Alex Todericiu: Sentiment – Ressentiment
„Verzeiht, Hochwürden, ich will nicht zurück:
Ich bin zu hochgeboren, um mit mir
Zu lassen schalten, mich zu untergeben
Als ein bequemer Dienstmann, als ein Werkzeug,
An irgend eine Herrschaft in der Welt.“
— William Shakespeare, König Johann
Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron formulierte es im Februar 2026 unmissverständlich: Es muss möglich sein, den Dialog mit Russland wieder aufzunehmen. Warum? Weil an dem Tag, an dem wir Frieden haben, dieser Frieden auch Europa betreffen wird. So klingt Staatsräson, zugleich die alte französische Versuchung, Gesprächsfähigkeit mit der eigenen Gestaltungsmacht zu verwechseln.
Es ist ein europäischer Affekt unserer Zeit: die panische Verwechslung von Kooperation mit Unterwerfung, von Pragmatismus mit Kontrollverlust. Shakespeare beschreibt diesen Reflex als Angst, zum Werkzeug gemacht zu werden. Hochgeboren, versteht sich: zu bedeutend, um sich schalten zu lassen.
Grandeur
Wichtig ist dabei die Inszenierung: Allegorie ist keine Gleichsetzung. Das Zitat fungiert als Rollenmodell, nicht als Diagnose. In Shakespeares Stück spricht es der französische Dauphin – nicht, weil Shakespeare so „Frankreich meint“, sondern weil die Figur des Hochgeborenen eine Haltung verkörpert, die politisch wiederkehrt: Würde wird als Abwehr gegen Abhängigkeit verstanden; Kooperation auf Augenhöhe erscheint plötzlich als Rangverlust.
Die Brücke zum Bewohner des Élysée-Palastes entsteht in dieser Perspektive nicht als Identitätsbehauptung, sondern als interpretative Verbindung: dieselbe Empfindlichkeit gegenüber Abhängigkeit und die Versuchung, Souveränität als Statusfrage zu spielen. Der Traum, Frankreichs Größe zu reaktivieren, gehört dazu; und mit ihm die Neigung, Alternativen zur US-Dominanz zu suchen – oder zumindest so zu wirken, als könne man sie suchen.
Was als „Grandeur“ erscheint, ist aber auch innenpolitische Logik: Präsidentielle Systeme produzieren oft rhetorische Maximalpolitik. Das ist weniger Psychologie als Institution.
Brüssel beginnt zu Hause
Und nun kommt die EU-Faustregel: In Brüssel ist man nur so stark, wie man zu Hause stark ist. Genau hier liegt Macrons Dilemma. „Europäische Unabhängigkeit“ lässt sich nur schwer als große Richtungsentscheidung verkaufen – aber wenn die eigene innenpolitische Hausmacht brüchig wirkt, schrumpft auch die Durchsetzungskraft nach außen. Gegner nutzen das, indem sie Macron als politisch „bald erledigt“ darstellen: Wer morgen weg ist, muss heute nicht ernst genommen werden, spöttelte Donald Trump laut Berichten vor dem Treffen des Weltwirtschaftsforums 2026 in Davos.
„Merzlonini“ – das neue Achsen-Etikett 2026
Nach Ansicht einiger Beobachter werde heuer „das Jahr Italiens und Deutschlands“ sein, erklärte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kürzlich bei einem Gipfeltreffen mit dem Kanzler Friedrich Merz in Rom.
Während Paris “all-inclusive” eher auf Konfrontation und industriepolitische Lenkung setzt, finden Berlin und Rom immer pragmatischer zueinander. Macron dürfte das nicht überraschen. Handels- und Industriemächte neigen zu Kursen, die Partner nicht verschrecken und Investitionen nicht vertreiben.
Shakespeare hat den Affekt dahinter bereits offengelegt: Wer nicht Werkzeug sein will, muss führen können; und wer führen will, braucht Zustimmung im eigenen Land. Fehlt diese Zustimmung, wirkt „strategische Autonomie“ leicht wie Kompensation: groß im Anspruch, klein in der kontinentalen Anschlussfähigkeit.
Der „Jupiter“-Präsident, wie ihn die französische Presse nennt – distanziert, über den alltäglichen Dingen –, ist weniger Ursache als Symptom: Souveränität wird zur Statusfrage. Wer aber Kooperation in Investitionen, Rüstung und Industriepolitik, selbst im EU-Diplomatieformat, ohne Unterwerfungsfantasien praktiziert, wirkt glaubwürdiger.
„Regeln! Prinzipien! Europa!“
Dasselbe Muster findet sich im Kleinen auch. Dafür ist diese deutsche Wurst da: die Extrawurst. Ein Grill. Eine Zange. Eine gut gemeinte Idee. Extrawurst, eine Gesellschaftskomödie des Duos Jacobs/Netenjakob, zeigt, wie aus einer Kleinigkeit ein Grundsatzdrama wird: Eine Ausnahme aus Rücksicht wird nicht als praktische Lösung gelesen, sondern als Präzedenzfall – als Test, wer hier eigentlich wen steuert. Rücksichtnahme kippt in Verdacht: Könnte sie schon Fremdsteuerung bedeuten, die „nette Geste“ wird plötzlich zum Kulturkampf – bis hin zur Projektionsfläche „Migration“.
Hier hilft die Begriffsarbeit: Sentiment ist die unmittelbare Emotion. Ressentiment, eher diskursiv gedeutet, ist die Dauerform davon. Es übersetzt Unsicherheit in eine Art Prinzipienrhetorik – in nietzscheanischer Tradition nicht bloß als Ärger, sondern als eigene Umwertung aus Ohnmacht. Niemand sagt: Ich habe Angst, irrelevant zu werden. Stattdessen wird aus jeder Sachfrage ein Loyalitätstest. „Regeln! Prinzipien! Europa!“ – als ob der Konflikt nicht im Sentiment säße. Ähnliches beschreibt ein Bonmot in Paris: Frankreich ist „une grande nation“, regiert von kleinen Rechnungen.
So kann sich selbst Paris mit der deutschen Vereinsheim-Welt der “Extrawurst” – unlängst auch als Clash-Kinofilm zu sehen, warum auch immer als Komödie tituliert – vergleichen: Alle wollen verhindern, beherrscht zu werden. Also wird Kooperation verdächtig und Kompromiss klingt wie Kapitulation. Wer eine Ausnahme fordert, gilt schnell als Gefahr, selbst für die EU als Ganzes; wer widerspricht, als kaum loyal.
Unterwerfung
Shakespeare und die Extrawurst liefern die Schrecksekunde: Man könnte zum Werkzeug werden. Houellebecq liefert die Müdigkeitsform: Man wird es, weil man endlich seine Ruhe will – und nennt das dann Vernunft.
Als groteske Nebenlinse drängt sich Michel Houellebecqs Buch Soumission (Unterwerfung, erschienen 2015) auf – nicht als böse Prophezeiung, sondern als Motiv: Unterwerfung als Eliteopportunismus, als Anpassung an das jeweils Plausible, nicht aus Überzeugung, sondern aus Komfort und Erschöpfung. Die Unterwerfung erscheint nicht als dramatischer Sturz, sondern als leises Arrangement in eine bequeme Normalität – und gerade deshalb merkt man zu spät, wann man aufgehört hat, Maßstab zu sein.
Das ist vielleicht die Pointe, die Shakespeare so noch nicht kannte: Nicht nur der Gegner macht dich zum Werkzeug. Manchmal ist es die eigene kulturelle Erschöpfung. Die US-Sicherheitsstrategie 2026 hat vor einem zivilisatorischen Untergang Europas gewarnt.
Der Preis des Nein
Und so wirkt Europas Ressentiment heute: Man fürchtet sich und liest so Kooperation als Unterwerfung – und wählt das Nein als Ausweis von Würde. Der Effekt ist derselbe: Die “Deals” werden ohne Europa gemacht.
Shakespeare wusste: Loyalität endet dort, wo sie als Fremdsteuerung empfunden wird. Europas Problem ist deshalb nicht nur ein äußeres Gespenst. Es ist die wachsende Überzeugung, jede Anpassung sei ein Verlust an Würde – und die Bereitschaft politischer EU-Akteure, lieber hochgeboren zu scheitern, als sich auf Augenhöhe zu verständigen.
Am Ende bleibt, wie so oft, niemand übrig, der gewonnen hat. Nicht Macron. Nicht die EU. Nicht einmal die Wurst.
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