Christian Ortner: Eine Schwedenbombe gegen Putin?
Österreichs Regierung glaubt, die Hilflosigkeit des Landes gegenüber einer allfälligen militärischen Aggression mit ein paar Milliarden Euro Steuergeld verschleiern zu können. Doch notwendig wäre jetzt eine ganz grundsätzliche Entscheidung, meint exxpress-Kolumnist Christian Ortner.
Es wird höchste Zeit, dass Österreich sich wieder einmal Schweden zum Vorbild nimmt. Während der Corona-Pandemie haben wir diese Chance ja bekanntlich verpasst; doch jetzt eröffnet sich abermals eine Chance, von dem nordischen Königtum zu lernen, wenn auch auf einem ganz anderen Feld. Doch dazu braucht es zuerst einen ganz kurzen Blick in die Geschichte.
Schweden ist bekanntlich jahrzehntelang so eine Art inoffizielles Vorbild für Österreich gewesen, vor allem in der Sozialpolitik, aber auch als neutraler Staat, der sich aus allen Konflikten dieser Welt heraushält, jedenfalls militärisch.
Was auch daran liegt, dass Schweden ein besonders friedfertiges, um nicht zu sagen pazifistisches Land ist. Den letzten Krieg haben sie dort im Jahr 1814 geführt, und zwar gegen ihren Nachbarn Norwegen. Die militärische Auseinandersetzung dauerte nur einige wenige Wochen, kostete beide Seiten jeweils etwa hundertfünfzig Menschenleben und endete mit der Unterwerfung Norwegens unter die schwedische Krone.
Seither, also seit immerhin mehr als zweihundert Jahren, leben die Schweden im tiefsten Frieden mit sich und ihren Nachbarn. Selbst der blutige Erste und der noch blutigere Zweite Weltkrieg blieben dem Land erspart. Irgendetwas scheinen die Schweden auf diesem Gebiet also richtig gemacht zu haben.
Eine Frage der Souveränität
Wer glaubt, jetzt käme ein Plädoyer für Neutralität und dem Heraushalten wo immer es geht, muss leider sehr stark sein.
Denn nicht nur hat Schweden, wie allgemein bekannt ist, seine traditionelle Neutralität nach dem russischen Überfall auf die Ukraine unlängst herzlos gekübelt (wie ja übrigens auch das bis dahin blockfreie Finnland) und ist der NATO beigetreten, weil das Königreich sich davon zu Recht deutlich mehr Sicherheit erwartet.
Als wäre das nicht schon genug an extremen politischen Kurswechsel, den die Bevölkerung übrigens durchaus mehrheitlich mitträgt, beginnt nun in den inneren Zirkeln Stockholms langsam, aber durchaus ernsthaft eine Diskussion über die Frage, ob sich Schweden nicht angesichts der neuen Weltlage, in der die USA als Schutzmacht Europas nicht mehr ausreichend verlässlich erscheinen, selbst mit Atomwaffen und dazugehörigen Trägersystemen ausrüsten soll. Unausgesprochener Grund dafür: Um Russland noch glaubwürdiger als bisher zu zeigen, dass eine Verletzung schwedischer oder möglicherweise auch schwedisch-baltisch-finnischer Souveränität keine so schlaue Idee wäre.
Atombombe auf den Tisch
Die Debatte eröffnete Jimmie Akesson, Vorsitzender der rechtsgerichteten Partei der Schwedendemokraten, auf deren Unterstützung die regierende Koalition angewiesen ist. Er war der erste prominente Politiker, der mit dieser Idee liebäugelte. „Schweden hatte vor langer Zeit viel Expertise in der Nukleartechnologie“, sagte Akesson der Zeitung Goteborgs-Posten, „doch der politische Wille wollte etwas anderes. Ich denke, in dieser Situation sollte alles auf dem Tisch liegen.“ Alles – also auch explizit Nuklearwaffen.
Mehrere Wochen später sagte Robert Dalsjo, Wissenschaftler bei der schwedischen Militär-Forschungsbehörde FOA, auf einem Seminar: „Nun müssen wir über unabhängige Atomwaffen mit einer schwedischen Komponente diskutieren.“ (Quelle: Sunday Times, 28. 9. 2025)
Eine erwachsene Diskussion
Klar: Natürlich ist das noch nicht Regierungslinie, noch kreisen keine schwedischen Atombomber über der Ostsee. Noch ist die Schwedenbombe bloß eine Süßigkeit aus dem fernen Österreich. Aber genau so hat in Schweden auch die Debatte über den Ausstieg aus der Neutralität und den Beitritt zur NATO begonnen – erst als schräge Außenseitermeinung, die am Ende zum Gesetz wurde.
Und zwar, weil eine ernsthafte, faktenbasierte und von allen Seiten redlich geführte öffentliche Erörterung zu dem Schluss kam, dass geänderte Fakten geändertes Handeln erfordert.
Vernünftige Erwachsene machen das so.
Womit wir leider in Österreich zurück sind.
Und dabei fällt sofort auf: Der Unterschied in der Art und Weise, wie Schweden umgeht mit dem Problem der globalen tektonischen Verschiebungen, dem Ende der regelbasierten Weltordnung und dem Anbruch einer Epoche, in der das Recht des Stärkeren gilt, und wie Österreich das weitestgehend verdrängt, negiert und beiseiteschiebt, ist enorm.
Es geht ja wirklich nicht darum, ob sich Österreich jetzt nach dem Muster einer allfälligen Schwedenbombe eine eigene Atombombe, sozusagen eine A-Bombe, zulegt. Das wäre ja wirklich undenkbar in einem Land, das Atomstrom gerne verwendet, wenn er nur ein paar Kilometer jenseits der Landesgrenzen hergestellt worden ist.
Weiterwursteln ist kein Plan
Aber es geht sehr wohl darum, dass in Österreich von den Verantwortlichen einmal ehrlich, klar und ohne Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten und Meinungsumfragen auf den Tisch gelegt wird, welche Optionen es angesichts des völlig neuen geopolitischen Umfelds gibt. Und danach entscheidet, welche dieser Optionen am ehesten im nationalen Interesse des Landes ist.
Sehr viele Optionen gibt es ja nicht: Ernsthafte Neutralität erfordert unfassbar teure Hochrüstung, um glaubwürdig zu sein. Oder der Beitritt zu einer NATO, die sich möglicherweise von den USA entfernt und zu einer Art EU-Armee mutiert. Oder aber weiterwursteln wie bisher und dem Bundesheer ein paar Milliarden spendieren, weil das halt gerade so in Mode ist. Was sehr österreichisch wäre, nur leider kein Plan – oder jedenfalls kein guter Plan.
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