Bernhard Heinzlmaier: Die Spielräume sind verschwunden, wer wird sie wieder öffnen?
Immer häufiger kommt mir der schockierende Film „The Invasion of the Body Snatchers“ aus dem Jahr 1978 in den Sinn. In der Hauptrolle der geniale Donald Sutherland. Im Film geht es darum, dass die Menschen nach und nach von Aliens durch perfekte biologische Duplikate ersetzt werden, die wie Maschinen funktionieren und denen es dementsprechend an Einfühlungsvermögen, Spontanität und humanitären Werten ermangelt.
Blickt man heute ins Straßenbild unserer Städte, so sieht man dort eine weitgehend emotionslose Masse gleichmütig wie Vieh ihrer Wege gehen. Viele sind akkurat gekleidet und scheinen alle ein Ziel zu haben, dem sie unaufhaltsam und geradewegs zustreben. Die meisten machen den Eindruck, als hätten sie einen präzisen Plan. Ihr Weg hat einen Ausgangspunkt, eine von der Navigationsapp festgelegte Route und einen Zielpunkt, den es zeitgerecht zu erreichen gilt. Leger dahinschlendern sieht man kaum jemanden. Das planlose Sich-Treiben-Lassen, die Situationisten haben es „dérive“ genannt, ist aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden. Das ziellose, auf die Entdeckung des Neuen gerichtete Schlendern und Sich-Treiben-Lassen, ist zur revolutionären Tat einer Minderheit von privilegierten Nonkonformisten geworden. Was in der europäischen Moderne die Normalität war, ist in unserer narkotisierten postmodernen Gegenwart das Außergewöhnliche, Absonderliche, das Äußerste an Eigenwilligkeit und Extravaganz.
Alles geplant und durchorganisiert
Die Spontanität ist dem postmodernen Menschen ausgetrieben worden. Auch die Freizeit verläuft nach den Vorgaben und Rhythmen der Kulturindustrie und gehorcht den Prinzipien der Effizienz. Selbst die Befriedigung des Begehrens ist durchrationalisiert. Denn wie die Arbeitswelt, orientiert sich auch die Freizeit am kapitalistischen Grundsatz der Profitmaximierung. Ähnlich wie in der Produktion, so wird in der Freizeit der maximale Lustgewinn zu niedrigen Kosten angestrebt. Der Output ist kein materielles Produkt, sondern das Empfinden von Lust. Sarkastisch stellt der Philosoph Byung-Chul Han fest: „Wir verwirklichen uns zu Tode.“ Die Selbstverwirklichung ist von der Kür zu Pflicht geworden und besteht in der Ansammlung möglichst vieler intensiver Selbstverwirklichungsmomente. Der Nachweis darüber, ob unser Freizeitverhalten optimal ist, hat über die sozialen Medien zu erfolgen, indem dort die spektakulären Freizeiterlebnisse transparent gemacht werden. Jedes kleine Spektakel wird fotografiert und online gestellt, sodass es jeder sehen kann. Je mehr intensive und hochwertige Freizeiterlebnisse jemand präsentieren kann, desto größer sein Ansehen. In einer misstrauischen Gesellschaft muss jedes Erlebnis mit Bildmaterial belegt werden. Das Wort gilt als unzuverlässig, in den Vordergrund tritt deshalb der „authentische“ Bildbeweis – meist von der KI hergestellt.
Das Verschwinden der Spielräume
In seinem neuesten Buch „Situation und Konstellation“, weist der deutsche Soziologe Hartmut Rosa darauf hin, dass unser ganzes Leben immer stärker reguliert wird. Ein Wust von Richtlinien, Formularen, Apps und Algorithmen sorgt dafür, dass unser Leben gleichförmig und nach den von oben verordneten ökologischen oder ordnungspolitisch erwünschten Mustern abläuft. Dies führt dazu, dass wir nicht mehr handeln, sondern nach der Vollzugslogik von Maschinen funktionieren. Wie die Replikanten im oben zitierten Film laufen wir wie ferngesteuert durch die Städte, nach Plan und auf vorgezeichneten Bahnen. Die Regulierung und Verdinglichung unseres Lebens führt dazu, dass wir unsere Urteilskraft genauso verlieren wie unsere Kreativität. Wer sich von Richtlinien, Tabus und Verboten durchs Leben dirigieren lässt, der verliert naturgemäß die Fähigkeit, situationssensible Überlegungen anzustellen und kreative Lösungen zu finden. Und wenn die Ermessensspielräume radikal eingeschränkt werden, gehen auch die Freiräume für spontanes menschliches Handeln verloren. Hartmut Rosa bringt ein eindrucksvolles Beispiel: Ein elfjähriges Mädchen hat endlich das Geld zusammen, um sich bei einer modischen Fastfood-Kette den neuen Hyper-Burger zu kaufen. Beim Hinausgehen aber fällt ihr der Burger aus der Hand und wird von einem Stiefel zermatscht. Der Verkäufer hinter dem Tresen sieht das, ruft das Mädchen zurück und gibt ihr einen neuen Burger. Das wäre früher einmal möglich gewesen. Heute ist dies unmöglich, weil es Vorschriften und Regularien für die Angestellten gibt, die die gute Tat unmöglich machen. Das Mädchen würde heute bestenfalls an das Kundenservice verwiesen werden. Vielleicht würde es von dort einen Gutschein bekommen, wenn es ihr Verlusterlebnis tragisch genug darzustellen vermag. Hingegen sind dem spontan handelnden menschlichen Verkäufer längst von der postmodernen Kontrollgesellschaft die Hände gebunden worden.
Die ohnmächtige Gesellschaft
Wer den Menschen die Handlungsspielräume nimmt, der erzieht einfältige, unkreative und gefühllose biologische Roboter, die aufgrund von Vorgaben und Regeln klaglos funktionieren. Was den menschlichen Automaten aber fehlt, sind Sinnerfahrungen. Die Folge ist, dass sie sich ein Leben lang ohnmächtig und handlungsunfähig fühlen. Dadurch erlischt jegliche Handlungsenergie in ihnen, sie fallen in Passivität und enden als unzufriedene, aggressive und ressentimentbehaftete Zombies, die nicht mehr autonom handeln, sondern ohne Gefühle und Emotionen das vollziehen, was von ihnen verlangt wird.
Aufstieg durch Anpassung
Es ist offensichtlich, dass das Führungspersonal in Politik und Wirtschaft sozial und fachlich immer inkompetenter wird. Das ist die Folge der oben skizzierten systematischen Entwöhnung der Menschen vom selbstbestimmten Handeln. An dessen Stelle ist der fremdverordnete Vollzug von Aufgaben gemäß vorgegebener Regeln und Vorschriften getreten. Vernünftig abwägende und kreativ handelnde Akteure wurden durch Vollziehende ersetzt, die ohne Eros das tun, was ihnen aufgetragen wurde. Der Untergang des Menschen als autonom handelnder Akteur hat den zeitgenössischen Typus des konformistischen Mitmachers hervorgebracht. In unserer konformistischen Alltagskultur gewinnt der, der sich am besten anzupassen versteht. Die Sieger sind meistens ideenlos, intrigant, unaufrichtig, arglistig und voll Neid auf den Erfolg der anderen.
Das Triumvirat – ein zeitgenössisches Exempel
Das Triumvirat an der österreichischen Regierungsspitze ist ein Paradebeispiel für das Prinzip Aufstieg durch Anpassung. Trickreich und gewieft haben sie sich still und leise an die Spitze ihrer Parteihierarchien geschlichen. Wandlungsfähig sind sie bis zur totalen Selbstverleugnung. Andreas Babler beispielsweise hat das Kunststück fertiggebracht, sich innerhalb eines Jahres vom Marxisten zum prinzipienlosen Deal-Maker zu wandeln. Wie ist das möglich? Ganz einfach, die Grundlage seiner Existenz ist nicht das vom Verstand gelenkte autonome Handeln, er ist ein Vollziehender, ein pragmatisches Wesen, das sich den vorgegebenen Vorschriften und Regeln unterwirft, mit dem Ziel, durch seine Unterwerfungsakrobatik selbst an die Spitze der politischen Nahrungskette zu gelangen. Dort angekommen, blicken diese Leute bald enttäuscht um sich. Denn niemand ist mehr da, der ihnen Vorschriften macht und Aufträge gibt. Plötzlich tun sich Handlungsspielräume auf, die mit eigenen Ideen, kreativen Vorschlägen, vernünftigen Konzepten gefüllt werden wollen. Der Vollziehende ist erschrocken, denn für ihn ist der schlimmste Horror der Leerraum zwischen den Regeln, Vorschriften und Richtlinien. Und so scheitert der einfältige, nicht kreative Konformist, weil einer, der immer Sklave war, niemals Herr sein kann. Er stürzt und der nächste konformistische Vollziehende folgt ihm nach. Und es geht immer so weiter, bis das Regime der opportunistischen Machtmenschen ohne Eros zusammenbricht. Dann öffnet sich ein Fenster für die mutigen, extravaganten, am Wandel interessierten Innovatoren, die wieder die Türen und Fenster aufreißen, die eingeengten Spielräume erweitern und den der Freiheit entwöhnten Menschen wieder Mut machen, eigene Wege zu gehen, ohne auf Befehle von oben zu warten. Die letzten dieser Innovatoren hießen Kreisky, Brandt und Palme. Zu den neuen Hoffnungsträgern könnten Milei, Giorgia Meloni oder Herbert Kickl werden. Denn es sind nicht die Ideologie und die Massen, die den Gang der Geschichte bestimmen, es sind die großen Persönlichkeiten, die frei zu denken verstehen und die das Außergewöhnliche wagen.
Kommentare