handlungsbegrenzung unauflöslich ineinanderfallen. Was sich auch mit realinstitutionellen Dynamiken (EU-Außenpolitik, Sicherheitsarchitektur) verknüpfen lässt.

Trump Donut

Doch die Donut-Metapher erschöpft sich nicht in der abstrakten Sphäre geopolitischer Analyse, sie durchdringt auch die profane Wirklichkeit des Alltags und offenbart dort ihre volle symbolische Tragweite. 

Nach der Wahl 2024 führte die Inhaberin einer kleinen Donut-Bäckerei in Texas einen speziellen „Trump-Donut” ein: ein Gebäckstück mit rotem Zuckerguss, verziert mit dem Schriftzug „Trump”. Für einen Dollar angeboten, entpuppte sich dieses kulinarische Bekenntnis als ökonomischer Rettungsanker. 

Hier manifestiert sich die Dialektik in ihrer reinsten Form: Was als politisches Symbol gemeint war, verwandelte sich in ein Instrument pekuniärer Selbsterhaltung und Marx’ Formel von Bedürfnis und Fähigkeit findet so ihre unfreiwillige Bestätigung im Teig. 

In der US-Medienlandschaft wurde diese Banalisierung des Politischen zum Gegenstand ironischer Reflexion. Late-Night-Moderator Seth Meyers bemerkte 2024, Trump habe die Politik „so weird gemacht, dass mittlerweile sogar das Donut-Bestellen große Schlagzeilen hervorruft”. 

„Weird“ ist kein neutraler Begriff, sondern kritisch als “verzerrt” gemeint, was typisch für Late-Night-Satire ist. Was sich hier abzeichnet, ist mehr als bloße Anekdote. Es ist die vollständige Durchdringung des Alltäglichen durch das Politische.

Das Banale gerinnt zum Politikum

Die erwähnte Insel ist kein Schicksal. Insularität ist kein Naturzusand. Sie ist für alle eine politische Entscheidung: eine Frage des Willens zur Einheit oder der Resignation vor der Zersplitterung. Und manchmal, in den unwahrscheinlichsten Momenten, offenbart sich diese Entscheidung dort, wo man sie am wenigsten erwartet: in der profanen Geometrie eines Donuts, der zugleich Kreis und Leere ist, als Symbol einer Ära, in der selbst das Banale zuckerbitter zum Politikum gerinnt. Der Donut bleibt so, jenseits des Anekdotischen, eine brauchbare Figur politischer Analyse.