Bence Bauer: Grönland heute
Zumindest geographisch und geologisch gehört Grönland zu Amerika, es ist Teil der nordamerikanischen Kontinentalplatte. Ob damit Grönland auch politisch zu Amerika gehört oder gar staatsrechtlich von den Vereinigten Staaten von Amerika für sich beansprucht werden kann, ist hingegen eine ganz andere Frage. Die wiederholte Forderung mit Bezug auf Grönland ist aber keine Neuigkeit, sie hat eine lange Vorgeschichte.
US-Präsident Donald Trump machte schon vor einem Jahr von sich hören, als er den US-Anspruch auf die größte Insel der Welt erhob. Jetzt schob er nach und schloss gar ein militärisches Eingreifen nicht aus. Die mehr als zwei Millionen Quadratkilometer zählende Insel hat nur 57.000 Einwohner, größtenteils Inuit-Ureinwohner, ist aber reich an Mineralien und Bodenschätzen. Auch die Nordwestpassage als kürzeste Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik erlangt eine immer größere Bedeutung für handelspolitische und geostrategische Überlegungen. Die Arktis ist eine „Arena für Macht und Wettbewerb“, so Mike Pompeo 2019.
Geschichtlich wurde Grönland bereits im Mittelalter zunächst von den Skandinaviern besiedelt, die dort aber im 16. Jahrhundert ausstarben. 1721 kam der dänisch-norwegische Missionar Hans Egede nach Grönland und etablierte die Herrschaft der dänisch-norwegischen Personalunion. Mit dem Kieler Frieden 1814 endete diese, Dänemark musste Norwegen an Schweden abtreten, die Nordatlantikbesitztümer Island und Grönland fielen an Dänemark. Pünktlich zum 200. Jahrestag der „Landnahme“ durch Egede bekräftigte Dänemark abermals seine Oberhoheit über Grönland, die freilich von Norwegen damals schon bestritten wurde. Island selbst wurde 1944 vollständig unabhängig. Begründet lag dies in der damaligen deutschen Besetzung Dänemarks, dem deutschen Einfluss widersetzten sich die Isländer erfolgreich mit einem Referendum.
Kein neues Vorhaben
So viel Glück hatten die Grönländer nicht, sie konnten sich wohl auch in Ermangelung politischer Artikulationsmöglichkeiten der dänischen Krone nicht ganz entziehen. Jedoch kam es zu einer engen strategischen und verteidigungspolitischen Anbindung an die USA. Der dänische Gesandte in Washington, Henrik Kauffmann, erklärte, keine Weisungen mehr aus dem deutsch besetzten Kopenhagen entgegennehmen zu wollen und deklarierte für sich, der „Souverän über Grönland im Namen des Königs von Dänemark“ zu sein. Zeitgleich gestattete er eine US-Militärpräsenz, die bis heute andauert. Zunächst als Verräter gebrandmarkt, gilt Kauffmann heute als Volksheld. Doch ebnete er auch den Weg zur engen Bindung an die USA.
Im Jahr 2026 sind die Vereinigten Staaten von Amerika die einzigen, die militärisch auf Grönland präsent sind. Es ist auch das erste Land, das dort ein Generalkonsulat betreibt – seit 2020. Nicht nur 2026, 2025 und 2019 wollten die USA Grönland kaufen, auch schon 1960, 1946 und in den 1860-er Jahren gab es derartige Bestrebungen, letztere parallel zum Kauf von Alaska, das vormalig zu Russland gehörte. Für die heutige Diskussion gilt: Nichts Neues unter der Sonne. Der amerikanische Anspruch, sich Grönland einzuverleiben, ist also eine alte Geschichte. Donald Trump verwirklicht ganz im Sinne der Monroe-Doktrin eine starke US-Hegemonie, vor allem in der amerikanischen Hemisphäre. „Amerika den Amerikanern“, so wohl auch seine Devise. Sein Ansinnen, Grönland geostrategisch, wirtschaftlich und vor allem militärisch stärker zu nutzen, darf keine Überraschung sein und steht ganz im Einklang mit seiner Politik à la „Make America Great Again“. Die Europäer wären gut beraten, diese lange Vorgeschichte der Insel zu kennen und den US-Anspruch auf Grönland etwas differenzierter zu betrachten.
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