Alex Todericiu: Die Zapfsäule, Orakel der Gegenwart
„Die Zeit ist aus den Fugen.“
— Shakespeare, Hamlet
Als Israel und die USA am 28. Februar 2026 den Iran bombardierten, verdienten einige Hundert Unbekannte Millionen, indem sie auf den exakten Zeitpunkt des Angriffs setzten. Sie taten das öffentlich, auf Polymarket, jener digitalen Wettbörse, auf der inzwischen alles gehandelt wird, was der politische Mensch noch für Schicksal halten möchte: Irans Zukunft, die Nachfolge des Obersten Führers, die Sperrung der Straße von Hormus, den Einsatz amerikanischer Bodentruppen und vieles mehr. Das Volumen dieser Wetten allein zu Iran beläuft sich mittlerweile auf etwa eine Milliarde Dollar.
Man kann solche Wetten für dekadent halten. Man kann sie auch zynisch nennen. Wahrscheinlich sind sie beides. Vor allem aber verraten sie etwas über unsere Zeit: Selbst der Krieg erscheint zuerst als handelbare Wahrscheinlichkeit. Doch der eigentliche Kurszettel der Gegenwart hängt an der Tankstelle. Die Zapfsäule lügt nicht. Sie ist von fast brutaler Aufrichtigkeit.
In ihrer Zahl steckt mehr Wirklichkeit als in jeder Wette: Steuerpolitik und Raffineriekapazität, Währungseffekte und Versicherungsprämien, Frachtkosten, Risikoaufschläge, Spekulation und nationale Marktstruktur. Was auf Polymarket als Wahrscheinlichkeit gehandelt wird, erscheint in den Etats bald als Aufwand.
Die ersten sechs Kriegstage im Iran kosteten die Vereinigten Staaten rund 11,3 Milliarden Dollar, wie US-Medien unter Berufung auf ein dem US-Senat vorgelegtes Pentagon-Briefing berichten. Darin sind die unmittelbaren Ausgaben für Treibstoff, Munition, Soldzahlungen sowie die medizinische Versorgung der Verwundeten erfasst.
Wenn Weltpolitik in den Alltag einbricht
Es sind jene Augenblicke, in denen Weltpolitik ihre abstrakte Höflichkeit verliert und in den Alltag einbricht. Einen solchen erleben wir jetzt. Der Krieg im Nahen Osten trifft die empfindlichste Zone moderner Wohlstandsgesellschaften: den Energiemarkt. Die Straße von Hormus, jene schmale Passage von enormer weltwirtschaftlicher Sprengkraft, ist schwer beeinträchtigt; die Ölflüsse liegen nur noch bei einem Bruchteil des Vorkriegsniveaus. Wie lange dieser Zustand anhält, vermag derzeit niemand seriös zu sagen.
Teurer wird nicht nur das Rohöl selbst. Steigen im Golf die Versicherungsprämien für Tanker, verteuern sich Transport, Zwischenhandel und am Ende auch der Literpreis an der europäischen Zapfsäule. Gerade deshalb ist nicht der Preisanstieg selbst erklärungsbedürftig, sondern die Verwunderung über ihn. Der Bürger spürt den Krieg dort, wo Weltgeschichte in den Alltag eindringt: beim Tanken.
Die Illusion der folgenlosen Machtpolitik
Die Absurdität liegt in der Erwartung, Machtpolitik müsse möglichst ohne spürbare Folgen bleiben. Das ist kein Ernst der Politik, sondern eine Illusion. Natürlich wirkt nicht jeder Ärger über Spritpreise unbedingt „infantil“; er ist oft auch Ausdruck realer sozialer Verwundbarkeit.
Auch wenn Trumps Politik erratisch wirkt und normativ erhebliche Einwände provoziert, folgt sie doch einer erkennbaren Logik von Interessen, Risiken und Kosten. Dass diese Logik politisch klug oder strategisch nachhaltig wäre, ist damit freilich noch nicht gesagt. Gerät eine zentrale Versorgungsroute unter Druck, steigt zwangsläufig der Anreiz, bislang blockierte Mengen wieder stärker in den Markt zu lassen.
An diesem Punkt bekräftigt die EU ihre harte Sanktionslinie und verschärft den Ton gegenüber Trump. Kanzler Merz attackiert jede Lockerung der Sanktionen gegen russisches Öl als falsches Signal. Nur beantwortet es die eigentliche Frage nicht: Wie soll ein Markt stabil bleiben, wenn zugleich eine der wichtigsten Transitrouten des Welthandels schwer gestört ist und ein großer Exporteur politisch blockiert bleibt?
Russisches Roulette
Das russische Kalkül lautet, dass selbst Washington am Ende einräumen muss, was es politisch lieber dementieren würde: Unter den gegenwärtigen Bedingungen lässt sich der globale Energiemarkt ohne russisches Öl nur schwer zu tragbaren Preisen stabilisieren. Die Pointe ist unerquicklich, gerade weil sie nicht ganz falsch ist. Geopolitische Tugend heizt keine Raffinerien und füllt keine Speicher zu niedrigen Preisen.
Natürlich ist die Marktstabilisierung durch russisches Öl eine reale Versuchung; daraus folgt aber noch nicht automatisch eine politisch tragfähige Lösung. Wenn Trump russisches Roulette spielt, tanzt Putin gerne dazu Kasatschok – in der begründeten Hoffnung, dass am Ende nicht der Skrupelloseste scheitert, sondern der Abhängige.
Die Rückkehr der Wirklichkeit
Wir wollten Machtpolitik ohne Preis. Nun kehrt die Wirklichkeit zurück. Man kann sie täglich, fast stündlich an der Zapfsäule ablesen, dem Orakel unserer Zeit. Einst stand über dem Apollontempel von Delphi: „Nichts im Übermaß.“ Unsere Säulen flüstern nüchterner. Und aus ihnen spricht eine grausamere Zeit.
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