Der unspektakulärste Penis der Kunstgeschichte: Olympisches Komitee zensiert da Vinci
Im Olympiavorspann des italienischen Fernsehens erscheint ein vertrautes Bild: ein nackter Mann, ausgebreitet in zwei überlagerten Positionen, in Kreis und Quadrat gefasst. „Der vitruvianische Mensch“ von Leonardo da Vinci – Ikone der Renaissance, Manifest des Humanismus und vermutlich die berühmteste anatomische Skizze der Welt. Doch diesmal steht er nicht ganz so da, wie Leonardo ihn einst zeichnete: Er erscheint ohne Genitalien.
Ein Kommentar von Sara Douedari.
Leonardo da Vincis „Vitruvianischer Mensch“ im Original (links) und in der für den Olympia-Vorspann bearbeiteten FassungNIUS/Rai / TVP Sport
Eine kleine digitale Korrektur, kaum mehr als ein „Schönheitseingriff“ im Detail – und doch groß genug, um eine kulturpolitische Debatte auszulösen.
Denn diese Zeichnung ist weit mehr als eine Studie des menschlichen Körpers. Sie verkörpert die Idee der Renaissance, dass der Mensch nach rational erfassbaren Proportionen aufgebaut ist, dass sich in seinem Körper die Ordnung von Natur und Geometrie widerspiegelt. Kurz: Der Mensch als Maß aller Dinge. Und ausgerechnet dieses Maß wird nun vorsorglich korrigiert.
Was genau wird hier befürchtet? Ein 500 Jahre alter anatomischer Befund? Oder die Erinnerung daran, dass der Mensch ein Körper ist – vollständig, biologisch, geschlechtlich?
Von Anatomie zur Prüderie?
Man hätte sich kurz vergegenwärtigen können, dass Olympia seine Wurzeln in einer Welt hat, in der nackte Griechen Wettkämpfe austrugen, ohne dass jemand die Sittlichkeit gefährdet sah. Man hätte auch erwähnen dürfen, dass „Der vitruvianische Mensch“ zu den meistreproduzierten Bildern der Kunstgeschichte zählt, in Schulbüchern steht und sogar die italienische Ein-Euro-Münze ziert.
Stattdessen gilt eine Zeichnung von 1490 im Jahr 2026 offenbar als potenziell zu explizit für das Fernsehen. In einer Kultur, die Muskeln in Nahaufnahme zeigt, Körper filtert und formt und insbesondere in sozialen Medien zur Ware macht, wird ausgerechnet die nüchterne Anatomie einer Renaissance-Studie zum Problem. Leonardos anatomisches Erbe wird als plötzlich irritierend wahrgenommen.
Fairerweise trifft die Verantwortung nicht einmal primär den italienischen Sender. Der Vorspann stammt vom Produktionsdienst des International Olympic Committee. Wer Olympia überträgt, übernimmt das Bildmaterial vertraglich.
Vielleicht liegt der Widerspruch tiefer. Sexualität war in der Kunst nie bloß ein Symbol für Lust oder Skandal, sondern Teil einer größeren Erzählung über das Menschsein – über Begehren, Verletzlichkeit, Macht und vor allem Schönheit. Am Ende bleibt eine fast absurde Pointe: In einer Zeit, in der kaum etwas verborgen bleibt, wird ausgerechnet der wohl harmloseste Penis der Kunstgeschichte zum Gegenstand öffentlicher Prüderie.
Dieser Kommentar ist ursprünglich auf unserem Partner-Portal NiUS erschienen.
Kommentare