Nach zehn Stunden Wartezeit am Airport, drei davon im Flugzeug, wurde der Flug annulliert. Grund: Winterliche Verhältnisse bei Null Grad. Allein, andernorts ist dies nirgendwo ein Problem.

Angefangen bei der Berliner Stadtreinigung: Viele Berliner erleben eisglatte Straßen, der Schlossplatz glich einer einzigen Eislaufbahn. Winterräumdienst, Streuung oder ähnliches? Fehlanzeige, stattdessen brachen sich viele vor allem ältere Mitbürger Arme und Beine. Der Grund: Aus ökologischen Gründen wird auf das Streuen mit Salz verzichtet und jetzt, wo die Stadt eine einzige Eisfläche ist, kann man kaum die benötigte Menge Streusalz organisieren – selbst wenn man wollte. Am Flughafen scheint dies ebenso die Policy zu sein. Salz? Fehlanzeige.

Am Montag der nächste Schock: Ganztägiger Streik bei den Betrieben des öffentlichen Nahverkehrs, man musste auf andere noch fahrende Verkehrsmittel ausweichen wie Bahn oder Taxen. Doch nicht genug: Wegen Vereisungsgefahr der Oberleitungen fuhren zwar die Straßenbahnen, doch durfte niemand zusteigen, denn Streik ist Streik. Da ist man ganz konsequent. So bot die Stadt ein merkwürdiges Bild: Leere Straßenbahnen, die ziellos umherfahren, während die Menschen bei Minusgraden notdürftig von A nach B schlitterten.

Flughafen im Ausnahmezustand

Am Abflugtag stellte ich kurz vor der Fahrt zum Flughafen fest, dass die Züge ohne Grund wieder einmal verspätet sind. Am Airport Berlin-Brandenburg die nächste Überraschung: Fast kein einziger Flug ging ab, der Flughafen stand still, man konnte froh sein, wenn man „nur“ mehrere Stunden Verspätung hatte und nicht gleich eine Flugannullierung. Die Erklärung wie gehabt: Das Wetter sei schuld. Dabei schneite es gar nicht und Null Grad im Winter ist nun wirklich keine große Überraschung. Man kann wohl annehmen, dass das fehlende Enteisungspersonal der tatsächliche Urheber dieser Pannen ist. Selbst beim schönsten Sommerwetter muss man teils bis zu einer Stunde warten, bis das Flughafenpersonal das Gepäck überhaupt erst entlädt. Die Stewardessen der Fluggesellschaft schmunzeln schon, wenn es nach Deutschland geht. „Da gibt es immer ein Problem“, so ihre Meinung.

Nach über drei Stunden Wartezeit im voll besetzten Flieger hieß es dann: Alle raus, der Flughafen wurde gesperrt. Dumm nur: Niemand war da zum Entladen der Koffer. Man musste zudem stundenlang auf eine Treppe mit zugehörigem Personal warten. Zeitgleich hatte der mit ähnlichen winterlichen Verhältnissen gesegnete Flughafen in Warschau bei deutlich niedrigeren Temperaturen überhaupt kein Problem. Also alles eine Berliner Krise?

Dabei liebe ich Deutschland, die deutsche Kultur, die deutschen Autos, das deutsche Bier. Oftmals assoziiere ich mit Deutschland Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Verlässlichkeit, Rationalität, Arbeitseifer, Höchstleistung. Wenn man aber in die deutsche Hauptstadt kommt, scheint sich alles ins Gegenteil verkehrt zu haben. Gibt es dieses Deutschland, an das ich so beständig glaube, nicht mehr? Es hat den Anschein, als ob es eine Meisterleistung wäre das ganz normale Alltagsleben in den Griff zu bekommen. Bei jedem kleinsten Umstand wird auf eine besondere Verkehrs-, Wetter oder andere Lage verwiesen. Die Verantwortlichen stehlen sich davon und sich nicht erreichbar – wie in meinem Fall. Dabei kommen andere Städte in Europa ganz gut mit den winterlichen Minustemperaturen zurecht. Zeit, von anderen zu lernen.