Alex Todericiu: Frieden als Münze
„Frieden! Frieden! – Aber da ist kein Friede.“ (Jer 6,14)
Der prophetische Satz trifft einen bis heute vertrauten Reflex: Frieden wird beschworen, während Macht neu sortiert wird.
Vor gut einem Jahr trat Donald Trump, 79, seine zweite Amtszeit als 47. Präsident der Vereinigten Staaten an. Mit viel Eigenlob beschwor er vor beiden Kammern des Kongresses im Kapitol in Washington ein „goldenes Zeitalter“ für Amerika. Gleich zu Beginn seiner langen Rede zur Lage der Nation („State of the Union“) zog er ein Resümee: „Unsere Nation ist zurück – größer, besser, reicher und stärker als jemals zuvor.“
Seit der öffentlich kommunizierten Unterzeichnung der Charta des „Board of Peace“ in Davos am 22. Januar 2026 kursiert in Trumps Umfeld ein Kürzel als Leitmotiv: BoP. Es lässt sich doppelt lesen: als „Board of Peace“ (Sitzungs- und Steuerungsformat) und als „Balance of Power“, also Kräftegleichgewicht.
Diese Doppelbedeutung verschiebt, wofür „Frieden“ politisch stehen soll – besonders seit der inszenierten konstituierenden Sitzung des „Board of Peace“ in Washington, D.C., am 19. Februar 2026. Frieden erscheint hier weniger als nicht verrechenbare Gerechtigkeit, sondern als etwas, das man organisiert, bezahlt und durchsetzt: als Münze.
Entscheidend ist nicht, dass BoP zweierlei heißen kann. Entscheidend ist, dass man damit je nach Publikum umschalten kann: hier Friedensvokabular, dort Machtlogik – und keiner merkt, wann der Hebel umgelegt wurde.
Branding wäre harmloser: PR um ein unverändertes Machtspiel. Polysemie – also Mehrdeutigkeit – ist prekärer, weil sie diesen Wechsel erlaubt, ohne dass der Sprung sichtbar wird: Sie kaschiert nicht nur, sie legitimiert.
Von Peace zu Power
ls „Board of Peace“ erscheint Frieden nicht als Versöhnung. Sondern als Ergebnis von Abhängigkeiten: Mandate. Geldflüsse. Druckmittel. Trumps Deal-Logik klingt nach Sinatra: „I did it my way.“ Frieden wird zum Management-Projekt – steuerbar, berechenbar, mit dem Anspruch, neben UN und Multilateralismus eine eigene Instanz zu spielen.
Trumps Vision für den Weltfrieden kollidiert mit den Erwartungen vieler Bürger, die Frieden als moralisch kohärente Ordnung von Würde, Recht und Eigenschutz verstehen.
Wie Martin Luther King Jr. 1963 schrieb, ist Frieden nicht bloß „negativer Frieden“ – die Abwesenheit von Spannung und Gewalt –, sondern „positiver Frieden“: die Gegenwart von Gerechtigkeit; und genau diese Differenz verschwindet, wenn Frieden zur Verhandlungsmasse wird.
Theorie-Abkürzung
„Balance of Power“ ist in den Internationalen Beziehungen eine Grundfigur: Staaten sichern sich ab, indem sie verhindern, dass ein Akteur hegemonial wird – entweder durch eigenes Machtwachstum oder durch Bündnisse, die Macht „ausgleichen“.
In dieser Logik ist Frieden nicht Güte, sondern ein erträgliches Patt. Stabilität entsteht, wenn Macht Macht begrenzt – nicht, weil alle einander vertrauen, sondern weil niemand den Preis der Eskalation zahlen will.
Sino-russische Achse
Diese Logik zeigt sich exemplarisch im eurasischen Raum. Dort stößt Trumps BoP-Ansatz an strukturelle Grenzen. China hält Russland schon als „no-limits“-Partner fest, zugleich wachsen die Reibungen: Moskau ist zunehmend auf chinesische Technologie angewiesen, während Peking seinen Einfluss in Zentralasien ausbaut – einem Raum, den Russland traditionell als eigene Einflusssphäre versteht.
In der Logik eines „Board of Peace“ erscheint das als dynamisches Patt: Niemand dominiert Eurasien, es herrscht eine asymmetrische Interdependenz, doch das Kräftefeld bleibt auf Revision angelegt und damit konflikthaft stabil. Chinas Aufstieg und Russlands militärische Hebel bilden eine Konstellation, die den westlich geprägten Status quo herausfordert – und die BoP-Logik als Management rivalisierender Macht eher bestätigt, als dass sie eine moralische Friedensordnung begründet.
Weil ein solches Kräftefeld Stabilität vor allem über „Freeze“-Deals (Waffenruhe, „de-escalation“, Einfrieren des status-quo) erzeugt, ist Europas Position heikel. Freeze-Deals haben Garanten; wer garantiert, hält die Schalter in der Hand. Eine europäische Einbindung in ein US-geführtes BoP-Setting würde Europas Handlungsfreiheit an Washingtoner Instrumente koppeln – an Sicherheitszusagen, Sanktionsregime und Finanzierung. Deshalb sind EU-Autonomie und Distanz, bis hin zur funktionalen Neutralität, plausibler als eine Einpassung in eine fremd gesteuerte Friedensarchitektur.
Als funktionale Neutralität bezeichne ich eine Politik, die nicht prinzipiell neutral ist (keine klassische völkerrechtliche Neutralitätserklärung), aber in der Praxis neutralitätsähnlich handelt, um die eigene Handlungsfähigkeit zu sichern.
„Frieden ist (eine) Person“
Allerdings illustriert die vatikanische Haltung eine pregnante Alternative, da im christlichen Sinn Frieden ein Gesicht hat. Er ist nicht zuerst ein Zustand, der „eintritt“, wenn Konflikte verschwinden, sondern eine Gegenwart, die Menschen bindet und versöhnt.
Man könnte sagen: Die Zurückhaltung des Vatikans gegenüber BoP-Architekturen ist weniger realpolitische Abwesenheit als Rollenwahrung. Wer moralische Autorität nicht als Instrument nationaler Interessen versteht, wird vermeiden, sich in parteiliche oder hemisphärische Macht-Setups einbauen zu lassen.
Um den „Frieden“ streiten
Wir leben in einer Zeit, in der Frieden selbst zum Streitgegenstand geworden ist – nicht, weil ihn niemand will, sondern weil wir kaum noch einig sind, was er meint. Für die einen ist Frieden das biblische Schalom: Heil und Gerechtigkeit, eine Ordnung, die Würde schützt und sich dem Rechnen entzieht. Für die anderen ist Frieden das Ergebnis einer Statik: Kräfte werden so gegeneinander gestellt, dass niemand den Balken herausziehen will oder kann.
Diese Differenz ist anthropologisch plausibel. Sie berührt die elementare Frage, ob Menschen Sicherheit vor allem als moralische Verlässlichkeit oder als beherrschte Bedrohung empfinden. Wer von einem universalen Anspruch lebt, kann sich nicht leichthin in eine Grammatik der Kräftebilanz hineinziehen lassen, ohne das Eigene zu verlieren. Distanz wird dann zur Form des Selbstschutzes: gegen die Verwandlung des Friedensbegriffs in eine Münze, die man in den Automaten der Macht wirft, um „Stabilität“ zu ziehen.
Board sucht Peace?
Unterhalb der symbolischen Diplomatie gärt ein anderer Druck: die Friedenshoffnung vieler Bürger, erschöpft von Krisen, allergisch gegen Eskalationsrhetorik. Sie verlangt nicht den „funktionierenden Deal“, sondern eine Ordnung, in der Leid anerkannt und Leben geschützt werden.
Man könnte einwenden, die „Board“-Logik sei bloß pragmatische Koordination – ohne Anspruch auf eine neue Friedenslehre. Vielleicht ist „Board“ tatsächlich nur Operationalisierung: Frieden braucht Institutionen. Aber sobald das Arrangement zur Logik wird, definiert die Finanzierbarkeit den Frieden und nicht mehr der Frieden die Finanzierung.
Das Gremium ist das Wort der Verwaltung und der Bilanz: der Tisch, an dem man Risiken bewertet und Zuständigkeiten verteilt. „Peace“ ist das Wort der Sehnsucht. Zusammengespannt entsteht ein Bild, das zugleich tröstet und beunruhigt: Frieden wird vorstellbar als etwas, das „gemacht“ wird. „Board“ ist dabei nicht zwingend Zynismus, sondern kann eine Form institutionalisierter Verantwortlichkeit sein – solange sie dem Friedensbegriff dient und nicht umgekehrt. Sobald jedoch die Bilanz den Frieden definiert, kippt die Ordnung: Dann bestimmt Finanzierbarkeit, was als Frieden gilt, und aus moralischem Anspruch wird ein Management-Ritual.
Die Rechnung des Friedens
Gerade an den beträchtlichen Summen, die einige Staaten in den Friedensaufsichtsrat einspeisen, wird die alte Formel pecunia non olet unheimlich aktuell: Geld stinkt nicht – es soll hier vor allem nach Verantwortung riechen. Wer einzahlt, kann sich symbolisch im Glanz des Friedens einkaufen, während die innenpolitischen Motive dieser Mittelbereitstellung oft erstaunlich geruchlos bleiben. Wer überweist, erscheint als Friedensakteur – selbst dann, wenn dieselben Staaten zugleich Waffen liefern, Konflikte verlängern und damit eigene Machtprojektionen absichern. Die Leidtragenden der Konflikte haben derweil kaum Einfluss darauf, in welcher Architektur ihr Schicksal mit diesen Mitteln am Ende verwaltet wird.
Johan Galtung, der norwegische Begründer moderner Peace Studies in den 1960er-Jahren, würde hier unterscheiden: Positiver Frieden ist nicht die Ruhe nach einem „Deal“, sondern die teure Arbeit an Ursachen.
Das wird nicht durch Einzahlungen bewiesen, sondern durch Regeln, aber auch durch Schutz und faire Chancen für alle Beteiligten im Alltag. Andernfalls kommt die Rechnung zurück: als erneute Gewalt, als Ressentiment und als immer wieder brüchige Loyalität.
Polysemie als Sprengsatz
Der Kern der „Balance of Power“ versucht, eine Urangst zu beantworten: Was tun, wenn kein unangefochtener Schiedsrichter existiert? Dann muss Macht Macht begrenzen. In solchen Lagen beruhigt das Kräftegleichgewicht, weil es das Schlimmste nicht ausschließt, aber kontrollierbar erscheinen lässt.
In der Debatte um die zweite Phase der Gaza-Waffenruhe formulierte Amine Ayoub am 21.01.2026 in einem Beitrag in der „Jerusalem Post“: Übergangsarrangements beendeten Konflikte nicht, sie würden diese nur einfrieren – und „violence returns“, sobald sich das zugrunde liegende „balance of power“ wieder durchsetze.
Und hier entfaltet die Polysemie der Formel BoP ihre eigentliche Sprengkraft. Wenn „BoP“ zugleich „Balance of Power“ und „Board of Peace“ heißen kann, entsteht ein rhetorischer Kurzschluss: Frieden und Kräftegleichgewicht fallen in eins; Hoffnung und Arrangement werden verschmolzen.
Wer Frieden will, kann Krieg mitdenken
„Peace“ liefert die moralische Aura; „BoP“ trägt die kühle Logik der Machtbalance in derselben Hülle bereits mit. So kann – ohne es auszusprechen – die Botschaft mitschwingen: Frieden ist das, was am Ende eines Macht-Setups steht, und wer zahlen und drohen kann, schreibt die Friedensformel.
Nicht weniger Friedenssehnsucht prägt die Welt, sondern mehr Angst: Hält Frieden ohne Macht? Europa, das die „Berliner Mauer“ gern vergessen hätte, erlebt diese Tragik im Krieg in der Ukraine wieder am eigenen Leib – und im Portemonnaie, das schrumpft. Aus dieser Angst spricht erneut der alte Satz: Si vis pacem, para bellum. Und in Brüssel hört man inzwischen öfter die nüchterne Ergänzung: Wer Frieden will, muss Krieg zumindest mitdenken – und ihn am Ende auch mittragen. Nur wirkt es, als sei längst entschieden, wer das trägt, wie lange – und wofür. BoP klingt deshalb wie ein doppeltes Versprechen – und wie eine doppelte Warnung.
Das Echo
Vielleicht ist das die alte Warnung Jeremias in moderner Form: „Frieden“ rufen – und doch keinen Frieden meinen.
Neutralität mag Europas naheliegender Reflex sein – ein „schweizerisches Syndrom“: der Impuls, sie als Kostenbremse und Risikoabsicherung zu wählen, weil Sicherheitsfähigkeit Zeit und Geld kostet.
Doch Münzen haben Prägungen, und wer Frieden als Münze versteht, überlässt anderen die Hoheit. Frieden ist keine Prägung, die Macht in Umlauf bringt, sondern eine Gegenwart, die bindet.
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