Der Spitzenkandidat von Tisza, Péter Magyar, war jahrelang nur Fidesz-Insidern bekannt, vornehmlich als Ehemann der erfolgreichen Justizministerin Judit Varga. Sie rangierte bis zu ihrem Rücktritt Anfang 2024 als renommierte Politikerin ganz oben auf der Beliebtheitsskala, Magyar war quasi unbekannt. Nachdem sie sich von ihrem als herrschsüchtig und aggressiv bezeichneten Mann hat scheiden lassen, erpresste er sie mit einer heimlich aufgenommenen Tonbandaufnahme. Ihm ging es darum, sich lukrative Posten und Pöstchen im Fidesz-Universum zu sichern. Nachdem diese Versuche fehlgeschlagen waren, wandte er sich in einem Anflug von verletzter Eitelkeit an die Presse und trieb seinen Rachefeldzug gegen die Regierungsparteien voran. Sein zentraler Vorwurf: Korruption und Günstlingswirtschaft. Bezeichnend dabei ist, dass er ganz elementar zu den Profiteuren der Fidesz-Regierungszeit gehört.

Auch seine Leute entstammen dem Fidesz-Lager: Auf Platz 2 der Tisza-Wahlliste rangiert die eigentlich bürgerliche Opernsängerin Andrea Rost, die sich 2023 vergeblich für den Direktorenposten des Ungarischen Staatlichen Opernhauses bewarb. Es obsiegte der bisherige Direktor, Szilveszter Ókovács, dem eine beträchtliche Prestige- und Besuchszahlensteigerung des Hauses attestiert wird. Rost warf nach ihrer erfolgreichen Bewerbung hin, ließ alles stehen und liegen und will sich nun politisch revanchieren. Ehemalige Weggefährten sind fassungslos, die Künstlerin hätte noch nie ein politisches Talent gehabt, so der Befund. Auf Platz 3 der Wahlliste steht mit László Gajdos der Zoodirektor der ostungarischen Mittelstadt Nyíregyháza. Seine Institution erhielt hochdotierte staatliche Zuschüsse, doch setzt er sich nun gegen Fidesz ein, weil er sich vor Ort – angeblich – unlauteren Attacken im Zusammenhang mit seiner Amtsführung ausgesetzt sah und sich von den Regierungsparteien in Stich gelassen fühlte. Die fünftplatzierte Anita Orbán gilt ebenso als Fidesz-Aussteigerin. Noch 2010 hätte sie in einem Wahlkreis in Budapest für Fidesz-KDNP antreten sollen, zog aber kurzfristig zurück. Ihr folgte damals István Simicskó als Kandidat des bürgerlichen Lagers. Sie galt in der Außenpolitik als gut vernetzt und arbeitete noch lange im ungarischen Außenministerium, zuletzt auch als Sonderbotschafterin für Energiefragen. Doch nun soll das alles nicht mehr gelten.

Karriereknick – Schuldige gesucht

Ein besonders einprägsamer Fall ist der des ehemaligen Oberbefehlshabers der ungarischen Streitkräfte, Romulusz Ruszin-Szende. Er wurde entlassen, nachdem er sich die Dienstvilla mit Staatsgeldern teuer renovieren ließ und sich zudem eine Schönheits-OP genehmigte. Nun macht Ruszin-Szende jetzt mit seiner Position Nr. 16 auf dem Wahlvorschlag von Tisza aktiv Kampagne gegen seine ehemalige politische Gemeinschaft. Das Muster auch hier: Wenn es zum Karriereknick kommt, sucht man einen Schuldigen, am besten gleich die große Politik. Zudem finden sich mit András Czipa und Péter Mihály Szabó auch ehemalige Mitglieder der Jugendorganisation von Fidesz auf der Seite von Tisza wieder. Sie sahen es wohl als karrierefördernd an, sich der Konkurrenz zu verschreiben. All diese Fälle belegen, dass große Teile des Tisza-Projekts auf persönlichen Animositäten, revanchegeleiteten Gelüsten und enttäuschten Eitelkeiten fußen. Ob das zum Wahlsieg reicht?