Alex Todericiu: Interregnum Daddy
„She’s crazy like a fool, wild about Daddy Cool“ Daddy Cool – Song der Disco-Gruppe Boney M., 1976.
Im Juni 2025 rutschte NATO‑Generalsekretär Mark Rutte auf einer Bühne eine Formulierung heraus, die sofort größer ist als ihr Sprecher: „Daddy muss manchmal starke Worte benutzen.“ Man kann das als harmlose Metapher abtun und Rutte tat es später auch. Aber Metaphern sind in der Öffentlichkeit nicht nur Dekoration. Sie sind Transportmittel. Und manche sind so handlich, wenn’s um Donald Trump geht, dass sie sofort in jedes Narrativ passen.
Das kommunistische System konnte bestehen, weil die meisten so handelten, als glaubten sie an seine eher sinnbildlich schönen Parolen. Das ist kein neues Muster; fast jeder wollte Schwierigkeiten vermeiden. So entstand eine allgegenwärtige Fassade einer Zustimmung, die das System stützte. Wenige wagten es, die Illusion dieser, damals wie heute, „rules‑based order“ (einer regelbasierten Ordnung) zu durchbrechen.
Nicht die Systeme sind identisch, sondern nur die Ritualstruktur: Damals stand Repression im Hintergrund, heute reicht Statusökonomie (Karriere, Ansehen, Reichweite), um Konformität als Alltag zu organisieren.
Václav Havel (1936-2011) zeigte dies 1978 in seinem Essay „Die Macht der Machtlosen“ wie ein Gemüsehändler täglich ein Schild in sein Schaufenster hängt. Darauf konnte man lesen: „Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!“ Warum tat er das? Nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit und dem Wunsch, dazuzugehören.
Heute ist das Schild ins digitale Schaufenster umgezogen. Auf ihm steht: ‚Daddy‘. Ein Wort der Weltpolitik in Familienaufstellung verwandelt. Plötzlich ist Macht nicht mehr kalt, sondern vertraut. Nicht mehr ein Konflikt, sondern fast eine Erziehung. Es trägt schon das ganze Setting in sich: der strenge Vater, die ungezogenen Kinder, die überforderte Ordnung, die durch „starke Worte und Respekt“ wieder geradegerückt werden soll. Das ist bequem, weil es erklärt, ohne erklären zu müssen.
Mechanik der Wiederholung
Dann passierte, was in einer mediatisierten Gegenwart zwangsläufig passiert: „Daddy‑Gate“ wurde zur Spottwelle. Und spätestens als das Social‑Media‑Team des Weißen Hauses den Topos in einem augenzwinkernden Clip selbst aufnimmt („Daddy’s Home“), ist klar, wie Ironie heute funktioniert: „Daddy“ wird nicht diskutiert, sondern zirkuliert, zitiert, verdreht und landet als Parodie.
Gerade darin liegt die doppelte Stärke dieses Begriffs, der ernst klingen kann, ohne pathetisch zu werden – und scherzhaft, ohne die Autorität wirklich zu beschädigen. Er macht Macht intim. Das ist psychologisch wirksam, politisch selbstverständlich riskant, weil so Zustimmung als Gefühl organisiert wird.
Dass diese Mechanik der Wiederholung nicht erst im Politischen erfunden wurde, zeigt ausgerechnet ein Disco‑Stück, das so unpolitisch wirkt, dass es fast komisch ist, es hier aufzurufen: Boney M.s „Daddy Cool“ (1976). Der Song erzählt keine Staatslehre. Er tut etwas anderes: Er übt Bindung mit Rhythmus.
Und genau das ist die Pointe in Interregnum anno 2026, jener Zwischenzeit, in der das Alte nicht mehr bindet und das Neue noch nicht trägt: Wenn schöne Gewissheiten wackeln, wächst die Sehnsucht nach dem klaren Beat. Und damit sind wir bei der entscheidenden Verschiebung: Er zeigt, wie bereitwillig wir eigentlich Zeichen übernehmen, die unsere Entlastung versprechen.
„In der Wahrheit leben“
So greift der kanadische Ministerpräsident Mark Carney in Davos beim Weltwirtschaftsforum (WEF) 2026 bewusst zum Václav Havel hin. Der spätere Staatspräsident der Tschechischen Republik (1993-2003) beschreibt mit dem Schild im Schaufenster diese kleine, alltägliche Komplizenschaft. „In der Wahrheit leben“ kann so nur bedeuten: das Schild abnehmen. Den Reflex unterbrechen.
Allerdings profitierte Carney beim Wahlsieg im Vorjahr zu einem guten Teil von Trump (Zoll- und Handelskonflikt bis hin zu Annexions- bzw. „51st state“-Rhetorik) als Gegenfigur, nicht als Vorbild. Dass Carney nun selbst dabei Thukydides aufruft, ist klassischer Bildungsschmuck – und zugleich eine präzise Zumutung. Die Starken der Welt tun, was sie können und wollen; die Schwächeren tragen, was sie müssen. Für die weniger Mächtigen beginnt Wirksamkeit dort, wo sie den eigenen Anpassungsreflex erkennen und diesem nicht mehr folgen. Was nun auch passiert: So wird ein Interregnum einer neuen Akzeptanz eröffnet.
Warum wirkt das Echo dieser Brandrede in vielen Medien in der ganzen Welt so stark? Zeitnah zog Trump Kanadas Einladung – zu seinem frisch ausgerufenen ‚Friedensrat‘ – wieder zurück. Was Carney vermutlich mit jener kühlen Gelassenheit quittierte, die man braucht, um mehrere Türen zugleich offen zu halten.
Da ist erstens die Werte-Tür, teleologisch gemeint, und die ist zwar nur halboffen. Wahrheit erscheint als Integrität, Würde und Authentizität. Wer Politik vor allem als Frage von Moral und Rechten liest, findet hier einen Maßstab.
Dann gibt es die Diagnose-Tür, beinahe empirisch. Wahrheit bedeutet hier: ein nüchterner Blick auf bestehende Strukturen. Sie macht sichtbar, wie Dinge tatsächlich funktionieren, und hebt so Heuchelei hervor. Diese Tür spricht besonders jene an, die sich eher für „Mechaniken“ interessieren als für Bekenntnisse.
Und schließlich die Tür zur Veränderung, die Wahrheit als Praxis versteht. Wahrheit entsteht im Tun, in der gemeinsamen Handlung. Damit wird das Alte als bloßer „Kampf“ unterlaufen und ein Raum geöffnet, in dem Neues möglich wird und vor allem attraktiv ist für alle, die auf kollektive Handlungsfähigkeit setzen.
Gerade weil jede dieser Lesarten an einen anderen Zugang anschließt, kann die Rede viele Menschen erreichen, die sich so bestätigt fühlen. Nicht „die Rede ist wahr“, sondern: sie ist anschlussfähig, weil sie mehrere Erkenntnisbedürfnisse gleichzeitig bedient.
Vae victis
So schließt sich der Bogen zurück zum „Daddy“. Die eigentliche Frage lautet, warum so viele bereit sind, diese Rolle zu bestätigen. Trumps Lärm war Carneys Ruheprogramm – und so wurde in Kanada auch gewählt. Das ist die Diagnose des Interregnums: Nicht nur, dass uns Autorität angeboten wird, sondern dass wir den Refrain bereits mitsummen und ihn so noch überbieten. Selbst bauen wir seinen Thron. Wir könnten auch abbauen, indem wir das Ritual verweigern.
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