Vergangenen Montag spazierte ich, wie so oft, durch den achten Bezirk nach Hause. Dabei blieb ich noch rasch bei einem Supermarkt stehen, um mich mit meiner Schafsmilch und ein paar weiteren Kleinigkeiten für den Heimweg einzudecken. Ein vollkommen unspektakulärer Montagnachmittag, von der Sorte, an die man sich so rasch nicht mehr erinnert.

Vor dem Eingang fiel mir der Mann auf. Er stand da, schwankte, wackelte hin und her, wirkte nicht ganz bei sich – ob Alkohol, ob etwas anderes, ob nur die Hitze, ich kann es nicht sagen. Ich wollte keine Berührungspunkte mit ihm, also ging ich an ihm vorbei hinein. Er folgte mir.

Ich merkte erst bei den Kühlregalen wie nah er mir kam. Da stieg ein ungute Gefühl in mir auf. Ich griff schneller, als ich eigentlich wollte, nach einem Joghurt und stellte mich an die Kasse. Zweimal drehte ich mich noch um, ob er noch da sei, ob ich vielleicht etwas sagen sollte. Aber ich sah ihn ziellos weiter hinten im Supermarkt umherspazieren und dachte mir: Mitarbeiter sind genug in der Nähe, die werden sich um ihn kümmern, sollte er negativ auffallen.

Die Hoffnung stirbt zu letzt, und dieses mal starb sie.

Vor mir hatte eine Frau ihre Einkäufe bereits aufs Band gelegt und ging noch einmal kurz zur Seite, zu einem Regal bei der gegenüberliegenden Kasse. Sie streckte sich nach oben, das Gesicht zum Regal, den Rücken zum Gang – und in genau diesem Augenblick stand er hinter ihr. Drückte sich von hinten an sie, eng, und griff zu, als wollte er ganz zufällig nach demselben Produkt greifen wie sie. Es dauerte nur Sekunden, und ich begriff erst aus dem Augenwinkel, was ich da sah. Ich riss mir die Kopfhörer aus den Ohren und eilte zu der Dame, um den Mann von ihr wegzuziehen – ihr war die Situation sichtlich unangenehm. „Entschuldigen Sie, gehen Sie da weg”, und er begann sofort, mich anzubrüllen. Ich wandte mich zur Kasse und sagte, so ruhig ich konnte: „Entschuldigung, wir brauchen hier Hilfe.” Ich forderte den Mann auf, Abstand zu halten, einer Frau komme man nicht so nahe. Ich bat den Kassierer ein zweites Mal um Hilfe. Aber der Kassierer kassierte seelenruhig weiter.

„Kann hier bitte jemand kommen?"

Was dann geschah, hat mich am Ende fast mehr erschüttert als der Übergriff selbst. Den Übergriff konnte ich mir noch erklären – es gibt Menschen, die Grenzen überschreiten. Was ich mir nicht erklären konnte, war alles andere: dass niemand reagierte. Der Mann an der Kasse tat, als sei nichts. Die beiden Mitarbeiter, die kurz zuvor noch Regale in unmittelbarer Kassennähe eingeräumt hatten, waren plötzlich verschwunden. Die Menschen in der Schlange hinter mir sahen zu. Ich rief laut, deutlich, mehrmals: „Hallo, entschuldigen Sie, kann hier bitte jemand kommen und uns helfen?” Und es kam: niemand.

Der Mann ging nach vorne, grölte, beschimpfte mich- in unverständlicher Sprache. Ich wich zurück, und hinter mir wichen zwei junge Mädchen ebenfalls zurück, und je weiter ich zurückwich, desto weiter wichen auch die anderen, als wäre der sicherste Platz im Geschäft jener, von dem aus man nichts sehen und nichts tun muss. Die Einzige, die schließlich an meine Seite trat, war die betroffene Frau selbst. Als der Mann erneut auf mich zukam, stellte sie sich dazwischen.

Er wich Richtung Ausgang. Doch bevor er ging, drehte er sich noch ein letztes Mal um, schrie von dort aus „Du Frau, ich Mann”, sah mir in die Augen, griff sich demonstrativ in den Schritt und wackelte mit seinen Genitalien. Er zeigte damit sein wahres Gesicht: das eines Mannes, der die Frau ganz selbstverständlich unter sich sieht und sich daraus jedes Recht ableitet, sie im Supermarkt zu belästigen. Willkommen in Österreich 2026 – die Aufklärung und der Kampf für Frauenrechte haben uns wirklich weit gebracht. Das Patrichat ist zurück aber nicht weiß und alt. Sonder von hell bis dunkelbraun und zwischen 20-40 Jahren.

Ja, liebe Leser, da ist mir der Kragen geplatzt. Ich sagte ihm, dass Männer wie er ein Problem in diesem Land sind, dass er dorthin zurückgehen kann, wo solche Sitten herrschen, und dass wir hier nicht so leben – dass man einer Frau hier nicht zu nahe kommt. Vielleicht war das im Affekt zu laut und zu hart für die Ohren der Umstehenden, die bis dahin so vornehm geschwiegen hatten. Aber ich nehme kein Wort davon zurück. Sichtlich provoziert wollte er ein weiteres Mal auf mich losgehen, doch wieder ging die Frau vor mir an der Kasse dazwischen. Ich signalisierte ihm, er solle jetzt gehen – und zum Glück tat er das auch.

Sie fragen sich, ob zu diesem Zeitpunkt irgendjemand anderes eingegriffen ist, ob die Mitarbeiter uns zu Hilfe kamen? Nein. Niemand.

Wo sind wir gelandet?

Erst draußen, neben der Frau, beide noch unter Schock, kamen die Fragen, die mich seither nicht loslassen. Warum hat niemand etwas getan? Warum musste ausgerechnet ich, eine einzelne Frau, die Einzige sein, die einschreitet, während ein ganzer Supermarkt zur Zuschauertribüne wurde?

Ich habe später mit Bekannten, Freunden und Familie darüber gesprochen, und ihre erste Reaktion war nicht Empörung über den Mann und auch nicht über die Untätigkeit der anderen, sondern Sorge um mich: Ich solle aufpassen, was denn gewesen wäre, hätte er ein Messer gezückt. Eine berechtigte Sorge, gewiss. Aber halten wir einen Moment inne und hören wir uns selbst zu: Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem man einer Frau, die einer anderen Frau hilft, ernsthaft raten muss, sie solle das besser bleiben lassen – um ihres eigenen Lebens willen. In einem Supermarkt. Am helllichten Tag. Im achten Wiener Gemeindebezirk.

Ausgerechnet hier, wo man sich so gern für besonders weltoffen, besonders tolerant, besonders fortschrittlich hält. Es ist eben leicht, Haltung zu zeigen, solange Haltung nichts kostet. An jenem Montag, an der Kassa, hätte sie etwas gekostet – ein einziges Wort, einen einzigen Schritt nach vorn –, und genau in diesem Augenblick war von der vielbeschworenen Zivilcourage des aufgeklärten Bezirks nichts mehr übrig.

Und die Politik?

Während Frauen sich in einem ganz gewöhnlichen Supermarkt nicht mehr sicher fühlen können, feiern wir auf europäischer Ebene die großen Migrationsbeschlüsse, die seit Wochen breit diskutiert werden und von denen sich draußen, auf der Straße, längst niemand mehr viel erwartet. Die konkreten Probleme aber bleiben, wo sie sind: an der Kasse, auf der Straße, in der U-Bahn-Station. Und so stellt sich, ob es den feinen Ohren der Josefstadt gefällt oder nicht, die alte Frage: Wie lange schauen wir noch zu? Wie lange lassen wir uns von Verfahren, Zuständigkeiten und Brüsseler Vokabular erklären, warum nichts geändert werden kann? Wann, bitte, handeln wir endlich?

Und warum ist niemand eingeschritten? Womöglich hatten die Mitarbeiter selbst Angst – Angst, als Rassist beschimpft zu werden, oder Angst vor dem Täter. Verständlich. Eine Ausrede ist es trotzdem nicht. Soll es also Normalität werden, dass wir künftig zusehen, wie eine Frau bedrängt wird? Wenn ja, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, wie weit es noch kommen soll. Die Messerangriffe gibt es, der Gedanke meines Bekannten war nicht weit hergeholt. Aber kann das Ziel wirklich sein, dass wir am helllichten Tag im Supermarkt derart auf uns allein gestellt sind, dass am Ende der Ruf nach lockereren Waffengesetzen steht – nur damit der Einzelne handlungsfähig bleibt, weil die Gemeinschaft ihn im Stich lässt?

Nicht wegschauen

Solche Taten landen in keiner Statistik, weil die meisten von uns sie nie melden. Erzählt man dann doch davon, im Freundeskreis, in der Familie, in der Arbeit, kommt fast jedes Mal dasselbe zurück: „Mir ist auch einmal etwas Ähnliches passiert.” Lauter Vorfälle, die nie irgendwo aufscheinen. Die Dunkelziffer ist damit mit Sicherheit um ein Vielfaches höher, als jede offizielle Zahl glauben macht – und das macht es umso gefährlicher, sich auf Statistiken zu verlassen, die das wahre Ausmaß gar nicht abbilden können.

Ich möchte daher jeden und jede ermutigen, nicht wegzuschauen, sondern hinzusehen und zu helfen. Ich hatte keine Angst bzw. genügend Adrenalin um einzuschreiten. Ich bin froh, dass ich – mich immer wider in Situation wiederfinden wo es Zivilcourage braucht – stets den Reflex habe, einzuschreiten. Arbeiten auch Sie an Ihrem. Meiner Wahrnehmung nach werden solche Situationen eher mehr als weniger werden, und da die Politik uns bei diesem Thema im Stich gelassen hat, liegt es an uns Bürgerinnen und Bürgern, zusammenzuhalten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Gott, das Universum – oder wie immer Sie es nennen möchten – einem in solchen Momenten beisteht. Und selbst wenn er ein Messer gezückt hätte: Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen, hätte ich nicht eingegriffen.