Christoph Topitschnig: 2026 und die neue Weltordnung
Die Ereignisse der letzten Jahre lassen auf einen globalen Neustart im Bereich der Geopolitik schließen.
Der Begriff „neue Weltordnung“ wurde in den letzten Monaten von Politikern wie dem US-Vizepräsidenten JD Vance oder EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mehrmals verwendet. Derzeit werden neue geopolitische Grenzen gezogen, neue Allianzen geschmiedet und perverse Sexskandale enthüllt. Die Menschen sind polarisiert und demoralisiert. Das Finanzsystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Das alte System hat ausgedient. Der Ruf nach Veränderung, Gerechtigkeit und Sicherheit wird mit jedem neuen Vorfall lauter. Daher stellt sich mir die entscheidende Frage: Werden wir 2026 den Beginn einer neuen Weltordnung erleben?
Eine gebrochene Welt
Der Europäischen Union fehlt es an Willenskraft und den nötigen Ressourcen, um wieder den Status einer Weltmacht zu erlangen. Zudem sabotiert sich die EU selbst durch überbordende Bürokratie, eine katastrophale Asylpolitik und zunehmende Zensur. Die arabischen Länder eifern westlichen Fehlentwicklungen nach – von gesellschaftlicher Dekadenz über politische Konflikte bis hin zur fortbestehenden Öl-Abhängigkeit. Afrika verharrt aufgrund ökonomischer Schwäche und ausufernder Korruption weiterhin in Armut und Elend. Ähnlich ergeht es Südamerika.
Russland verliert sich in einem verlustreichen Abnutzungskrieg. Viele glauben, China könne zur nächsten führenden Supermacht aufsteigen. Ob das Reich der Mitte dafür über die nötige Vision und den entsprechenden Animus verfügt, muss sich allerdings noch zeigen. Selbst die Zusammenarbeit einiger dieser Akteure unter dem Begriff „BRICS“ wird an den grundlegenden Problemen vermutlich wenig ändern.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Vereinigten Staaten nicht nur monetäre und militärische, sondern auch kulturelle Dominanz auf globaler Ebene erlangt. Die USA haben die moderne Gesellschaft wie keine andere Nation zuvor geprägt. Aber Amerika hat seinen Status als Vorbild eingebüßt und ist nicht länger eine inspirierende Kraft.
Das Ende der „Neuen Welt“?
Der deutsche Kulturphilosoph Oswald Spengler beschreibt in seinem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ den zyklischen Aufstieg und Fall von Hochkulturen. Er unterscheidet dabei streng zwischen Kultur (schöpferische, blühende Phase) und Zivilisation (die späte, erstarrte Endphase). Für ihn ist die Zivilisation ein sterbender Organismus.
Laut Spengler sind einige typische Anzeichen einer untergehenden Zivilisation: ein dekadenter Lebensstil, Caesarismus, vorherrschender Materialismus, falsche Ersatzreligionen und der Verlust von Tugenden und Künsten. All dies sind Symptome, die Amerika – und in vielerlei Hinsicht auch die restliche Welt – aufweist.
Die USA als sterbende Zivilisation zu betrachten, mag für manche etwas zu weit gehen. Aber jede Nation, egal wie mächtig sie ist, hat ein Verfallsdatum. 2026 feiern die Vereinigten Staaten ihr 250-jähriges Jubiläum. Nach Ansicht des britischen Militärhistorikers Sir John Bagot Glubb entspricht genau diese Zeitspanne der durchschnittlichen Lebensdauer großer Reiche und Imperien.
Der Weltsaat als Utopie und Lösung
Sollten die Vereinigten Staaten tatsächlich dem Untergang geweiht sein, wird ein Machtvakuum entstehen. Jemand oder etwas muss dieses Vakuum füllen – andernfalls werden rivalisierende Akteure um die Vorherrschaft kämpfen, und damit die Welt ins Chaos stürzen. Etwas Neues muss kommen.
Die Idee von einer neuen, einheitlichen politischen Ordnung hat bereits Platon in „Der Staat“ skizziert. Darin beschreibt er eine Regierungsform, die streng hierarchisch und philosophisch geführt wird. Im Gegensatz zu Platon, dessen Idealstaat auf die Stadt begrenzt blieb, entwarf Dante Alighieri ambitioniertere Konzepte. In seiner politischen Schrift „De Monarchia“ plädiert er für die globale Herrschaft eines einzelnen Monarchen, eines Kaisers, der für den Weltfrieden sorgen soll.
Der deutsche Philosoph Immanuel Kant schrieb in seinem Werk „Zum ewigen Frieden“ von einem föderalen Völkerbund. Eine republikanische Verfassung und ein Weltbürgerrecht sollen einen dauerhaften Frieden ermöglichen. Der britische Science-Fiction-Autor H. G. Wells hoffte in seinem Buch „Die neue Weltordnung“ auf die Abschaffung der Nationalstaaten. Er warb für eine globale, wissenschaftsorientierte Regierung – einen Weltstaat.
Die neue Weltordnung
Aber woher könnte ein solcher „Weltstaat“ seinen realen Ursprung finden? Gibt es bereits erste Anzeichen für ein solches Konstrukt? Nehmen wir an, alle Nationen würden sich auf einen Weltstaat einigen – wie könnte die Bevölkerung eine solche Institution akzeptieren?
Die Menschen müssten sich als Weltbürger identifizieren, sollten aber auch ihren nationalen Stolz bewahren und zeigen dürfen. Eine vereinte globale Gesellschaft muss zum Wohle der Gemeinschaft handeln, ohne dabei die Freiheit und die Bedürfnisse des Individuums zu beschränken oder zu negieren. Dieses neue Bewusstsein darf nicht aufgezwungen werden, ansonsten würden die Menschen es ablehnen und aktiv bekämpfen. Nur eine friedliche und vor allem freiwillige Vereinigung könnte dauerhaft stabile Beziehungen zwischen den Nationen und Völkern gewährleisten.
Betrachtet man die kulturellen und geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre, so wirkt der Zusammenschluss aller Regierungen zu einer hegemonialen Weltgemeinschaft eher wie eine idealistische Wunschvorstellung. Nationale Eigeninteressen und zunehmende Konflikte dominieren das derzeitige Weltgeschehen. Entscheidend ist daher nicht nur, ob oder wann eine neue Weltordnung entsteht, sondern, von welcher Art sie sein wird. Steuern wir auf einen totalitären, digitalen Überwachungsstaat zu? Oder auf ein Kollektiv – getragen von Humanismus, Vernunft und Weitsicht? Vielleicht liefert uns das Jahr 2026 die ersten Antworten auf diese Frage.
Hinweis: Gastkommentare stellen die Meinung der jeweiligen externen Autoren dar und müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.
Kommentare