Alex Todericiu: Mittelfinger im Garten Eden
„Europe still feels more like geography, history, a tradition — not a real political force, not a great power”, Volodymyr Zelensky sinngemäß (laut CNBC) am WEF 2026.
Mit dem Mittelfinger vor laufenden Kameras reagierte US-Präsident Donald Trump im Ford River Rouge-Komplex in Dearborn (Michigan) auf einen schimpfenden Arbeiter. Das Weiße Haus verteidigte die Geste in einer Stellungnahme.
Ein Mittelfinger allein setzt keine Ordnung außer Kraft – aber er signalisiert ihre Kündigung. Er ist keine bloße Unhöflichkeit, sondern ein politischer Sprechakt: Wer ihn zeigt, verlässt demonstrativ die gemeinsame Form. Und weil Politik stets auch ein Eden der Zugehörigkeit ins Bild setzt, wird aus dieser Geste eine Grenzfrage.
Die Erzählung von der auf Regeln gestützten internationalen Ordnung ist teilweise trügerisch: Die Mächtigsten gewähren sich Ausnahmen, wenn es ihnen zupasst; Handelsregeln werden asymmetrisch durchgesetzt. Das Völkerrecht erfährt je nach Identität des Angeklagten oder des Opfers unterschiedliche Strenge. Diese Fiktion erwies sich aber als nützlich. Hegemone stellen – zumindest zeitweise – die Verteidigung der weniger Mächtigen sowie öffentliche Güter bereit: Energiesicherheit, offene Seewege, ein mehr oder weniger stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit und einen Rahmen für Streitbeilegungen. Mit Donald Trump ist diese Heuchelei in der Außenpolitik jedenfalls weniger verschleiert worden.
Man könnte einwenden, dass in der Weltpolitik am Ende nur Interessen und Ergebnisse zählen; doch ohne Form wird selbst das zweckmäßigste Ergebnis als Zumutung erlebt.
Gerade deshalb lohnt der Blick auf den Stil der Macht. Denn nicht nur Ergebnisse zählen, sondern die Art, wie sie zustande kommen. Form ist dabei nicht nur Institution, sondern auch Ton, Geste und Sprachregel.
Modus operandi
Wer heute beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos alles auf eine Person zuspitzt, verkennt die eigentliche Logik politischer Abläufe: „Wie Wasserbäche ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will“ (Spr 21,1). Selbst höchste Macht bleibt auf Erden gebunden. Donald Trumps Entscheidungen mögen wilde Schlagzeilen machen; die Richtung aber formt sich weltweit aus Institutionen, Interessen und Ereignisketten, die komplexer sind als ein einzelner Wille.
Gerade dort wo Macht gebunden ist, wird die soziale Form umso wichtiger: Wer dazugehört, wer spricht, in welchem Ton; all das entscheidet darüber, ob Ordnung als gemeinsam empfunden wird oder als Zumutung.
Paradies ist ein schillerndes Wort: Entscheidend ist weniger, was es bezeichnet, als was es verspricht – Weite oder Enge. Als Ideologie wird es zur Chiffre der Rollenzuweisung: ein Regime der Nähe, in dem Sprache Zuteilung baut. „Du“ besiegelt Zugehörigkeit, „Sie“ verwaltet sie. Wo solche Grenzen umkämpft sind, geraten politische Sätze leicht zum Zündstoff. Kaum eine Geste, kaum ein Wort von Donald Trump, das nicht medial auseinandergenommen wird: Anhänger jubeln, Kritiker reagieren mit Wut. Seine Aussagen emotionalisieren, weil sie die Grenzen des Sagbaren verschieben. Die einen erleben das als Befreiung von einem (nicht nur subjektiv empfundenen) Gatekeeping (Deutungsmonopol) im Diskurs; die anderen als Bedrohung, weil eine bereits bestehende Ordnung verletzt wird.
Maß und Selbstbegrenzung
Vor einem Spiegel steht ein literarisch erfundener „Trump“ und starrt in sein verzerrtes Antlitz im goldenen Rahmen. „Horaz“, murmelt er, „du alter Römer – du hast recht? Mäßige dich? Ich bin die Mäßigung selbst. Indem ich Mauern baue, diktiere ich den Raum.“ Aus dem milchigen Glas antwortet – als poetische Stimme, nicht als reale Erscheinung – der Dichter aus Venosa, barsch und zeitlos: Auream quisquis mediocritatem diligit: „Wer die goldene Mitte liebt.“ Der Erfundene lacht, ballt die Faust: „Goldene Türme, goldene Zeiten der Distanz! Wenn es jetzt schlecht steht, wird es nicht immer so bleiben, sagst du? Und ich bin dafür der Prüfstein!“
Das Gedankenexperiment setzt ein bestimmtes Temperament in Szene: eine triumphalistische Selbstbeschreibung, Selbstlob, geringe Kritikfähigkeit. Dazu tritt eine einfache, schlagwortorientierte Sprache und ein Hang zu simplifizierenden Denkmustern. Gerade diese rhetorische Disposition vermochte es, große Teile der Bevölkerung emotional anzusprechen und klare, eingängige Botschaften zu vermitteln.
Gegen die Versuchung, das Maß zu verlieren, ruft Horaz (Quintus Horatius Flaccus, 65–8 v. Chr.) die aurea mediocritas in Erinnerung, das goldene Mittelmaß. In Ode 2,10 entwirft er – im Spielraum einer wechselhaften Fortuna – ein Ideal der Freiheit, das aus Maß und Selbstbegrenzung erwächst. Wer sich weder in Extreme vorwagt noch im Übermaß verliert, steht weniger schutzlos in der Brandung des Zufalls. Er ruft auch nicht jenen Neid hervor, den Horaz als invidia Fortunae fasst, den „Schicksalsneid“, der menschliche Hybris zu zügeln pflegt.
Horaz’ Ode ist keine Lebensregel gegen das Unvermeidliche, wohl aber eine Anleitung, dem Unberechenbaren möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Fortuna erscheint dabei weniger als mild gestimmte Schutzgöttin denn als Laune der Welt – etwas, das sich dem Zugriff entzieht und gerade darum die Kunst des Maßhaltens zur eigentlichen Souveränität werden lässt.
Ähnliches gilt auch für andere sogenannte „globale Führer“ – meinte Gavin Newsom, der demokratische Gouverneur von Kalifornien, der Staats- und Regierungschefs beim WEF als „pathetisch“ bezeichnete, weil sie Donald Trump nicht Paroli böten. „Ich hätte eine Ladung Knieschoner für all die Weltführer mitbringen sollen“, sagte Newsom Reportern in Davos und betrieb damit selbst Formpolitik. „Ich meine: Kronen verteilen – das ist pathetisch. Die Nobelpreise, die verschenkt werden (eine Anspielung auf Venezuela) – es ist einfach pathetisch.“ Das ist nicht Diplomatie, das ist Rangordnung.
So führt der Ton der Macht zurück zur alten Versuchung: zur Selbstermächtigung, die sich für grenzenlos hält und gerade dadurch Grenzen setzt.
Eden
Im Jahr 2026 wird der britische Naturfilmer Sir David Attenborough seinen 100. Geburtstag feiern. Seine eindringlichen Warnungen vor der Umweltzerstörung inmitten von Reichtum und Macht legen weitere Formen politischer Heuchelei frei. In seiner Rede beim WEF in Davos 2019 sagte Attenborough: „The Garden of Eden is no more“ – die Erde habe ihr paradiesisches Gleichgewicht unwiderruflich verloren.
Dieses Paradies-Versprechen zielt auf Nähe und die Überwindung von Entfremdung. Politik widerspricht, weil sie Nähe organisiert und Respekt in Formen gießt. Dutzen oder Siezen wird so nicht zur Stilfrage, sondern zur Frage nach der Grammatik des Respekts. Im Garten Eden ist weder das „Du“ noch das „Sie“ entscheidend. Entscheidend bleibt die internalisierte Freiheit, aus der beide Formen erst sinnvoll werden.
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